„Grenzgänge, da beginnt Kunst spannend zu werden“ Fanny Altenburger, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 29.5.2021

Ich liebe die Vielfältigkeit von Wien. Du kannst Dich etwa am Naschmarkt wie in der Türkei oder in Italien fühlen. Oder wenn Du im I.Bezirk spazierst, fühlst du das imperiale Wien. Ich mag diese bunten lebendigen Facetten und auch verträumten Ecken Wiens sehr gern.

Fanny Altenburger_Schauspielerin

Derzeit bin ich viel im siebten, achten Bezirk, dieses hippe Wien mag ich auch sehr gern. Coole, gechillte Ecken mag ich.

Es ist ein tragisch schönes Bild, dass Ingeborg Bachmann versoffen, rauchend Zuhause sitzt und großartige Sachen schreibt aber eigentlich wahnsinnig leidet. Das fasziniert und gleichzeitig habe ich großes Mitleid. Dieser Griff zu Tabletten und Alkohol, dieses innerliche Kaputtsein und dann trotzdem oder gerade deswegen diese Kraft zur Kunst, Literatur.

Auch diese Brandflecken der Zigaretten auf ihren Körper, dass sie diesen Schmerz nicht mehr gespürt hat. Das ist erschütternd. Es ist tragisch, aber auch faszinierend wie weit Mensch und Kunst gehen können.

Kunst braucht Grenzgänge, da beginnt Kunst für mich spannend zu werden. Ich möchte selbst an diese Grenzen. Alles andere finde ich langweilig.

Die „Verrückten“ im Theater, in der Kunst, die so abgestempelt werden, die leben ja eigentlich nur, dürfen einfach leben, wieder leben. Ich war einmal bei einer Werkschau in einer Schauspielschule. Es war so grenzenlos, so schön. Da ist alles möglich. Im Schauspiel gibt es dieses einfach Sein-Dürfen.

In der Gesellschaft werden viele Menschen zurechtgeschnipselt. Viele Leute verbieten sich innerlich viel, vielleicht um angepasst zu sein, um in ein Konstrukt zu passen? Kunst überschreitet dies, lässt frei, das ist ziemlich geil.

Nicht Künstler*innen überschreiten Grenzen. Sie leben. Aber Menschen stecken sich viele Grenzen, die sich Menschen nicht zu stecken brauchen.

Kunst hat eine große Verantwortung. Wenn Menschen berührt, bewegt werden, Kritik geübt wird, da kann viel passieren. Das ist ein schmaler Grat. Da ist eine Emotion, mit der Menschen dann etwa das Theater verlassen. Das ist schwierig aber sehr wichtig. Eine große Verantwortung.

Kunst kann anregen.

Ingeborg Bachmann war in der Schule präsent. Der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan hat mich vor Jahren im Theater beeindruckt. Die Briefe haben richtig in eine andere Welt gezogen. Es war ein Sog.

Wir sind in einem Aufbruch in unserer Gesellschaft. Viele verschiedenen Formen von Liebe werden gelebt. Da war ja etwa das #actout von Künstler*innen in der Süddeutschen Zeitung. Das ist ganz toll.

Unterschiedliche Beziehungsrealitäten werden immer normaler. Etwa auch die Väterkarenz. Dass diese zunimmt, ist großartig

Es ist gut, wenn wir heute über sexuelle Übergriffe reden und dazu nicht schweigen. Zur Zeit Bachmanns war das ja nicht so. Es ist wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Bestimmt gibt es dieses Ivan-Malina Modell auch heute. Aber in meiner Generation bricht da gerade sehr viel auf. Diese patriarchalen Denkmuster gibt es da nicht mehr.

Ich kenne viele sensible einfühlsame Männer. Männer können nicht auf Ego-Gewalt reduziert werden. Aber es ist ganz wichtig für Frauenrechte zu kämpfen.

Männer dürfen weinen. Männerbilder sollen mehr aufbrechen, dieser Mucki-, Testosteron- Mann, der Mädels flachlegen will, das ist überholt. Da ist eine Befreiung für den Mann wichtig. Wir sind Menschen nicht aufgesetzte Muskelmaschinen.

Mein Partner soll sich in seiner Männlichkeit definieren dürfen. Ich würde begleiten aber es ist so ein filigranes Gebiet, ich würde da sehr zurückhaltend sein.

Ich glaube stark daran, dass jede/jeder für sich selbst verantwortlich ist. In einer Partnerschaft braucht es viele Gespräche.

Körperlichkeit ist absolut nicht das Einzige in einer Beziehung. Man kann Beziehungen auf so vielen verschiedenen Ebenen führen. Einander Zeit geben ist ganz wichtig.

Wenn man mit jemand im Bett landet, der gerade so nervös ist, dass der Körper nicht kann, dann wartet man. Das ist nicht schlimm. Dafür muss man sich als Mann nicht schämen. Da kann viel toxische Männlichkeit mit im Bett sein.

Sex braucht sehr viel Vertrauen, sich so zu öffnen.  

Liebe hat keine Garantie. Es ist nichts Endgültiges.

Bachmann zog ja von Wien nach Zürich. Den Wohnort zu wechseln aufgrund der Liebe, etwa nach Berlin zu gehen wegen einem Mann, das ist ein sehr schönes romantisches Bild. Ob ich das könnte?

Liebe auf den ersten Blick gibt es. Oh, ja!

Wenn ich mich verliebe, verliebe ich mich schnell und impulsiv. Ich hab da viel Ähnlichkeit mit dem Roman (lacht).

Ich zelebriere die Liebe.

Es ist auch Unsicherheit und Angst in der Liebe. Da ist Ehrlichkeit wichtig.

Inszenierung in der Liebe ist auch ein Schutz vor dem Kern der Liebe. Aber ich kann mich nicht austricksen (lacht).

In Inszenierungen der Liebe kann man sich auch verlieren. Da kann auch Eitelkeit sein, das geht mir schwer auf die Nerven.

Ich finde das Spiegeln der Persönlichkeit sehr spannend. Das passiert auch oft bei mir. Wenn man zu gern spiegelt, kann das aber ungesund, narzisstisch sein. Ich muss mich immer wieder zurückholen – ich will den Menschen sehen und nicht mich in den Menschen.

Spiegeln kann sehr erschrecken. Es geht ja auch in den Körper über. Beim Spiegeln muss jeder gut bei sich bleiben. Ich denke, ich bin zu empathisch, um narzisstisch zu sein.

Ich liebe Halligalli, bin süchtig danach (lacht), wie auch nach der ruhigen Zeit mit mir selbst.

Ich begann mit neun Jahren in Berlin zu schreiben, das setzte sich dann fort. Leider hörte das in der Maturavorbereitung auf. Ich schrieb auch einen Kurzfilm (lacht). Jetzt schreibe ich immer wieder abends. Etwa auch den Monolog für die Schauspielschule, auch für eine Freundin schrieb ich da.

Schreiben, das ist auch Angst vor der Beurteilung. Mir fällt es auch schwer Selbstgeschriebenes zu spielen. Du kannst dich da ja nicht verstecken.

Ich schreibe so vor mich hin. Ein paar Leute dürfen es dann lesen.

Musik ist mir auch sehr wichtig

Ich werde jetzt viele Gewürze und Lebensweisheiten, etwa meiner Schauspiellehrerin, mit nach München nehmen. Eine gute Mischung davon (lacht).

Leben, Liebe, Kunst ist eine Balance. Da ist Sehnsucht, aber auch Fallhöhe.

Ingeborg Bachmann wusste was sie will. Ich fühle mich ihr in vielem sehr nahe.

Fanny Altenburger_Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Fanny Altenburger _ Schauspielerin _Wien. Station bei Ingeborg Bachmann _Grabenhotel_Hotel Regina_Wien_4_2021

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

https://literaturoutdoors.com

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