„Weil die Kunst Brücken baut, wo keine sind“ Johanna Sophia Baader, Künstlerin _Wien 27.6.2021

Liebe Johanna Sophia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan schlafe ich lange, frühstücke in Ruhe und setze mich dann an die Leinwand und male bis in den Nachmittag hinein. Gegen 17.00 gönne ich mir ein Tässchen Tee oder Kaffee, lese ein bisschen, spiele Klavier und mache meine Gesangsübungen. Ich beschäftige mich gesanglich mit meinen Arien, an denen ich derzeit arbeite. Zwischendurch hatte ich das Glück eine Produktion proben zu dürfen und an diversen Projekten mitzuarbeiten und freue mich schon sehr darauf, diese Arbeit bald auf der Bühne zeigen zu können. Ansonsten unterrichte ich meine Schüler oder habe selbst Unterricht und Korrepetiton. Abends koche ich mir etwas Feines und male dann noch ein bisschen oder telefoniere mit Freunden.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese seltsame Zeit birgt, trotz ihrer Schwierigkeiten auch eine große Chance: Wir sind, mehr denn je, zurückgeworfen auf uns selbst und müssen uns zwangsläufig mit unseren inneren Dämonen und Schatten auseinandersetzen. Ohne die übliche Ablenkung und dank der Ruhe, die diese Zeit mit sich bringt, haben wir die Möglichkeit, uns noch einmal auf eine ganz neue und intensive Art und Weise mit uns selbst auseinanderzusetzen und uns die wichtigen Fragen zu stellen: Bin ich glücklich? Was bedeutet Glück? Wer möchte ich sein? Wer bin ich? So profan diese Fragen auch klingen mögen, so schwierig sind sie manchmal zu ergründen. Doch es lohnt sich: Wenn wir uns durch diese Konfrontation mit uns selbst mehr mit unserer Essenz zu verbinden wissen, wird sich das positiv auf unsere mitmenschliche Liebesfähigkeit, unsere Empathie, unser tiefes Verständnis füreinander
auswirken, davon bin ich überzeugt und das ist, was wir alle brauchen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an
sich zu?

In dieser Zeit ist es, denke ich, wichtig, sich des gesellschaftlichen Gefüges nochmal aus einer neuen Perspektive bewusst zu werden. Wir sind es gewohnt, als zielstrebige Individuen unsere Träume und unsere Freiheit leben zu wollen und doch wird man sich innerhalb dieser ungewohnten Situation noch einmal mehr darüber im Klaren, wie sehr
die eigene Freiheit in Abhängigkeit zu der der Anderen steht; dass wir ein Zusammenspiel aus Individuen sind, das in sich fragil ist und Achtsamkeit und Menschlichkeit bedarf. Sich auszudehnen, ohne den Raum des Gegenübers zu beschneiden ist eine Kunst, die Reflexion und Empathie voraussetzt und das zu üben, wird nun immer wichtiger werden, wenn wir in einem harmonischen Miteinander leben möchten. Hierbei empfinde ich die Kunst, das Theater, die Musik wie eine zarte Materie, die uns mal weich, mal spiegelnd, miteinander verbindet und uns umhüllt wie ein schöner, funkelnder Königsmantel. Wir brauchen die Kunst in all ihren Ausformungen, weil sie Brücken baut, wo keine sind, weil sie verbindet, was in Distanz zueinander stand, weil sie Alles zusammenzuhalten vermag.

Was liest Du derzeit?

Ich lese ein wunderbares Buch, das mir sehr beim Verständnis meiner Selbst und der Reflexion über unser Wesen hilft: „Eastern Body, Western Mind“ von Anodea Judith. Ein umfassendes Werk über den Zusammenhang des östlichen Prinzips des Chakren-Systems mit der westlichen Psychologie.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The word ‚love‘ is most often defined as a noun, yet (…) we would all
love better if we used it as a verb“ (Bell Hooks)

Vielen Dank für das Interview liebe Johanna Sophia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke dir!!! 🙂

5 Fragen an Künstler*innen:

Johanna Sophia Baader, Opernsängerin, Schauspielerin, Malerin.

Foto_privat.

4.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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