„Und wie geht das überhaupt mit den Menschen?“ Lara Körte, Schauspielerin, Zürich 18.6.2021

Liebe Lara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich würde gerne schreiben, dass ich um sechs Uhr aufstehe und dieser Pandemiezeit mit fester Struktur trotze, aber das hat bei mir noch nie funktioniert. Ohne Inspiration geht bei mir gar nichts und darum geht dann manchmal auch gar nichts. Und ich brauche ewig, um allein diese fünf Fragen zu beantworten. Glücklicherweise kann ich immer wieder mit dem Maison_du_Futur zusammenarbeiten. Ein Verein, der sich gegründet hat, um Kultur auch in Pandemiezeiten möglich zu machen. Ich bereite dann beispielsweise Lesungen vor und interviewe die Autorinnen.

Zuschauer*innen stehen mit Kopfhörern im Freien und können uns Lesende durch ein Fenster sehen und hören. Auch sonst mache ich live Lesungen, lese in Literatursendungen im Radio und Fernsehen. Es ist auf jeden Fall ein Glück, als freie Schauspielerin in dieser Zeit arbeiten zu können und es hilft sehr, sich wieder mit Energie aufzuladen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die letzten 15 Monate habe ich wie eine Art Realitätsverlust erlebt. Ein wichtiges Instrument meiner Arbeit besteht aus Menschenbeobachtung, Erforschung menschlicher Verhaltensweisen, Zusammenhänge, Kommunikation. Genau diese Dinge lagen brach – und für mich ist es nun wichtig, diese Realität zurückzuerobern. Mich wieder an Menschen zu gewöhnen. Wie geht es den Menschen und wie geht das überhaupt mit den Menschen? Was will ich von ihnen und sie von mir? Wie geht Gesellschaft? Das hat mich vorher auch schon beschäftigt – aber weil das Miteinander, vor lauter sich aus dem Weg gehen müssen, keine Selbstverständlichkeit mehr hat, stellen sich mir diese Fragen wieder neu. Ich muss mich also erst einmal resozialisieren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich merke, die Leute wollen Trost, Spaß, Freude, Wellness und nicht mit etwas konfrontiert werden, was sie zu sehr angreift. Ich schließe mich da selbst mit ein, aber ich hoffe, dass wir bald wieder eine dickere Haut und Selbstbewusstsein entwickeln, um kraftvoll, unbequem, kritisch gestalten und in Frage stellen zu können. Aber eben, erst einmal müssen wir uns alle entspannen und wieder neugierig und offen werden.

Was liest Du derzeit?

“Nichts tun“ von Jenny Odell

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Und drei große Erregungen rollten über ihn hinweg: Verstehen; eine unermessliche Menschenliebe; und schließlich ein ununterdrückbares, köstliches Entzücken; als ob in seinem Gehirn, durch fremde Hand, Schnüre gezogen, Fensterläden bewegt würden, und er, der nichts damit zu tun hatte, stünde doch am Eingang endloser Avenuen, die er, wenn er sich entschloss, entlangwandern könnte…

Virginia Woolf, Mrs Dalloway

Vielen Dank für das Interview liebe Lara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lara Körte, Schauspielerin

www.larakoerte.net

Foto_Janine Guldener

20.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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