„Kontaktfläche sein. Sichtbarmachend sein.“ Sara Hauser, Lyrikerin_Berlin 27.6.2021

Liebe Sara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite als Lernbegleiterin an einer Oberschule, jeder Tag ist anders. Während des Lockdowns bestimmte ein Mix aus Sprachnachrichten, Telefonaten, Videocalls und persönlichen Besuchen in einem Übergangswohnheim meinen Alltag. Der persönliche Kontakt mit einzelnen Schüler*innen war eine tragende Konstante für mich, ich wusste: wenn es geht, bin ich ein bis zwei Mal wöchentlich im Übergangswohnheim und habe die Chance drei Jugendliche zu begleiten und mit ihnen zu arbeiten. Die Perspektiven der Jugendlichen beeindrucken und bereichern mich täglich. Wir sprechen über Gott, Racial Profiling, Motivationsschwierigkeiten, Träume, Ziele. Und schreiben Gedichte.

Als Online-Format habe ich eine Facharbeit zum Kreativen Schreiben geleitet, dabei sind tolle Texte entstanden und für uns alle ein bisschen Routine. Die Früchte dieser intensiven Zeit ernten wir nun. Ich begleite eine Gruppe von vier freiwilligen Jugendlichen dabei ein Minibuch  mit eigenen Texten zu erstellen. Es soll Fuck (ed) Up heißen. Täglich flattern Rückmeldungen zum Arbeitsstand, Fragen, Ideen ein. Daran hängt mein Herz gerade sehr, das trägt mich.

Und es zeigt: aus dieser abgekapselten Zeit ist etwas gewachsen. Ein Sprachfindungsprozess und Motivation und Raum eigene Ideen umzusetzen. Dabei sehe ich diese jungen Menschen wachsen, für sich, als Gruppe und als Sprachkünstler*innen, das ist sehr groß.

Sara Hauser, Lyrikerin, Literaturvermittlerin

Aber ja: Auch Ermüdungserscheinungen treten zu Tage. Und sind in ihren Nachwehen spürbar. Dass Corona wie ein Brennglas wirkt und die soziale Schere noch weiter vergrößert, sah und sehe ich mit eigenen Augen. Wer kein soziales Lernbegleitungsnetz und unermüdliche intrinsische Motivation hat, steht vor krassen Herausforderungen. Meine Arbeit mit einzelnen Jugendlichen ist ein Tropfen auf den heißen Stein einer systemischen Schieflage. Vielleicht werfe ich mit meiner Arbeit aber ein paar individuelle Dominosteine um. Ich bin mir sicher.

Und sonst? Ich esse gerade die ersten Male wieder in Restaurants im Außenbereich. Besuche weniger die Schafe auf dem Tempelhofer Feld, wo ich im harten Lockdown täglich war. Ich esse weiterhin Mohn-Marzipankuchen, den in so unfassbar gut bisher nur aus der Bahnhofsbäckerei in Luckenwalde kenne.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Behutsam Räume eröffnen. Formen von Nähe schaffen, trotz Distanz und ihren Nachwehen. Nähe wieder lernen, schätzen, aushalten. Weiter, wieder oder überhaupt mit dem nächsten Umfeld zu interagieren.

Ich hatte das Glück während des Lockdowns in eine neue, tolle Wohnkonstellation zu kommen.  Meine Mitbewohnerin Katleen machte die Idee stark, mehr mit unserer Hausgemeinschaft zu interagieren. Gemeinsam haben wir zu Fasching an allen Türen des Vorder- und Hinterhauses geklingelt und unseren Nachbar*innen das Angebot gemacht mit uns im Flur, maskiert und verkleidet eine Runde Wahrheit, Pflicht oder Gedicht zu spielen. Und ein blauer Hausgeist beauftragte mich in unserem Neuköllner Hausflur eine Poesie-Pandemiebox zu platzieren. In diese konnten alle Hausbewohner*innen Wörter einwerfen. Während des Lockdowns leerte ich die Box täglich und brachte dem Geist sein Futter für neue Hausgedichte, die zunehmend unseren Hausflur schmückten.

Ich setze bewusst dieses Spotlight aufs Möglichmachen und eigene kreative Ressourcen, denen mich die letzten Monate näher gebracht haben. Ich wünsche mir mehr von diesem Machbarkeitsmodus in Bereichen mit Gestaltungsspielraum. Und wann immer es geht für die Eröffnung solcher Räume einzutreten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kontaktfläche sein. Sichtbarmachend sein. Unerhörtes artikulieren. Auf eine unerhörte Weise. Eine Sprache für diese neuen, digitalen, viralen Schmerzen finden. Sprachräume öffnen. Künstlerisch, perspektivisch. Für mich sind Kunst, Literatur, Kreativität und soziale Praxis verwoben. 

Was liest Du derzeit?

Mein Prinz, ich bin das Ghetto von Dinçer Güçyeter. Erinnerung eines Mädchens von Annie Ernaux. Immer wieder Lustdorf von Alicia Gamish. Und Texte meiner Schüler*innen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Impuls aus der Fuck (ed) Up-Redaktion. Die Fortsetzung der ersten sechs Worte des Gedichts Cordoba von Fatima Naoot.

Wenn wir Gott die Erde übergeben und er stellt uns nur eine Frage:

Was habt ihr gemacht?

Tut uns leid, wir haben verkackt

Wir haben unsere Erde gefickt

Hunger, Gewalt, Krieg

Und wir lügen so viel

Mein Gott, tut uns leid.

(Mohamad Salman Dalfe)

Vielen Dank für das Interview liebe Sara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sara Hauser, Lyrikerin, Literaturvermittlerin

Foto_privat

18.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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