„Klarheit zu benennen und zu erlangen“ Anna Possarnig, Tänzerin_Romanjubiläum Malina_Wien 27.7.2021

Anna Possarnig_Tänzerin, Performerin _
Romanschauplatz _ Malina _ Wien

Orte manifestieren Erlebtes. Es ist spannend mit Orten zu interagieren und den Körper in den Raum zu setzen und zu sehen wie der Ort über Form, Qualitäten, Sinneseindrücke spricht.

Ich fühle mich zu Orten, die mit Wasser verbunden sind, hingezogen. Wasser gibt mir das Gefühl von Freiheit. Es ist sehr inspirierend und schenkt auch Ruhe.

Ich bin in Kärnten am Wörthersee aufgewachsen. Seit ich denken kann, war ich im Wasser (lacht). Je älter ich werde, um so mehr fängt es mich auch ein.

Mich interessieren persönlich und künstlerisch neue Orte sehr. Ich bin sehr gern unterwegs. Ich mag die Unvoreingenommenheit, wenn man neue Orte betritt und sich mit denen konfrontieren kann.

Die künstlerische Arbeit an einem Ort hat eine gewisse Dauer. Dann kann es auch zu viel werden.

Ich habe Ingeborg Bachmann schon in frühen Jahren gelesen. Das Frauenbild ihres Schreibens fasziniert. Diese unabhängige, starke aber sehr sensible Frau. Damit kann ich mich gut identifizieren.

Auch in Klagenfurt, wo ich aufgewachsen bin, war Ingeborg Bachmann sehr präsent und vor allem in meiner Jugend setze ich mich sehr mit ihrem Schreiben auseinander.

Es hat in den Beziehungswirkleiten der letzten 50 Jahre seit Erscheinen des Romans Entwicklungen gegeben. Das ist nicht zu verneinen. Es gibt aber in der Populärkultur wieder Rückschritte, die mir sehr aufstoßen. Geschlechterrollen werden da wieder sehr zugeordnet.

Es gibt auch gegenwärtig sehr interessante Literatur von Frauen, die wichtige Perspektiven öffnen. Vor kurzem habe ich „I love Dick“ von Chris Kraus gelesen. Es ist eine weibliche Perspektive ohne Klischees.

Ich selbst bin auch mit männlich geprägter Literatur aufgewachsen. Etwa Hemingway. Daher ist mir dieser männliche Blick vertraut, der immer noch sehr präsent ist.

Mein Weg zur Kunst, zum Tanz, erfolgte über Umwege. Ich habe mich für Literatur, für das Schreiben interessiert und weitere Kunstformen, natürlich war da auch schon Tanz im Fokus. Ich hatte dann aber ein Schlüsselerlebnis und wusste, der Tanz, das ist es was ich tun will. Dann ging ich meinen persönlichen Weg in Tanz/Choreographie. Künstlerische Innovationen wie Kooperationen sind mir dabei sehr wichtig.

Die Idee des Gesamtkunstwerkes und das Leben als Gesamtkunstwerk zu begreifen und darzustellen, finde ich sehr interessant. Auch den Menschen da verschiedene Zugänge, Möglichkeiten zu bieten.

Wie kann ich meine Kunst und das was ich erlebe mit den Menschen in Verbindung bringen? Diese Frage/Fragen nach dem Menschen, dem Menschsein hat gerade einen großen Stellenwert für mich. Gerade jetzt in der Corona Zeit ist diese Frage wesentlich: was brauchen die Menschen?

Ich möchte den Menschen in seiner Vielfalt begreifen. Der Mensch ist für mich ein Zusammenspiel von vielen Farben. Und damit möchte ich interagieren. Das ist natürlich eine künstlerische Utopie aber es ist das Ziel.

Ich sehe, das jetzt emotional in dieser Zeit sehr viel um mich und in mir passiert. Konturen von Gesellschaft und Mensch treten klarer zutage. Das ist Herausforderung wie auch Möglichkeit. Dies trifft ja auch den Roman, eine Klarheit zu erlangen bzw. zu benennen. Und da weiter zu gehen. Auch durch Wände.

Es gibt jetzt gesellschaftlich wie persönlich starke Ambivalenzen zwischen einer Hoffnung für Mensch und Welt und „was kommt noch alles auf uns zu?“ in Klimawandel, Gesellschaft. Wie wir damit umgehen, wird unsere Zeit auszeichnen.

Musik ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Es gibt keinen Tag ohne Musik. Auch nicht bei Bachmann (lacht – Anm: im Hintergrund ist Klavierspiel aus einem Fenster zu hören, Hof des Romanschauplatzes). Ich habe von meiner Kindheit an auch Musikinstrumente gespielt. Es ist mir sehr nahe.

Die Musik ist ganz nahe am Herzen. Sie berührt Emotionen und wir haben das Glück, sie mitragen zu dürfen.

Der Körper kann immer mehr sagen als das Wort.

Der Körper kann nicht lügen. Er erzählt, meine, Wahrheit.

Was der Körper empfindet ist oft ehrlicher als das was gesprochen wird, verhandelt wird.

Ich mag an Wien dieses Österreichische, das sich auch in der Literatur wiederfindet. Dieses dem Leben Zugewandte in dunklem Humor, dieses Morbide. Und auch das Raunzen, das Bequeme. Natürlich das Spüren von Kultur überall in dieser Stadt.

Wien hat viel Gedächtnis. Geschichte wie Erlebtes, das umfängt. Es ist für mich ein intensiver Interaktionsraum, von dem ich mir manchmal wünsche, kurz zu verschwinden und dann zurückzukommen als weißes Blatt Papier.

Ideale können gegen Wände führen, prallen lassen.

Was müssen das Leben, in dem Moment nehmen, in dem es stattfindet, ohne es zu beurteilen.

Ich bin gerne Frau. Doch wie man als Frau oft behandelt, nicht gehört wird, das trifft der Roman auf den Punkt.

Eine Gemeinschaft, in der jeder Platz hat. Das ist eine Vision. Es gibt genug Ressourcen auf allen Ebenen, dass jeder in Authentizität seinen Platz finden kann. Dazu braucht es Respekt und weniger Urteil über was ist gut und was ist nicht gut. Dies betrifft Mensch, Gesellschaft wie Kunst.

Jeder sollte seinen Platz als Mensch und Künstlerin/Künstler haben, trotz aller Trends. Niemand muss alles lieben. Es gilt weniger zu kategorisieren, sondern Vielfalt zu respektieren und anzunehmen, weil es das Leben interessant macht. Das ist mein Wunsch, ich weiß nicht ob es für eine Vision reicht (lacht).

Anna Possarnig_Tänzerin, Performerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Anna Possarnig _Tänzerin, Performerin_Wien _

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_5_2020.

https://literaturoutdoors.com

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