„Die Reflexion der Endlichkeit unseres Lebens ist bedeutend wie noch nie“ Alexander Estis, Schriftsteller_ Aarau/CH 30.5.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin ein Chaot mit Ordnungsneurose: Für den Tag, die Woche, den Monat mache ich mir Arbeitspläne, die ich strikt ignoriere; ich stelle mir einen Wecker auf den frühen Morgen, würge ihn ab und stehe am Nachmittag auf; setze mich dann an die dringend fällige Kolumne – und arbeite bis in die Morgenstunden an einer Prosaminiatur, auf die niemand wartet. Das Patentrezept meiner Organisiertheit besteht darin, eine präzise Hierarchie zu eruieren und auf deren Basis zunächst das Wichtigste und dann erst das weniger Wichtige
aufzuschieben. Das nenne ich strukturierte Prokrastination. Im Hinblick auf die Pandemie hat sich dabei nicht viel verändert: Da ich aus Russland stamme, habe ich eine genetische Disposition dafür, eingesperrt zu werden.

Alexander Estis, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn es etwas gibt, das für alle besonders wichtig wäre, dann vermutlich dies: zu verstehen, dass gerade jetzt für alle ganz Unterschiedliches besonders wichtig ist. Mir persönlich scheint – so trivial das klingt – die Reflexion der Endlichkeit unseres Lebens bedeutend wie noch nie. Diese einende conditio humana hilft uns vielleicht dabei, dass wir einander als gleichermaßen fragile Wesen anerkennen und in entsprechend humaner, humiler, humorvoller* Weise begegnen.
*Diesen Hu-Dreisatz hat der gleichnamige ägyptische Gott den Menschen geschenkt,
nachdem er die Welt aus seinem Omphalolith erschaffen hatte.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das kommt natürlich darauf an, wie man für sich Kunst bestimmt. Manche werden wohl sagen, die Kunst sei der sokratische Stachel, der uns mit unangenehmen Fragen zusetzt und zum notwendigen Wandel anspornt. Andere verstehen die Kunst umgekehrt als eskapistische Dimension, in der sie Freiheit von den »furchtbaren Realitäten« erfahren können. Wieder andere mögen behaupten, die Kunst sei ein Pharmakon, ein Therapeutikum für ebensolche Spaltungen wie diejenigen zwischen Engagement und Eskapismus, für Enttäuschungen und Verletzungen, ein Trost in dieser an Versöhnlichkeit armen Zeit.
Das Gute daran: All dies trifft gleichermaßen zu.

Was liest Du derzeit?

Virenseuche – Şafak Sarıçiçek (Elif-Verlag 2017)

Mehr Hygiene schadet nie. Prosa – von Adrian Kasnitz (Parasitenpresse 2020)

Wie Anatolij Petrowitsch aus Moskau zurückkehrte und beinahe eine Infektion
auslöste – von Katharina J. Ferner (Wortreich 2015)

Pandemischer Panikraum – von Hendrik Jackson (kookbooks 2018)

I Want Sputnik – von Melanie Katz (Hochroth 2018)

Jenseits des Relevanzprinzips – von Rebekka Kricheldorf (Rowohlt 2021)

Die Schließung ist eine Öffnung ist eine Schließung. Oder? – von Judith Keller
(Der gesunde Menschenversand 2021)

Der Antrag der Danaiden. Tragödie – von Asmus Trautsch (De Gruyter 2020)

Kontaktlose Kinderspiele – von Danae Sioziou (Parasitenpresse 2019)

Maskenpflicht. Das beste Jahr für Diebe – von Jan Snela (Klett-Cotta 2016)

Flandern dunkelorange auf Coronakarten – von Patrick Wilden (lesezeichen
2019)

Acht Dinge. Was man im Lockdown tun kann – von Lisa Gollub (erscheint 2021
in der edition mosaik)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einerseits:
Silbrig die Blüte, die junge, und atmend die Düfte des Frühlings,
Siehe, da welkt sie geschwind, es vergeht, ach, vergeht jene Anmut.
So auch das Leben der Menschen – den eben Geborenen, wehe,
Schwindet’s dahin, gleich Blasen, gleich flüchtigem Dunst sich verlierend.
(Franco Estius, 1594)

Andererseits:
Es ist schwer, jemandem etwas über Puschkin zu erzählen, der nichts von ihm
weiß. Puschkin ist ein großer Dichter. Napoleon ist nicht so groß wie Puschkin.
Und Bismarck ist im Vergleich zu Puschkin ein Nichts. Und Alexander der I. und
der II. und der III. sind im Vergleich zu Puschkin einfach Seifenblasen. Überhaupt
sind alle Menschen im Vergleich zu Puschkin Seifenblasen, nur im Vergleich zu
Gogol ist Puschkin selbst eine Blase.
(Daniil Charms, 1936)

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke auch

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Estis, Schriftsteller

Alexander Estis

Foto_privat.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com


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