„Ob wir in der Lage sind, uns als Gemeinschaft wahrzunehmen und zu handeln“ Simina Badea, Künstlerin_ Wien 8.6.2021

Liebe Simina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Rückblickend auf die Wiener-Lockdowns war es recht monoton, zugleich aber auch vertiefend durch die meist an Wochenenden unternommenen Waldausflüge. Es war und ist auch eine Zeit, in der ich gerne Dinge zu Ende bringe. Einer der herausfordernden Aspekte, unter anderem, bedeutete der Fernunterricht. Die Isolation der Kinder in dieser Zeit bereitete mir Sorgen und war schmerzhaft anzusehen. Zugleich braucht man nur einen Blick auf die Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen zu werfen oder Ärzteberichte zu lesen, um zu verstehen, dass die Situation real ist.

Um von dem seit bereits mehr als einem Jahr allgegenwärtigen Thema abzuschalten, tauche ich immer wieder in Filme bzw. Filmserien ein, welche ein Gefühl der Zeitlosigkeit in mir widerspiegeln oder mich einfach nur zum Lachen bringen!


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld!

Simina Badea_Feuer Zustände 2, 2015, Tusche auf Papier

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Wir leben, zumindest hier in Europa, seit Jahren, frei von Krieg, in einer stabilen politischen Lage, wo wir das antrainierte Konsumverhalten gepaart mit ausgeprägtem Egoismus relativ unbeschwert ausleben durften, zumindest war das so bis zur Corona Krise, die uns mit anderen Themen konfrontiert hat.

Simina Badea_Starry Night, 2020, Acryl auf Leinwand

Im Vergleich zu der sich entfaltenden Klimakrise ist diese Pandemie erst der Anfang eines global nötigen Umdenkprozesses. Die aktuelle gesellschaftliche Aufstellung ist nicht zukunftstauglich. Auf Kredit leben hat seinen Preis. Die Frage ist, ob wir in der Lage sind, uns als Gemeinschaft wahrzunehmen und zu handeln. Momentan schaut es nicht sehr danach aus. Eine Mischung aus bewusst eingesetzter Desinformation, die durch bestimmte Interessen vorangetrieben wird, welche das Narrativ des „anders denken -“ und „anders sein als die Anderen“ bedient und die gleichzeitige Gefahr der Reduktion komplexer Zusammenhänge auf Zahlen durch die Wissenschaft, scheinen mir momentan unser größtes Problem zu sein.

Simina Badea_Bienenkönigin 2007 Tusche auf Karton

In der Krise hat die Kunst wenig bis gar keine Unterstützung erhalten. Das sagt viel über die ungleiche Prioritätensetzung in unserer Gesellschaft aus, über das Ausblenden der Tatsache, dass es keinem von uns gut gehen kann, solange es nicht uns allen gut geht.
Tanzen und sich umarmen aus Protest während anderen auf den Intensivstationen die Luft ausgeht und das medizinische Personal an ihren Grenzen arbeitet. Gut schlafen während Flüchtlinge an den Grenzen Europas ertrinken. Versuchen zu rationalisieren, dass wir keine Einschränkungen in Kauf nehmen wollen, weil lediglich ein geringfügiger Anteil unserer Gesellschaft betroffen sei, der bei genauer Betrachtung, eben gar nicht so gering ist. Nicht zu vergessen, dass die Ärmsten durch die Krise noch ärmer geworden sind und die Reichsten noch reicher geworden sind. Die kriegerische Spaltung in Fronten, statt Solidarität und Zusammenhalt, geht so weit, dass jedes Argument das noch so subjektiv ist und die andere Seite ausblendet, plötzlich Berechtigung findet. Dass manche Argumente mehr über den Argumentierenden enthüllen als über das Thema selbst, ist dabei vielen nicht bewusst. Jeder ist auf der richtigen Seite und fühlt sich somit berechtigt die Gegenseite zu bekämpfen, ein Hauch von heiligem Krieg schwingt schon mit, da ist keine Seite zimperlich.

Simina Badea_Hungry Ghosts 2015, Tusche auf Karton

Die Rolle des Künstlers in so einer Situation liegt im schöpferischen, kreativen Hervorbringen von Lösungen, auch in der Diplomatie, im Handeln und im ganzheitlich Betrachten, niemanden hintanzulassen, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Peter Paul Rubens war z.B. Diplomat im damaligen kriegerischen Europa. Er hat seine Fähigkeiten für ein friedliches Zusammenleben eingesetzt auch wenn er es Zeit seines Lebens nicht mehr erleben durfte. Unsere jetzige Situation hat dringenden Bedarf an Utopien Aufbauenden und Handelnden. Darin sehe ich die Aufgabe und die Rolle der Kunst, denn es ist tatsächlich mehr als „Fünf vor Zwölf“.

Simina Badea_Gui2, 2014, Tusche auf Papier

Was liest Du derzeit?

Zur Zeit lese ich „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben. Nachdem ich mir nie Gedanken über Bäume gemacht habe und sie immer noch schwer voneinander unterscheiden kann, werden sie für mich durch diese Lektüre plötzlich zu magischen Wesen die viel zu wenig ergründet wurden, denen wir das Leben auf dem Planeten verdanken. Parallel dazu kommt „Klima“ von Charles Eisenstein und TCM-Skripten die ich wortwörtlich lerne und zugleich wiederhole.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Eine fürsorgliche Gesellschaft ist eine, in der es selbstverständlich ist zu fragen: „Wen haben wir vergessen? Wer leidet? Wessen Potential haben wir nicht erkannt? Wessen Bedürfnisse haben wir nicht berücksichtigt?“ Das sind Leitfragen, sowohl für eine ökologische Gesellschaft als auch für eine gerechte Gesellschaft.“
Charles Eisenstein, Klima – Eine neue Perspektive

Vielen Dank für das Interview liebe Simina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für das Interview.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simina Badea, Künstlerin

Simina Badea – Art & Eat

Alle Fotos_ Simina Badea.

9.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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