„„Malina“ spiegelt den Albtraum einer Gesellschaft“ Gudrun Liemberger, Sängerin_Romanjubiläum Malina_Wien 5.6.2021

Liebe Gudrun, ich bitte Dich um eine Vorstellung von Dir:

Ich bin Singer- Songwriterin, aufgewachsen im Waldviertel, seit langem jetzt schon in Wien lebend. Mein bekanntestes Bandprojekt bisher war „SheSays“, mein bisher größter Erfolg als GuGabriel ist mein Song „Salvation“. Ich bin Mutter einer Tochter, mit Leidenschaft auch Gärtnerin und mein nächstes Projekt ist ein Bienenbaumstamm für Wildbienen.

Gudrun Liemberger _ GuGabriel – singer/songwriter

Ich sehe mich als spirituellen Menschen, das war schon als Kind so. Mein Leben, Sein und Gedankengut drehen sich um eine ganzheitliche Sicht- und Erfahrungsweise meines Lebens, meiner Nächsten und der Welt. Dieses Verstehen und Erkennen von Zusammenhängen und deren Auswirkung und der gesunde Umgang damit, mir selbst und meinem Umfeld wird immer wichtiger für mich.

Ich sehe mich als Transformator und fokussiere mich so gut ich kann auf Licht und Liebe. Auf Bewusstes Sein und Heilung wo geht… das alles, meine Themen und Geschichten spiegeln sich in meinem Wesen wieder, in meiner Musik, meinen Bildern, meinem Denken und Fühlen…

Was sind Deine derzeitigen musikalischen Schwerpunkte und Projekte?

Ich habe 17 neue Lieder geschrieben, diesmal in deutscher Sprache. Die Demos sind soweit fertig, jetzt bin ich auf der Suche nach Möglichkeiten der Umsetzung. Sollte es zu schwierig sein ein ganzes Album zu verwirklichen, werde ich mich wieder auf ein paar mögliche Singles konzentrieren. Der Markt arbeitet meist eh so, weil sich die HörerInnen ihre Playlisten ohnehin hauptsächlich selbst erstellen. Dann habe ich auch kritisches Songmaterial, da ist es glaub´ ich auch schwieriger wirklich gute Leute zu finden, die das mittragen wollen. Gerade in dieser spannungsreichen und herausfordernden Zeit.

Wir brauchen viele Menschen, die offen sind und wertneutral. Mit vielleicht sogar viel Liebe im Herzen. Die sich nicht reinziehen lassen in diese „Spaltungs-Theater“. Und in der Kunst ist es auch so. Das ist ja eben so, dass man die Dinge umsetzt, die einen beschäftigen. Normalerweise – als künstlerischer, wahrhaftiger Mensch. Wenn es nicht einfach „nur“ Konzipiertes – des Geldes wegen – ist. Zeitdokumente im besten Fall. Eine durchaus schwierige Aufgabe…

Am 10. Juli spiele ich ein Konzert, möglicherweise kommen noch Termine dazu…

und am 1. September habe ich die zum 5. Mal verschobene Premiere von „Theater in der Vorstadt“ von Karl Valentin, im Theater Forum Schwechat. Evtl. Coronaauflagenbedingt auch auf Schloss Rothmühle, im Freien dann. Da habe ich – gemeinsam mit einem Kollegen – die musikalische Leitung über, mache Musik auf der Bühne, spiele die „Mizzi“ und tanze auch. Ich finde die Inszenierung super und eine schöne Herausforderung, die viel Freude macht. Ich wünsche mir von Herzen, dass es diesmal stattfindet! 

Welche Themen sind Mittelpunkte Deiner Musik?

Alles was mir begegnet und wichtig ist. Was mich berührt. ZB. hab´ ich vor ein paar Jahren ein Lied über Wasser, Heilung und Leben geschrieben „Pure Water“. In „What About Us“ geht es um GMOs und meine Sehnsucht nach einer schönen Welt für uns alle.

Liebe ist ein großes Thema, immer wieder. Beziehungen. Meine Tochter. Heilung und Erlösung im hier und jetzt und nicht irgendwann.

In einem Lied singe ich über meine Beziehung zu einer Freundin, die letztes Jahr gestorben ist und die mir sehr wichtig war. 

Zum Teil geht es in meinen neuen Liedern auch um „Krieg gegen die Natur“.  So empfinde ich das. Um eine stille Welt, in der keine Vögel mehr singen, in der die Technik den Menschen in vielen Bereichen ersetzt hat. In einem der Lieder geht es um Superintelligenz und dass niemand über dem Leben stehen darf hier auf der Welt. Das finde ich ganz wichtig. Der respektvolle und im positiven demütige Umgang mit dem Leben. Mit dem Leben in und um uns herum. Diese Ressourcen Verschwendung und der Umgang mit unserer Natur ist nicht tragbar. Und wir wissen es. Ein Bienenlied habe ich geschrieben, mit sehr archaischen Chören die sehr gregorianisch klingen finde ich. Hier frage ich mich, was eine schöne Welt kostet.

Was bedeutet Dir Wien?

Als ich nach Wien gekommen bin, um hier Musical zu studieren, bin ich jede Woche nach Hause gefahren. Ich hab`s nicht gut ausgehalten. Die vielen Menschen, die Luft, diese vielen Energien und Informationen. Jetzt, nachdem ich schon mehr als die Hälfte meines Lebens in Wien verbracht habe, auch gute Freunde gefunden und schon viel erlebt habe, hab´ ich Wien schätzen gelernt. Ich finde die Kombination von nicht allzu riesiger Weltstadt – voll Kultur – mit viel Natur rundherum und auch immer wieder mitten drin, sehr angenehm und auch gemütlich. Ich bin in kurzer Zeit im grünen Prater um zu laufen oder auch an der Alten oder Neuen Donau, in die man einfach reinhupfen und endlos schwimmen kann.

Die Clubs und Lokale in den Gürtelbögen, die Märkte mit orientalischem Flair versetzen einen bei Schönwetter sofort in Urlaubsstimmung…  ich finde es auch wunderschön durch die Innenstadt zu schlendern… ich habe Wien ins Herz geschlossen, obwohl ich nach wie vor ein absoluter Naturmensch bin.

Momentan mach´ ich mir immer wieder Gedanken darüber, wer es hoffentlich durch diese Krise schafft. In meinem Fall auch, wo man dann noch spielen können wird. Wie es den vielen kleinen Ladenbesitzern geht… diese ganzen vielen unterschiedlichen Cafés, Geschäfte… das alles ist ganz wichtig für Wien. Das ist städtische Vielfalt und Lebendigkeit. Es ist das was letzten Endes den ganz eigenen, hoffentlich bunten und farbenprächtigen, gewebten Teppich einer Gemeinschaft ausmacht.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Sie war die Lieblings Schriftstellerin einer ehemaligen Sprechlehrerin von mir, da hab´ ich sie kennen gelernt. Ich habe Gedichte von ihr, die fand ich recht schwermütig. Nachdem ich selbst – besonders in meiner Jugend – sehr schwermütig war, hab´ ich schwermütige Literatur eher gemieden. Ich muss gestehen, dass ich erst wieder durch dich auf sie aufmerksam wurde.

Was kann der Roman „Malina“ für die Gegenwart aussagen?

Hier verarbeitet eine Schriftstellerin ihre Traumata, welche sie zeitlebens offensichtlich nicht überwinden konnte. Das spiegelt sich auch in ihren Gedichten wieder. Im Ende spiegelt „Malina“ den Alptraum einer Gesellschaft, die es bisher nicht geschafft hat zu heilen.

Bachmann hat bis zu ihrem Tod offensichtlich keinen Frieden machen können. Das Kriegstrauma ihrer Kindheit und auch ihre gestörte Beziehung zu Männern hat sie wohl getötet.

Momentan passieren erneut schwerste Traumatisierungen, erneut betrifft es ganz arg wieder Kinder und Jugendliche. Mir schnürt es den Hals zu wenn ich daran denke, wo das alles noch hinführen kann und wie kaputt unser Kollektiv zur Zeit ist. Vielleicht war es immer so, wer weiß.

Wenn wir es nicht bald schaffen möglichst unvoreingenommen Missstände zu klären, das passiert meiner Meinung nach – wenn überhaupt – nur zögerlich, werden wir sehr viele gebrochene Menschen haben. Die haben wir jetzt schon aber die Frage ist, wo die Grenze des Erträglichen aufhört. Gebrochene Menschen, die so gebrochen sind, dass sie nicht mehr heilen können oder sich das Leben nehmen. Wie Bachmann. Sie hatte ihren Ausdruck in der Literatur und hat es trotzdem nicht geschafft über diese wahnsinnigen Dinge hinwegzukommen. Viele haben gar keinen Ausdruck (mehr). Die meisten dröhnen sich zu oder lenken sich ab. Oder ignorieren alles so gut als möglich.

Was hat sich in fünfzig Jahren seit Erscheinen des Romans für die Situation der Frau in der Gesellschaft verändert und wie ist die Situation für die Frau heute, in Gesellschaft und Kunst?

In unserem Land wird man als Geschiedene nicht mehr geächtet und ausgegrenzt, zumindest weitgehend, das ist ein großer Fortschritt. Nach wie vor – da können viele Alleinerzieherinnen ein Lied singen – wird die Verantwortung der Kinder mit allem Drum und Dran sehr oft auf die Frau abgeschoben. Viele Männer drücken sich vor Verantwortung und auch echter Unterstützung. Frauen dürfen sich leben, ohne gleich einen Stempel aufgedrückt zu bekommen.

Es gibt auch Frauenquoten – was zwar immer noch traurig ist und zeigt, dass hier noch viel getan werden muss – aber immerhin gibt es das. Und ich bin keine Freundin von Gendern, aber vielleicht dringt das sonst nicht ausreichend in unser Bewusstsein. Dass Frauen wichtig sind und Chancengleichheit die Basis eines gesunden Zusammenlebens voraussetzt. Man muss sehr stark sein als Frau, wenn man nicht das übliche Spiel spielen will, des „sich verkaufen“. Im Endeffekt ist es eine Frage von Selbstrespekt und Standhaftigkeit und Ehrlichkeit. Da sind wir alle gefordert.

Wie würdest Du selbst in der Romansituation zwischen Ivan und Malina handeln bzw. was würdest Du einer Freundin raten ?

Ich würde zu Ehrlichkeit und Abgrenzung raten und mit ihr gemeinsam alles durchkauen, um ihr zu einem anderen Blickwinkel zu verhelfen und hoffentlich etwas mehr emotionaler Klarheit. Die Situation mit ihrem Mann, der sie ja erhält und den sie lange hintergeht ist unerträglich in Wahrheit. Und da sie ihn nicht liebt, wäre es gut das zu beenden und sich einen Job zu suchen. Aber das alles ist zu komplex jetzt. Es wäre ein Weg… zu eigener Wahrheit, Freiheit und essentieller und nachhaltig positiver Veränderung, hin zu einem möglichst unabhängigen und erfüllten Leben. In Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit. Also eine 180 Grad Drehung.

Was würdest Du Ivan, Malina und der weiblichen Hauptperson sagen wollen?

Schwierig. Ich würde ihnen sagen, dass einem dieses „Spielchen spielen“ auf Dauer nicht weiterbringt und es alle Beteiligten ziemlich sicher leer und oder verbrannt zurücklassen wird.

Bachmann spricht von Paarbeziehungen als „Todesarten“, wie siehst Du das?

Eine grauenhafte Vorstellung. Es gehören immer zwei dazu…Im besten Fall ergänzt man sich. Ich hatte viele Beziehungen, sehr unterschiedlicher Natur. Für vieles bin ich mittlerweile schon zu alt, Gott sei Dank.

Ich habe mit vielem Frieden gemacht und Dramatik brauche ich nicht mehr. Da hatte ich auch genug Erlebnisse, die mich beinahe zerstört haben. Das ist dann das Schöne, wenn man viel erfahren und auch überstanden hat, dass man weitergehen kann und darf, jederzeit…dass man sich im Endeffekt für sich selbst entscheidet.

Wie siehst Du die Gegenwart und Zukunft von Liebe und Paarbeziehung bzw. Partnerschaften an sich?

Ich sehe einen bunten Haufen mit den unterschiedlichsten Beziehungsformen. Wie die Zukunft aussieht, weiß ich nicht. Meiner Meinung nach mangelt es uns fast allen an Erfahrungswerten. Die meisten Menschen kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen und unsere Gesellschaft hat sich so sehr von der Idee eines Familienverbandes hin zum Single Leben entwickelt – extrem ausgedrückt – dass ganz vielen die Idee fehlt wie so eine Partnerschaft und Zukunftsplanung aussehen könnte. Und zwar etwas das möglichst von Dauer und auch wirklich erfüllend sein kann. Weit über die materielle Ebene hinaus.

Dieses Wettbewerbsdenken und die Idee vom ständigen und wahnwitzigen Wirtschaftswachstum hat – glaube ich – einfach ganz viel zerstört. Diese Erwartungshaltung an irgendwas, mit all dem Druck. Weil sich die Prioritäten von einem Innenleben zu einem Außenleben hin verschoben haben. Das Schönste ist einfach eine tiefe Verbundenheit und Verständnis für einander.  Und die Idee einer gemeinsamen Lebensgestaltung, wo ganz viel Platz für Liebe und deren Ausdruck ist.

Was würdest Du Ingeborg Bachmann sagen wollen?

Ich würde sie umarmen, ganz fest und möglichst lange halten und ihr sagen, dass ich sie lieb hab und ihr dabei ganz viel Liebe geben. Damit sie spürt wie sich das anfühlt. Liebe ist Heilenergie, die Stärkste die wir zur Verfügung haben. Und damit meine ich die eine erfahrbare Kraft, die wir alle haben und die in unserer Gesellschaft total vernachlässigt wird. Es ist wie beten und man kann sie leiten. Eine Essenz, die auch in der Meditation erfahrbar ist. Eine konzentrierte starke und weite Kraft, die sich ganz warm anfühlt. Sie ist unbegrenzt und geht durch alle Schichten. Leider haben wir verlernt damit umzugehen und in unserer Kultur machen sich auch viele lustig darüber. Weil sie nicht erkannt wird, diese Liebe. Und in Wahrheit schneiden sich diese Leute davon ab und verweilen in Kälte, Dunkelheit und Leere. Depression.

Welche Vision hast Du für Kunst und Gesellschaft?

Kunst sollte selbstverständlich sein. In Form von kreativem, schöpferischem Ausdruck. Jedem zugänglich. Diese Ebene fehlt den meisten Menschen, spätestens nach dem Kleinkindalter. Es ist ein Privileg so etwas machen zu können, sein Potential zu entfalten. Wir sollten zu einer Gesellschaftsform gelangen, wo das jedem Menschen möglich ist. Sein Potential zu entfalten. Da sind wir ganz weit weg davon.

Es ist eher ein Kampf ums Materielle. Ums Überleben. Oder um einen übermässigen Materialismus. Eine Frage des zu erreichen wollenden/könnenden Status um der eigenen Wichtigkeit wegen. Es ist alles auch sehr politisch und von echter Chancengleichheit oft sehr weit entfernt. Finde ich. Auch dieses vorherrschende kleinliche Schubladendenken sollte mal aufgelöst werden. Da sind wir alle gefordert.

So wie auch in den Schulen und überhaupt an allen Ecken und Enden ganzheitliches Denken fehlt. Wir sollten anfangen, Zusammenhänge erkennen zu wollen und konsequent Dinge zu verändern, die ungesund oder nicht förderlich sind. Uns als Teil des Ganzen sehen, miteinander verbunden.

Ich denke mir immer, jeder Mensch und jedes Leben das heilt, ist so eine Bereicherung für alle und alles. Immer. Jeder Mensch der sich entfalten kann ist ein Geschenk für (uns) alle und alles. Wenn wir mehr in solch einem Bewusstsein wären, dann gäbe es wahrscheinlich keinen Hunger mehr, keine Umweltzerstörung, dann wären Kunst, Kultur und eine Gesellschaft die ihr schöpferisches Potential – im Guten – entfaltet keine immer wiederkehrende Frage mehr sondern einfach eine willkommene Notwendigkeit.

Gudrun Liemberger _ GuGabriel – singer/songwriter

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Gudrun Liemberger gugabriel_singer/songwriter _Wien. 

gugabriel (gudrunliemberger.com)

Station bei Ingeborg Bachmann _Mercure Grand Hotel Biedermeier_Wien_2_2021

Interview und alle Fotos_Romanschauplatz Malina_Walter Pobaschnig _ 2_2021.

https://literaturoutdoors.com

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