„Poesie und Sprache sind für mich auch eine Art Zuflucht“ Sigune Schnabel, Schriftstellerin_Düsseldorf 29.7.2021

Liebe Sigune, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich fange gegen sieben mit der Arbeit an. Das Arbeitsende lässt sich in der Regel nicht planen. Seit ich nicht mehr pendeln muss, habe ich insgesamt viel Zeit gewonnen und kann mich hin und wieder noch für einen Spaziergang am Abend verabreden. Da im Mai mein neues Buch „Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht“ im Geest-Verlag erschienen ist, war ich im Frühjahr an den Abenden auch häufig mit Organisatorischem rund um den Band beschäftigt. Das wäre früher kaum möglich gewesen.

Mit dem Schreiben neuer Texte befasse ich mich vor allem an den Wochenenden. Der kreative Prozess findet bei mir außerhalb eines kontrollierten Zeitablaufs statt, daher ist es für mich wichtig, nicht auf die Uhr schauen zu müssen, sonst kann ich mich dem Sog nicht hingeben und bleibe mit einem Teil des Denkens jenseits der Texte. Das hat zur Folge, dass mir der Wechsel zwischen rationalem und nicht durch den Verstand kontrolliertem Arbeiten kaum gelingt. Gerade diese Trennung ist jedoch bei mir für die Entstehung von Lyrik entscheidend.

Im Moment beteilige ich mich außerdem an mehreren Literaturprojekten. So bin ich Teil des Redaktionsteams der Wuppertaler Zeitschrift „neolith“ und der Vorjury für den Bonner Literaturpreis. Das Team von „neolith“ trifft sich meistens abends in Videokonferenzen, hin und wieder auch an den Wochenenden. Der Lockdown hat für mich die Teilnahme deutlich erleichtert, da auch hier lange Fahrzeiten wegfallen.

Sigune Schnabel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Alle“ finde ich ein sehr großes Wort. Vielleicht ist es leichter, bei mir selbst anzufangen, aus meiner kleinen Lebensperspektive die Frage zu beantworten. Für mich wäre wichtig, dass Menschen nicht wieder in Staus und in Züge zurückgeschickt werden, wenn keine Notwendigkeit dafür besteht, und dass wir langfristig andere Modelle suchen. Wobei „wir“ in dem Fall etwas ist, was außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt, also als totum pro parte zu verstehen ist. Selbst in diesen Satz passt die Gesellschaft als Ganzes nicht hinein, wie wahrscheinlich in fast keine Aussage.

Hier in der Gegend ist es seit Jahrzehnten üblich, dass morgens ein regelrechtes Verschieben an Menschenmassen stattfindet – von einer Stadt in die andere, und am Abend wieder zurück. Ich denke, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Lebensqualität wäre es gut, diesen Irrsinn auch in Zukunft auf das Nötigste zu beschränken.

Wir haben gesehen, dass in vielen Bereichen eine andere Alltagsgestaltung möglich ist. Wir sollten alteingefahrene Strukturen häufiger überdenken und das Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen. Es wäre wichtig, jetzt und auch später immer wieder die Frage zu stellen: Wie wollen wir leben? Aber auch: Wie wollt ihr leben? Eine größere Hinwendung zu unserem Gegenüber, zu den Menschen, ihren Lebensumständen und Bedürfnissen wäre mein Wunsch. Letztlich wirkt sich das auch positiv auf die Kunst aus – wie auf viele andere Gebiete, die vielleicht schlagkräftigere Argumente darstellen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, Kunst und Literatur kommt weiterhin nur eine kleine, unbedeutende Rolle in der Gesellschaft zu. Im Lockdown haben wir gesehen, dass für Politiker dieser Bereich nicht entscheidend ist. Es gibt auch keine starke Lobby wie im Fußball, da Kunst schon immer einen viel kleineren Teil der Bevölkerung beschäftigt hat.

Erschreckt hat mich die Einteilung der Tätigkeiten in Gruppen, und nicht nur das: auch der Menschen. Neuerdings gibt es „wichtig“ und „unwichtig“, „nicht systemrelevant“. Dieses Unwort fasst die vorherrschende Denkweise und gesellschaftliche Entwicklung gut zusammen. „System“ allein ist ja bereits so ein aufgeladener Begriff, in dem ganze Ideologien mitschwingen. Es ist ein Irrsinn, Menschen zu sagen, dass sie nicht gebraucht werden. Diese Einstufung mag für ein bestimmtes Ziel und Umfeld vielleicht zutreffen, jedoch hat es für mich immer einen Anstrich von Überheblichkeit, darüber zu urteilen, und zwar nicht nur für sich, sondern auch für andere zu entscheiden. „Ich weiß, was gut für euch ist, was ihr braucht und was nicht.“ Wer wie ich in einem eher autoritären Umfeld aufgewachsen ist, hat hiermit vielleicht besonders große Schwierigkeiten.

Mein Großvater väterlicherseits durfte erst Musik studieren, nachdem er eine Lehre als Korbflechter abgeschlossen hatte. Er musste erst „etwas Richtiges“ lernen. In den letzten eineinhalb Jahren ist bei mir immer mehr der Eindruck entstanden: Kunst ist nach wie vor für die Mehrheit nichts „Richtiges“, sondern bestenfalls ein i-Tüpfelchen, eine Freizeitbeschäftigung, die sich anderem unterzuordnen hat. Das Problem dabei ist: Die Menschen werden über einen Kamm geschert, und die Bewertungskriterien für „wichtig“ und „unwichtig“ stellen andere für uns auf. Die Politik entscheidet über die Bedeutung der Lebensbereiche, und das Individuum in seinem Netz aus Gefühlen, Erfahrungen und Wünschen hat sich unterzuordnen.

Wenn es um eine Rückkehr zur „Normalität“ geht, glaube ich somit auch: „Normalität“ beinhaltet nicht das, was dem Einzelnen in seiner Besonderheit guttut, sondern bezieht sich auf das Gewohnte und hat viel mit einer Verknüpfung des Wortes „gesund“ an das Wort „üblich“ zu tun. Zwar gibt es inzwischen auch den Begriff „neue Normalität“ – dennoch, und ich lasse mich gern positiv überraschen, halte ich nur geringfügige Verbesserungen für denkbar, mit Sicherheit auch gekoppelt an Neuerungen, die nicht jedem zugutekommen – schließlich müssen die Entscheidungen der letzten Monate auch bezahlt werden.

Gerade den nicht geförderten, niederschwelligen Bereich der Kunst jenseits des Mainstreams sehe ich als gefährdet an. Kleine Cafés mussten schließen, Treffpunkte, Räumlichkeiten sind verschwunden, und wo es früher bereits schwierig war, z. B. eine Lyriklesung zu organisieren, sind heute die Hürden noch größer geworden.

Was liest Du derzeit?

Zuletzt habe ich die ersten beiden Bände der Trilogie von Tove Ditlevsen, „Kindheit“ und „Jugend“, gelesen. Ich habe eine Vorliebe für autobiografisch geprägte Erzählungen, und mich fesselt die Sprache der Autorin, die von einer starken Poesie durchzogen ist. Poesie und Sprache sind für mich auch eine Art Zuflucht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Demokratie heißt: Jeder kann seine Überzeugungen haben, die Fakten werden schon mit ihnen fertig.“ (Roger Willemsen)

Ich denke, dieses Zitat bringt viele Probleme der heutigen Zeit auf den Punkt. Warum nicht toleranter sein, warum sich in zwei Lager aufteilen und sich nur mit Menschen umgeben, die ähnliche Ansichten teilen? Manchmal brauchen wir ein bisschen mehr Gelassenheit und weniger Missionierungsdrang, ein bisschen mehr von der Einstellung „Leben und leben lassen“. Und vielleicht hat die andere Seite ja doch etwas Interessantes mitzuteilen, das den eigenen Horizont erweitert – schließlich nimmt jeder das Leben nur durch seine Erfahrungen wahr, und jede weitere Erfahrung, jeder weitere Aspekt, kann etwas verschieben, kann uns etwas Neues zeigen. Meinungen sind nichts anderes als Fotos – Momentaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sind sie einmal formuliert – ist das Bild fertig – hat das Leben vielleicht schon einen Satz gemacht, ist die Kleidung anders, sind die Falten tiefer, die Lichtverhältnisse schöner oder schlechter. „Ich“ ist nichts Statisches. Aber das ist es ja gerade, was das Leben ausmacht.  

Vielen Dank für das Interview liebe Sigune, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sigune Schnabel, Schriftstellerin

Autorenseite Sigune Schnabel (sigune-schnabel.de)

Foto_privat

29.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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