„Utopien und Auswege durch die Musik bauen“ Anna Anderluh, Musikerin_Wien 25.6.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meistens in diese Richtung: Aufstehen, e-mails beantworten, Proben, üben für eine andere Probe, Konzert gehen, Konzert geben, ins Theater gehen. Jeden zweiten Tag gurgeln.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wer ist uns, und wer sind alle? Das Einzige was ich dazu verallgemeinert sagen kann, ist das ich es für wichtig halte den Humor nicht zu verlieren, oder einen zu entwickeln.

Auch halte ich es für wichtig sich gegenseitig zuzuhören und nicht Menschen voreilig als „Trottel“ abzustempeln, nur weil sie anderer Meinung sind.

Die Betonung liegt hier auf voreilig, weil natürlich steht es jedem frei sich eine Ansicht anzuhören, sich damit auseinander zu setzen und sie am Ende trotzdem nicht zu teilen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Mich würde interessieren wie diese Frage von jemandem beantwortet werden würde, der/die nicht selbst Kunst macht. (Ausgenommen PolitikerInnen)

Ich bin es nämlich langsam leid, dass wir uns seit ca. einem Jahr ausschließlich untereinander bestätigen müssen, und in unserer Bubble Diskussionen darüber führen wie wichtig und systemrelevant wir sind, und von außen relativ wenig davon merken.

Mir fehlt der Kontakt zum Publikum, durch den meine Rolle erst konkret wird.

Wir KünstlerInnen können unsere Rolle nicht alleine auf dem Weg in eine Einbahnstraße erfüllen. Genau das wurde aber von uns erwartet, ganz nach dem Motto „die wollen eh unbedingt und sind ganz heiß drauf“ egal unter welchen Bedingungen. Für mich braucht es gewisse Vorraussetzungen unter denen es möglich ist sich von Kunst berühren zu lassen und dazu gehört dass man überhaupt einmal damit in Berührung kommt und das zwischendurch auch einmal nicht vor dem Computer.

Vor ein paar Tagen hatte ich mein erstes Live Konzerte seit Monaten und da habe ich wieder ein Gespür dafür bekommen was die Aufgabe meiner Musik sein könnte. 

Generell frage ich mich, ob wir nun tatsächlich vor einem Neubeginn stehen, oder nur Pause gedrückt haben und die selbe alte Leier wieder losgeht. Auch ob Veränderung in Form von Aufbruch und Neubeginn kommen muss, oder auch graduell von statten gehen kann.

Ich hatte letztens einen Traum, in dem ich in ein spießiges Horrorferiendorf eingesperrt war, welches niemand lebend verlassen konnte. In der Geschichte war mein einziger Ausweg das dort bestehende System subtil zu stören und zu untergraben und damit kleine Risse zu finden die es zum Einstürzen bringen, statt auszubrechen. Das waren Kleinigkeiten wie zB mit Kindern beim Essen plötzlich unterm Tisch zu verschwinden und Blödsinn zu machen, oder Nacktfotoshootings (nicht mit den Kindern 😉 ) .

Bei Kunst ist es für mich dasselbe. Jeder einzelne Mensch, den ich damit erreiche und in dem ich dadurch was bewegen kann, zählt. So entstehen überall kleine Risse. Das hört aber nicht auf, wenn wir von der Bühne, oder aus der Ausstellung gehen. Das Leben wird über Kunst abstrahiert und verwandelt sich dann von der Kunst wieder zurück ins Leben usw.

Daher weiß ich auch nicht einmal ob es die „Kunst an sich“ – als abgetrennte Entität überhaupt gibt.

Was liest Du derzeit?

Es fällt mir derzeit schwer mich zu konzentrieren. Ich nehme an das liegt an der exzessiven Internetvermarktung und der E-mailschreiberei, die ich in letzter Zeit für den Release meines Soloalbums betrieben habe. Das zerstreut schon ganz schön. Auch wenn es mich freut, dass das so viel Positives zurückkommt, sehne ich mich schon wieder nach Zeiten wo ich nicht permanent nach draußen feuern muss und meine Konzentration zurückerlangen werde, um wieder etwas kreatives zu schaffen und zu lesen.

Derzeit beschränkt es sich auf gesangsphysiologische Fachliteratur und Anatomieatlanten. Interessanterweise das Einzige wo ich nicht während des Lesens abschweife.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Einleitung aus „Trau keiner Melodie über dreißig“, 1976, Text/Musik: Georg
Kreisler

Was machen wir, wenn uns die Musik plötzlich abhanden kommt?
Durch Umweltverschmutzung, Energieverknappung, Krieg… Wenn die Musik eines Tages ganz einfach weg ist, vergessen, verloren, verschwunden wie jetzt zum Beispiel Wandergesellen, oder manche Arten von Schalentieren.
Was machen wir, wenn wir eines Tages aufwachen und jemand sagt uns:
Es gibt keine Musik mehr, leider, leider, Opfer der Technik,
aber dafür gibt es mehr Flugzeuge, mehr Elektronenrechner, mehr persönliche Bequemlichkeit, und im Völkerkundemuseum steht immerhin ein alter Bechsteinflügel,
aus dem allerdings kein Ton mehr herauskommt.

Was machen wir dann?
Nichts machen wir.

Das sieht man ja schon heute, dass wir nichts machen.
Aber was machen wir, wenn uns die freie Natur plötzlich abhanden kommt.
Durch Bevölkerungsexplosion, Hungersnot, exponentielles Wachstum.
Wenn die Natur eines Tages ganz einfach weg ist, ausgestorben, abgebröckelt, vertrocknet,
wie jetzt zum Beispiel Gaslampen, oder manche Arten von Stieglitzen.
Was machen wir, wenn wir eines Tages aufwachen, und jemand sagt uns:
Es gibt keine freie Natur mehr, leider, leider, Opfer der Technik,
aber dafür gibt es mehr Nachtlokale, mehr Kosmetika,
mehr industrielle Entwicklungshilfe,
und im Technischen Museum steht immerhin ein Weihnachtsbaum aus Plastik.
Denn man allerdings jede Woche neu bespannen muss.

Was machen wir dann?
Nichts machen wir.

Das sieht man ja schon heute, dass wir nichts machen.
Aber was machen wir, wenn uns der Hass plötzlich abhanden kommt,
wenn wir nichts mehr hassen können, nur noch lieben.
Und dann lieben wir die Technik, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit.
Wir lieben die Grausamkeit, den Neid, den Tod.
Wenn der Hass eines Tages ganz einfach weg ist, verspielt, verschlissen, verspekuliert,
wie jetzt zum Beispiel der Gemeinsinn, oder manche Arten von Demut.
Was machen wir, wenn wir eines Tages aufwachen, und jemand sagt uns:
Es gibt keinen Hass mehr!
Aber im Rathaus steht immerhin ein computergesteuertes Atomkraftwerk,
das die ganze Welt mit allem versorgt,
außer mit Hass gegen uns selber.

Was machen wir dann?

Ja, dann haben wir immerhin noch die Möglichkeit, Konzerte zu veranstalten!

Anna Anderluh, Musikerin, Sängerin, Komponistin, Performerin 

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Anderluh, Musikerin, Sängerin, Komponistin, Performerin 

Start – annaanderluh-blas Webseite!

https://annaanderluh.com

Alle Fotos_Maria Frodl

30.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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