„Ich fühle mich als kinderloser Autor privilegiert“ Tobias Reußwig, Schriftsteller_ Greifswald 19.6.2021

Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich  beginne die meisten meiner Tage mit einer Kanne grünem Tee auf meinem Balkon, wo ich Ideen, Textentwürfe und Gedanken handschriftlich auf zwei Seiten eines A4-Notizheftes festhalte. Zusammen mit dem Vogelgezwitscher, der Sonne und der Luft hilft es mir, etwas Ordnung in mein Gedankenchaos zu bringen, was leider nach wie vor der Normalzustand meines Kopfes nach dem Aufstehen ist.

Danach geht es entweder in mein Arbeitszimmer, wo ich an literarischen Texten und Projekten arbeite, oder ins Wohnzimmer, wo ich, seit dem Auftauchen der Virusmutante, meiner Nebentätigkeit nachgehe und Sprachunterricht oder Nachhilfe im digitalen Raum gebe. Das läuft meistens über big blue button, was sogar den ein oder anderen Vorteil gegenüber Unterricht in persona bietet. Einige Schüler unterrichte ich auch weiter in der kleinen Nachhilfeschule, in der wir dann beide für 90 Minuten mit FFP2-Maske sitzen und vorher einen Schnelltest absolvieren.

Arbeitspausen fülle ich mit Yoga oder Meditation, und versuche einen Feierabend um 19 Uhr einzuhalten, was allerdings noch nicht so gut funktioniert, wie ich es mir wünschen würde.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das hängt sehr von unseren individuellen Bedürfnissen ab, nicht? Die offensichtliche Antwort ist: Zusehen, dass wir die Ausbreitung des Virus so gut wir können eindämmen, und dass wir uns impfen lassen, wenn wir die Möglichkeit haben. Nicht bloß, um uns selbst Long Covid oder Schlimmeres zu ersparen, sondern auch ganz direkt um andere zu schützen und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern.

Im März 2020 hatte ich einmal den hübschen Gedanken, dass all die Zeit alleine uns als Gesellschaft helfen könnte, mehr in Einklang mit uns Selbst und unseren Bedürfnissen zu kommen. Eine Art stiller Einkehr auf nationaler Ebene. Das war aber natürlich bevor ich mit all den berufstätigen Eltern in meinem Freundeskreis gesprochen habe.

Ich fühle mich als kinderloser Autor, als jemand, dem zwar Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten verloren gehen, immer noch privilegiert gegenüber all den Menschen, die in essentiellen Berufen arbeiten. Also dem medizinischen Personal, das auf Covid-Stationen täglichen Kontakt mit einer Vielzahl von Infizierten hat, bei denen weniger die Frage ist, ob sie sich infizieren werden, als wann. Den Angestellten in Supermärkten, die ihre Arbeit natürlich auch nur mit Kundenkontakt durchführen können, und denen in den Gesundheitsämtern, die die Sisyphusarbeit der Infektionskettenverfolgung  zu leisten haben.

Die Einschnitte für die Kulturszene sind ohne Zweifel hart, aber wir müssen nicht zusehen, wie unser Publikum getrennt von ihren Liebsten in Isolationszimmern verreckt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Erfahrung der Pandemie, als auch die anschließende Rückkehr zur Normalität (wann auch immer das sein wird, und wie auch immer sie aussehen wird) wird sicher Thema der Literatur sein. Ich weiß nicht, was für mich persönlich der wichtigste Aspekt sein wird. Ich freue mich sehr darauf, wieder mehrfach die Woche in großer Gruppe Kontaktsport machen zu können, aber wie sich das in meinem Schreiben niederschlagen wird, weiß ich nicht. Wird auf die vielen introspektiven, beobachtenden Pandemie-Texte eine Vielzahl von Texten zu ausufernden Clubabenden folgen? Eine Phase der Rückgewöhnung an persönlichen Kontakt im Öffentlichen, und statt Zweifeln an der Sprache ein Zweifeln an Validität und Echtheit des sozialen Miteinanders?

Was ich mir wünschen würde, wäre eine Thematisierung von Verschwörungsmythen aus Sicht der Literatur, da diese so stark von „althergebrachten“ Erzählmustern leben (wenn z.B. QAnon ganz typische Topoi von uralten antisemitischen Verschwörungstheorien, also geheime Eliten, Kindermorde, Bluttrinken, etc…, einfach auf ein neues Feindbild überträgt). Da scheint es mir angemessen, wenn schon literarische Verfahren in dieser Form ausgenutzt werden, aus Sicht der Literatur Stellung dazu zu nehmen und aufzuzeigen, wie solche Methoden der Sinngenerierung funktionieren, und dass sie viel weniger mit der Wirklichkeit als unserem Umgang mit Geschichten über die Welt zu tun haben. Der Erfolg von Dan Brown kommt nicht aus dem Nichts, bedeutet aber in keinster Weise, dass Geheimgesellschaften die Geschicke der Welt lenken.

Was liest Du derzeit?

Oh je, das ist der Teil des Interviews, in dem ich a) durch die Wahl von möglichst unbekannten Texten zeige, wie esoterisch meine Lektüre als Künstler ist, nicht? Oder sollte ich b) mich durch geschickte Wahl von bekannten Autoren und/oder Verlagen einer poetologischen oder theoretischen Richtung zuordnen? Oder c) die Gelegenheit nutzen, Bücher, die meiner Meinung nach ein größeres Publikum erreichen sollten, vorzustellen? Sollte ich versuchen, alle drei Aspekte zu unterlaufen, und einen theoretisch völlig trivialen, redaktionell erstellten und für kurzweiliges Amüsement geschriebenen Text auswählen? Oder jedes analysieren der Frage zurückstellen und das oberste Buch von dem peinlich hohen Stapel auf meinem Nachttisch wählen?

Ich lese zur Zeit, mal mehr, mal weniger intensiv:

Meister Eckehardt, Predigten und Traktate, herausgegeben und übersetzt von Josef Quint.

Außerdem:

Denkzettelareale, junge Lyrik herausgegeben von Aron Koban und Annett Groh, erschienen bei Reinecke und Voß.

Und zuletzt:

Evan Dahm. Island Book, erschienen bei First Second.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nachdem ich vor kurzem gelesen habe, dass jetzt, wo die Impfungen voranschreiten, eine neue Theorie unter Masken- und Impfgegnern aufgekommen ist, die behauptet, geimpfte würden gefährliche mRNA-Proteine ausatmen, und einige dieser Maskengegner deshalb nun überlegen, eine Maske zu tragen, um sich vor diesen Proteinen zu schützen … scheint mir Robert Anton Wilson der richtige Kandidat:

„You simply cannot invent any conspiracy theory so ridiculous and obviously satirical that some people somewhere don’t already believe it.“

– Robert Anton Wilson, Everything is Under Control.

Tobias Reußwig, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tobias Reußwig, Schriftsteller

Tobias Reußwig | Facebook

Fotos_1 Caroline Barth; 2 Ann-Kathrin Güttner.

22.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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