„Machen wir genug, um das Interesse der jungen Generation zu wecken?“ Huei Chiang, Konzert Geigerin _ Wien 7.6.2021

Liebe Huei, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Normalerweise beginne ich meinen Tag mit einer Tasse Tee und einer halben Stunde Yoga, bevor ich die Geige in die Hand nehme. Wenn ich keinen fixen Termin für Orchester oder Ensemble (Projektaufnahme) habe, suche ich Stücke zum Lernen und Einüben aus, um zukünftige Probespiele vorzubereiten. Diese Zeit eignet sich gut dazu, das eigene Repertoire zu erweitern. Ich treffe mich regelmäßig mit einem befreundeten Pianisten, um neue Sonaten zu proben.

Da ich erst seit letztem Oktober in Wien bin, lerne ich gerade die Stadt kennen. Ich bin hier fast jeden Tag in neuen Gegenden unterwegs. Die Schönheit und die Kuriositäten der Stadt versuche ich auf Fotos festzuhalten und via Social Media zu teilen. Das ist zurzeit mein “self motivation project”.


Seit März poste ich täglich ein Foto mit kurzem Text. Ich werde dies 100 Tage lang machen. 
Obwohl ich aufgrund der beruflichen Situation für mich und meine KünstlerkollegInnen manchmal deprimiert bin, lehrt mich diese Fotoaktion, Freude und Schönheit im Alltag immer wieder neu zu entdecken.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir mit positiver Energie weitergehen und uns gegenseitig unterstützen.
In dieser Zeit ist es vor allem wichtig, Freundschaften zu pflegen, uns wenn möglich trotzdem regelmäßig zu treffen und das zu teilen, was uns auf der Seele liegt. Das Beste aus der Situation zu machen und die Hoffnung nicht zu verlieren sind weitere wichtige Punkte.

Ich denke, dass wir im Lockdown die Chance hatten zu überlegen, was wichtig für uns ist. In meinem Fall sah/sehe ich, wie wichtig Musik für mich ist. Das Spiel auf der Geige und vor Zuschauern ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Es fehlte mir sehr.

Seit einer Woche sind die Geschäfte wieder offen. Ich sehe viele Menschen für Schuhe und Kleidung Schlange stehen. Bei mir kommt dabei die Frage auf, warum das so wichtig ist. Viele neue Dinge zu kaufen, die meist sogar unnötig sind, schädigt zudem unsere Umwelt.
Wie schön wäre es, wenn Menschen vorm Theater oder Konzertsaal stehen und nach Live-Musik und Vorstellungen fragen würden!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Um ehrlich zu sein, mache ich mir ein bisschen Sorgen um die Zukunft der klassischen Musik. Musik ist für mich so wichtig, dass ich meine Heimat verlassen habe, um in Europa zu studieren und zu arbeiten. Es gibt immer weniger Leute, die sich voll und ganz für klassische Musik interessieren, und in Konzertsälen sehe ich meist ein Meer aus grauen Haaren …

Wenn die Veranstaltungsorte wieder geöffnet sind, haben wir dann das gleiche Publikum wie zuvor? Machen wir genug, um das Interesse der jungen Generation zu wecken? Wir sind viele Musiker auf hohem Niveau, und ich wünsche mir auch viele Zuhörer auf hohem Niveau, die die Schönheit in unserer Kunst empfinden.

Es ist wesentlich, dass wir den Menschen stärker denn je die Magie von Live-Musik und anderen Kunstformen vermitteln. Große, bekannte Theater und andere Veranstaltungsorte werden immer Publikum haben. Wichtig ist mir, dass kleine Strukturen und Nischen gefördert werden.

Was liest Du derzeit?

Hin und wieder komme ich dazu, wieder die Bücher meines Lieblingsphilosophen Krishnamurti zu lesen. Ein kleines Buch, das ich gerade in der Hand habe, heißt „Freedom from the known“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus dem Kapitel “Schönheit”

„Nun, zu schauen ist eines der schwierigsten Dinge im Leben – oder zu lauschen; Schauen und Lauschen sind das Gleiche. Wenn Ihre Augen durch Plackerei blind geworden sind, können Sie die Schönheit eines Sonnenuntergangs nicht wahrnehmen.

…Es gibt eine Erzählung über einen religiösen Lehrer, der an jedem Morgen zu seinen Jüngern zu sprechen pflegte. Eines Morgens begab er sich zu seinem erhöhten Sitz und wollte gerade beginnen, als ein kleiner Vogel kam, sich auf das Fensterbrett setzte und zu singen begann und nicht aufhörte, aus voller Kehle zu singen. Dann schwieg er und flog davon, und der Lehrer sagte: „Die Predigt für heute Morgen ist beendet.“

Huei Chiang, Konzert Geigerin

Vielen Dank für das Interview liebe Huei, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Huei Chiang, Konzert Geigerin

www.hueichiang.com

Fotos_Monarca studios

10.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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