„Seien wir radikal aufrichtig. In der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Kunst“ Reinhardt Winter, Schauspieler_Wien 29.5.2021

Lieber Reinhardt, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Der Unterricht an der Schauspielschule Krauss findet, wenn auch eingeschränkt, statt. Ich unterrichte. Ich bin in Wien. Das ist der größte Unterschied. Sonst bin ich meist ein halbes Jahr „on the road“.

Ich habe einen wunderbaren Wohn, Arbeits- und Trainingskeller, indem all meine Bücher sind, und einen Garten vor der Türe. Ich bin ziemlich gesegnet.

In der ersten Zeit des Lockdowns konnte ich viele Dinge erledigen. Unterrichtsinhalte verschriftlichen, mich mit Hingabe meiner zusätzlichen Ausbildung an der Yurij Vasiljev Akademie widmen. Selbst zu Hause trainieren und üben. Mein Wissen um Atem Und Stimme vertiefen. Dafür wäre sonst keine Zeit gewesen.

Die Ausbildung, es geht um Stimme und Sprechen fand dann Online statt. Damit musste ich mich, technikfremd wie ich bin, erst anfreunden. Auch selbst Online zu unterrichten war eine neue, durchaus interessante Möglichkeit, die aber in der Schauspielausbildung auch bald Grenzen erreicht.

Ich habe mich mit Video und Audio in der Selbstproduktion beschäftigt. Ich habe täglich ein Gedicht aus Tagores Gitanjali online gestellt. Kurzgeschichten von Pirandello aufgenommen. Eine Videoproduktion mit Gedichten von Klassikern und befreundeten Autor*innen auf die Beine gestellt.

JETZT: Ich unterrichte weiter, Ende April des Jahres haben wir Lehrer*innen die Monologe der Schauspielschüler*innen zweier Jahrgänge angeschaut. 48 Monologe, sechs Stunden. Spannend, wie sich die jungen, begabten, zukünftigen Kolleg*innen trotz der eingeschränkten Möglichkeiten entwickeln. Ich lerne Text für die Komödienspiele Porcia, die diesen Sommer hoffentlich stattfinden.

Die Stille in der Stadt war bedrückend. Es erschlossen sich neue Lebensalternativen. Mehr Zeit zu haben ist so wertvoll. Weniger von einem Termin, von einer Probe zur nächsten zu hetzen, war so wertvoll. Für mich.

Reinhardt Winter, Schauspieler

Was ist jetzt für alle besonders wichtig!

GELASSENHEIT! Raus aus der Dauererregung. Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit. Die Welt, die Dinge, sich selbst sehen. Nicht gleich alles bewerten, kritisieren, wissen. Aus den wirbelnden Speichen des Rades in die Achse treten und die Welt betrachten. Die eigenen Positionen hinterfragen. Nix is fix!

Wenn wir alle öfter sagen würden „Ich weiß es nicht!“ „Ich habe keine Antwort.“ Wäre das unserem und dem Wachstum der Gesellschaft förderlich. Auf wienerisch „schau ma amoi“ „Wir werdn schon sehn“. Vielleicht eine Art Gottvertrauen, das nicht alles in unserer Hand liegt, dass nicht alles, was wir heute als richtig erkennen auch morgen noch gültig ist.

SOLIDARITÄT! Wir haben als Menschen die wertvolle Möglichkeit einander auf vielen verschiedenen Ebenen zu unterstützen, zu helfen. Dieser Wert sollte bei allen Überlegungen und Handlungen im Vordergrund stehen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube an das Theater als moralische Anstalt. Ich glaube daran, dass es die Gesellschaft, den Menschen positiv verändern kann. Generationen von Künstlern kommen zu Wort und erinnern uns an das Schlechteste und das Beste in uns. Wir werden zu Betrachtern, zu Zeugen der comedie humaine. „So sieht Gott die Welt“ sagt Mozart in „Amadeus“ von Peter Shaffer.  Er will die Töne und Stimmen dieser Welt, die Stimmen von Adeligen und Dienstboten in einem gewaltigen Finale vereinen und doch jeden hörbar machen und „… das Publikum zu Gott machen.“

Die Kunst stellt Möglichkeiten, Utopien, Visionen dar.  Künstler*innen, wenn sie denn welche sind, versuchen fern des Zeitgeistes, fern ihrer Erziehung, der Abhängigkeiten, der Konditionierungen aus dem Unbewussten zu schaffen. Den Zustand der Inspiration zu erreichen: Im Einssein mit der Welt, das eigene Ego auflösen, unserem Selbst näherkommen und zu einem wahren Schöpfer werden.

Wir brauchen diese Utopien. All diesen Möglichkeiten zugrunde liegt die Utopie des besseren Menschen. „Die Menschen sind eben so.“ „Da kann man eh nichts machen.“ Solche Aussagen sind die Gegenentwürfe. Zynismus wird uns nicht weiterhelfen.

Oft ist das was gesellschaftlich als naiv abgetan wird das eigentlich Starke. Besinnen wir uns auf das was uns wirklich gut tut, was uns tatsächlich als Menschen fördert und seien wir radikal aufrichtig. In der Gesellschaft, in der Wirtschaft in der Kunst.

Das war, ist und wird auch weiter die Aufgabe des Theaters sein.

Und: Es soll uns zum Lachen bringen. Lachen öffnet das Herz!

Was liest du derzeit?

  • Daniil Charms;
  • Kurzgeschichten von Pirandello;
  • „Wer bin ich, wenn ich spiele?“ Fragen an eine moderne Schauspielausbildung von Frank Schubert und Martin Wigger. Über Erfahrungen, Versuche und Methoden an der Hochschule der Künste Bern

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„So mußt du allen Dingen

Bruder und Schwester sein,

Daß sie ganz dich durchdringen,

Daß du nicht scheidest Mein und Dein.“

„Spruch“ Hermann Hesse

Vielen Dank für das Interview lieber Reinhardt, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Reinhardt Winter, Schauspieler

Start – Reinhardt Winter

Foto_.Michaela Krauss-Boneau.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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