„Wir müssen das Leben wiederentdecken“ Andreas Hutt, Schriftsteller_Marburg 27.7.2021

Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Inzwischen ist mein Alltag gar nicht mehr sehr verschieden zum Alltag vor der Pandemie. Ich bin in meinem Brotberuf Lehrer und nach einigen sehr turbulenten Monaten mit ständig wechselnden Rahmenbedingungen in Bezug auf unsere Arbeit sind wir in den Schulen fast bei so etwas wie einem normalen Arbeitsalltag angelangt.

Was meine künstlerische Zweittätigkeit betrifft, wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich wieder ein Literaturbetrieb etabliert hat. Ich habe Anfang des Jahres meinen zweiten Gedichtband „Schritt auf Schritt“ veröffentlicht und bisher dazu nur Online-Lesungen abgehalten. Ich hoffe, im Herbst in meiner Heimatstadt Marburg eine Veranstaltung mit Publikum durchführen zu können.

Zum Glück gibt es jetzt in Hessen die ersten Lesungen in Präsenz.

Andreas Hutt, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen uns aus den Lockdown-Höhlen herauswagen und das Leben wiederentdecken. Das kann auf mehreren Ebenen geschehen – auf der Ebene persönlicher Kontakte, der Ebene des Erlebens, indem man seine Alltagsstrukturen durchbricht, sich Erfahrungen aussetzt, die man noch nicht gemacht hat, und auf der Ebene der Anregung durch Kunst und Kultur. Gleichzeitig ist ein Abwägen und Vorsicht notwendig, damit wir nicht zu übermütig werden und im Spätsommer oder Herbst in der nächsten Corona bedingten Depression landen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gesellschaftlich sollte eine Aufarbeitung der letzten fünfzehn Monate einsetzen. Dazu gehört auch eine Reflexion dessen, ob uns die Pandemie nicht teilweise zu Verhaltensweisen bzw. in Strukturen gezwungen hat, die positive Aspekte beinhalten: Ist wirklich jede Konferenz in Präsenz notwendig? Wie viel Innerlichkeit und Entschleunigung tut mir gut? Aber auch: Wie stellen wir unser Gesundheitssystem auf ein solideres Fundament, würdigen Pflegekräfte? Welche Aspekte des Krisenmanagements der Politik waren gelungen, welche nicht?

Die Rolle der Kunst und der Literatur dabei sehe ich auf zwei Ebenen: Zum einen kann sie unseren durch den Lockdown heruntergedimmten Horizont wieder aufhellen und uns zum dem breiten diversifizierten Blick auf die Welt verhelfen, der wünschenswert ist. Zum anderen würde ich mich darüber freuen, wenn zahlreiche Künstler*innen verschiedener Sparten die Pandemie verarbeiten und damit zu dem von mir angesprochenen Reflexionsprozess beitragen. 

Was liest Du derzeit?

Die letzten Romane, die ich gelesen habe, waren „Das Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobefarah und das formal sehr interessante und empfehlenswerte Debüt von Mischa Mangel „Ein Spalt Luft“, nebst Essays von Olga Martynova.

In Bezug auf Lyrik befinde ich mich gerade in einer Phase des Neu- und Wiederentdeckens, indem ich Gedichtbände rezipiere, die ich seit einigen Jahren nicht mehr in den Händen hatte: „Dunkelströme“ von Hendrik Jackson, „Picknick mit schwarzen Bienen“ von Karla Reimert, „Spiel * Ur * Meere“ von Christian Schloyer. Was mich dabei verblüfft, ist, dass man einige Bände genauso liest wie vor Jahren und andere unterschiedlich einschätzt/ schätzt. Mein Blick auf Gedichte verändert sich offensichtlich, indem ich mich als Dichter verändere.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

I)

„wir nippen am nichts“

Aus: Armin Steigenberger: dies ist der abgesägte lauf der welt

II)

„pioniere dich selbst bevor es die anderen tun“

Aus: Axel Görlach: weil es keinen grund gibt für grund

III)

„vom goldenen berg herab

belächelt

sind gedanken noch

zulässig“

Aus. Siegfried Völlger: Pilzfreund Bielers Posaune

IV)

Gern würde ich mich mit einem eigenen Gedicht verabschieden. Es drückt eine Stimmung aus, die mich während des Lockdowns oft überkam, eines Überdrusses, so stark auf den häuslichen Bereich und damit verbunden – man mag das bei einem Schriftsteller kaum glauben – auf das Lesen zurückgeworfen zu sein, dass ich davon übersättigt war.

Manchmal ist Eis,

manchmal Wasser

oder Dampf.

In den Büchern findest du

nichts als Schrift,

im Tag etwas,

das über die Elemente hinausgeht.

Aus: Andreas Hutt: Schritt auf Schritt

Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andreas Hutt, Schriftsteller

Andreas Hutt – Wikipedia

Foto_Magdalena Kaim.

27.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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