„Ingeborg Bachmann war so was von Frau!“ Christin Amy Artner_Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina_Wien 24.6.2021

In Kärnten in eine Musikerfamilie hineingeboren zu werden, bedeutet, dass ich mit 4 Jahren Noten lesen, schreiben und spielen konnte (lacht)! Meine Schauspielleidenschaft begann ebenfalls sehr früh und ich konzentrierte mich anfangs auf Musical, weil ich begeistert Gesangs- und Tanzunterricht nahm. Meine Tante war besonders prägend für mich und machte mich mit der deutschen Sprache und Literatur, vor allem Theaterliteratur, vertraut.

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Sprecherin, Drehbuchautorin, Produzentin.

Da Sprachen immer schon ein Steckenpferd von mir waren, studierte ich neben dem Musikstudium auch Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch. Ich ging nach Wien, um mein Musikstudium an der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst (jetzt mdw) abzuschließen. Das war ein großer erster beruflicher Schritt und Erfolg für mich als 22 -jährige.

Danach ging es direkt nach Berlin. Ein Umzug mit elf Kartons im Zug (lacht). Ab diesem Zeitpunkt war mein Fokus für längere Zeit ausschließlich auf den darstellenden Bereich gerichtet und ich studierte Schauspiel in Berlin.

Wieder zurück in Wien machte ich mein Schauspieldiplom und bekam meinen ersten Sohn. Kurz danach kam mein zweiter Sohn auf die Welt. Als alleinerziehende Mutter spielte ich vorwiegend im Theater. Erst als mein dritter Sohn kam, hat sich mein Fokus auf Film verlagert, wo ich als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin, Cutterin und Musikerin alle meine Schwerpunkte vereinen kann. Es macht mir zuviel Spaß, das Bild im Ganzen zu kreieren, als mich nur auf einen Bereich zu beschränken.

Das Loslösen und neu Ankommen, Lebenswege an sich, da ist immer viel Freude, viel Spannung und auch Schmerz dabei.

Wien war und ist künstlerisch sehr lebendig. Wien sucht sich jetzt neu nach den Lockdowns. Es bildet sich gerade viel Neues, viele künstlerische Initiativen.

Kultur ist dabei, sich einen neuen Stellenwert zu schaffen. Kunst und Alltag werden sich mehr verbinden. Das ist zu spüren.

Kultur ist Leben. Vom Essen bis zur Musik. Es ist eine ineinandergreifende, ganz wesentliche Entwicklung.

Liebe, das sind Gedanken und Geheimnisse des Momentes. Ich erinnere mich da an jeden Moment minuziös – welche Kleider ich trug, wieviel Uhr es war, was wir sprachen, auch was die Kellnerin im Restaurant sagte (lacht). Das war bei mir immer so.

Liebe auf den ersten Blick gibt es. Und diese ist lebbar, ist machbar. Schon in Teenagerzeiten erlebte ich Liebe auf den ersten Blick, die große Liebe. Es ist ein Spüren, das alles will und alles kann. Das muss man auch zulassen können.

Liebe hat mit Vertrauen, bedingungslosem Vertrauen zu tun. Das ist etwas, das ich mir erarbeitet habe. Das braucht Erfahrungen. Wenn man diese Erfahrungen integriert, kann man stärker werden, im Leben und in der Liebe.

Ingeborg Bachmann hat in Malina Erfahrungen der Liebe geöffnet, ganz radikal. Persönlich hat sie einen hohen Preis für die Liebe gezahlt. 

Sehnsucht und Suche sind immer in der Liebe.

Glück muss man auch loslassen können, damit es wieder kommen kann. Für Ingeborg Bachmann war das Schreiben so ein Loslassen, ein Verarbeiten.

Ich denke, Ingeborg Bachmann war sehr einsam in ihrer Sehnsucht.

Dankbarkeit öffnet in der Liebe.

Liebe lebt von jedem Moment. Ununterbrochen. Da gibt es nichts Unwichtiges.

Liebe braucht viel Gespräch. Viel freies Gespräch.

Das Männer- und Frauenbild hat sich gewandelt. In der jungen Generation hat sich sehr viel verändert. Viel weniger männliches oder weibliches Gehabe, gleichberechtigter.

Ingeborg Bachmann war eine absolut emanzipierte Frau. Sie war eine Vorreiterin. Wild und stark, auch in einer Schüchternheit.

In meiner Familie hatten die Frauen immer eine zentrale Rolle. Es war nicht männlich dominiert. Es gab immer Gleichberechtigung.

Es braucht in der Erziehung eine gute Kommunikation der Eltern, die Egos müssen im Rahmen sein. Frau und Mann sind da ganz wichtig in ihrer Rolle als Einheit, was besonders für uns alleinerziehende Mütter ein schwieriges Thema ist .

Kommunikation ist ein Heilmittel. Zuhören, reden, reflektieren. In gleichberechtigter Weise, ohne Gefälle.

Die Malinas sind die, mit denen man eine sehr lange Beziehung haben kann, wenn man Fadesse aushält. Mit den Ivans kann man nie eine Beziehung haben, aber es wird keine Sekunde fad. Ich kenne beide Extreme. Wir haben auch beide in uns.

Beide Typen, Ivan und Malina, sind spannend, erfahrungsreich aber es geht an die Substanz, ist sehr anstrengend. 

Ivan und Malina, das ist auch eine Frage des Lebensabschnittes. Menschen verändern sich, können sich verändern. Es geht auch um Leidensdruck und Toleranz.

Neuanfang – Wohnungswechsel, neue Wohnung, neuer Bezirk, neue Möbel, neues Gewand – loslassen, um neu zu beginnen.

Wir haben einen selbstzerstörerischen Hang in uns. Wenn wir da Grenzen überschreiten, führt eine Abwärtsspirale in die Hölle unserer Ängste, die es anzusehen und gehen zu lassen gilt.  

Ingeborg Bachmann war so was von Frau! Ganz normal, durch und durch Frau.

Ich sehe und spüre an Ingeborg Bachmann so viele Facetten des Frauseins.

Es gibt im Roman eine große Sehnsucht nach Berührtwerden, Berührtsein, in unterschiedlichen Lebensfacetten. Da ist ein sehr großes, weiches, schönes Herz.

Ingeborg Bachmann war echt und suchte danach, noch echter zu sein. Das kann nicht gelingen.

Ingeborg Bachmann begleitet mich seit der Schulzeit. Sie war da immer eine Art Heilige. Im Lauf des Lebens gab und gibt es ein immer tieferes Verstehen von ihr. Als Schriftstellerin und Frau.

Beim Lesen von Malina findet ein innerer Monolog statt.  Das hat auch mit dem szenischen Charakter des Buches zu tun. Da sind viele Bilder und Gefühle. Es ist wie ein Sehen.

Liebe Ingeborg, Du warst viel größer als alle Ivans und Malinas.

Ivan war zu feig und Malina war zu schwach für Bachmann.

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Sprecherin, Drehbuchautorin, Produzentin.

50 Jahre Malina _ 1971 – 2021 – Roman _ Ingeborg Bachmann _

im Gespräch und szenischem Fotoporträt: Christin Amy Artner_Schauspielerin, Sprecherin, Drehbuchautorin, Filmproduzentin_ Wien

CAA | NEWS de – Christin Amy Artner

_Station bei Ingeborg Bachmann _Hotel Regina_Wien_5_2021

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

https://literaturoutdoors.com

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