„Kunst ist für die betrachtende Person mal nicht auf Leistung fokussiert“ Barbara Maria Neu, Klarinettistin_Wien 29.5.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ehrlich gesagt, ich bin Frühaufsteherin, das hat sich in Zeiten des Lockdowns noch verstärkt. Meistens wache ich so um 5:30 – 6:00 Uhr (oder noch früher) auf und nutze die Zeit für mich.. Etwas Bewegung, schreibe Tagebuch, höre Musik, lese und oft nehme ich sogar noch ein Bad. Wenn ich zu arbeiten beginne, versuche ich, nicht mit Büroarbeit oder Mails zu beginnen. Da in der Wohnung um die Zeit meist noch alles schläft, ist Arbeit mit Texten oder mit dem Körper dran. Ab 9.30 Uhr darf auch die Klarinette. Dabei bin ich so dankbar, dass ich nicht immer ins Studio dafür gehen muss und auch im Lockdown weiterarbeiten konnte. Am Nachmittag oft Proben, die uns zum Glück mit Vorsicht und Testen möglich sind, Spaziergänge mit Freundinnen oder einfach weiter üben mit der Klarinette.

Barbara Maria Neu, Klarinettistin, Musikerin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Während den Lockdowns versuchte ich, das für mich mögliche Positive daraus zu suchen. Immer nur das Negative zu sehen und darauf zu konzentrieren, was alles nicht mehr möglich ist, kann zum Verhängnis werden. Mir ist bewusst, dass ich da wirklich in einer guten Situation bin, da ich die Zeit nutzen konnte, um neue Projekte zu überlegen, viel zu lesen, mich Fremdsprachen wieder mehr zu widmen, viel zu üben und mal zur Ruhe zu kommen. Klassische Musik hören, wenn auch nicht live möglich, wirkt für mich immer als Energietanker. Jedoch jemand anderen zu empfehlen, sich auf das Positive zu konzentrieren würde ich nicht wagen, da ich weiß, für wie viele Menschen die Umstände ganz andere sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die Rolle und der politischer Stellenwert von Kunst wurde uns ja im letzten Jahr gezeigt.. Und auch der, der kleineren Betriebe. So oft fragte ich mich, wie es sein kann, dass riesige schwedische Modeketten, in die Menschenmassen ohne Mindestabstand hineinströmen, geöffnet haben dürfen und ein vergleichsweise kleines Wiener Kaffeehaus daneben, geführt von einer hier lebenden (und steuerzahlenden) Einzelperson oder Konzerthäuser und Theater nicht mal unter den strengsten Auflagen öffnen dürfen.. und das in Zeiten, wo sich die Politik eh so gerne mit so Parolen wie „Österreich zuerst“ schmückt.

Ob es wirklich einen gesellschaftlichen Neubeginn gibt, bezweifle ich um ehrlich zu sein.. Für mich persönlich, ja, war die Pandemie ein persönlicher Neubeginn, aufgrund der oben beschriebenen Möglichkeiten. Da hat die Musik viel geholfen. Auch gesellschaftlich kann die Musik bzw. generell Kunst zum Aufbruch helfen, indem sie aufmerksam macht und aufzeigt. Aber auch, indem sie Schönes zeigt und Freude bereitet und für die betrachtende Person mal nicht auf Leistung fokussiert ist.

Was liest Du derzeit?

Es ist mir fast etwas peinlich: Tatsächlich lese ich gerade oft in der Bibel. Zu Ostern höre ich jedes Jahr Bach Matthäus-Passion, heuer überkam es mich und ich war neugierig auf den Text.. und seither lese ich immer wieder darin. Habe ich davor noch nie gemacht und es ist irgendwie schon spannend.

Ansonsten las ich vor kurzem die Sanfte von Dostojewskij und einen Gedichtband von Droste Hülshoff. Ebenso begleiten mich Goethe-Gedichte seit einigen Wochen. Märchen beschäftigen mich ebenfalls seit einiger Zeit.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Jetzt oder nie entspring ich diesen Banden“ 😉

ist aus Turandot

Barbara Maria Neu, Klarinettistin, Musikerin, Performerin

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musik-, Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Maria Neu, Klarinettistin, Musikerin, Performerin

Über mich | BARBARA MARIA NEU

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _5_21 _Hotel Regina, Wien.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s