„Dass die Künstler und Literaten stark bleiben, durchhalten und ihre Werke immer wieder zeigen“ Werner Weimar-Mazur, Schriftsteller_ Waldkirch im Breisgau/D 22.5.2021

Lieber Werner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich sieht mein Tagesablauf in diesen Coronazeiten gar nicht viel anders aus als sonst. Ich habe einen erlernten Brotberuf als Diplom-Geologe und arbeite seit ca. zehn Jahren als Ingenieurgeologe an einem privaten Ingenieurbüro, hauptsächlich auf dem Gebiet der Geotechnik, das heißt, ich beschäftige mich mit Baugrunduntersuchungen und führe erdstatische Berechnungen durch. Da sich mein Berufsleben dem Ende zuneigt, ab Oktober steht die Rente an, und ich nur noch 60% bzw. drei Tage in der Woche arbeite, habe ich mehr freie Zeit fürs Schreiben, hauptsächlich Gedichte. Und Zeit, Veröffentlichungen vorzubereiten. Im kommenden Herbst und Frühjahr wird es voraussichtlich zwei neue Gedichtbände von mir geben. Was mir in diesen Coronazeiten allerdings sehr fehlt, sind die Besuche von öffentlichen Veranstaltungen / Lesungen und die Teilnahme an Textwerkstätten / AutorINNentreffen in unserem schönen Literaturhaus in Freiburg, in dessen Trägerverein ich mich seit ca. 25 Jahren engagiere. Der persönliche Kontakt zu anderen Schreibenden fehlt mir. Ich hoffe, das kommt alles bald wieder?!

Werner Weimar-Mazur, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir „immer den Kopf über Wasser halten“ und nie verzweifeln oder aufgeben!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zunächst einmal kommt den politisch Verantwortlichen und Entscheidungsträgern eine wesentliche Rolle für die Zeit während und nach Corona zu. Dazu gehört auch die wirtschaftliche Abfederung der immensen Pandemiekosten. Der Literatur und Kunst kommt leider und wie allzu oft, nur eine ziemlich kleine Rolle zu. Und das liegt nicht allein an der Pandemie, das ist schon lange so. Die Kunst und insbesondere die Literatur haben aber in diesen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich sehr tristen Zeiten bzw. im langsam beginnenden Leben nach Corona eine Schlüsselfunktion: Sie allein können neue Farbe in den grau gewordenen Alltag bringen! Wichtig dabei ist, dass die Künstler und Literaten stark bleiben, durchhalten und ihre Werke immer wieder zeigen. Die Menschen brauchen, besonders nach einem Stillstand und einer Lähmung von Öffentlichkeit, Schöngeistiges, belle et triste, das sie wieder aufrichtet. Kunst und Literatur können, mehr als andere Disziplinen, durch ihre unbändige Kreativität und ihren eigenen Blick auf die Wirklichkeit die Menschen berühren und mitnehmen. Davon bin ich überzeugt. Diese Maxime sollte auch in Nichtpandemiezeiten, eigentlich immer, gelten. Das ist mein Optimismus, mein Idealismus für die Zeit während und vor allem nach Corona: Kunst und Literatur von Menschen für Menschen, und damit aus dem Leben für das Leben!

Was liest Du derzeit?

Seit einigen Jahren kaufe ich mir immer wieder zeitgenössische Lyrikbände von guten, oft jungen Autorinnen und Autoren aus der ganzen Welt. Aktuell lese ich die Gedichtbände „Mir war nicht kalt“ und „Wucht“ der iranischen Dichterin Pegah Ahmadi (aus dem Farsi bzw. Persischen übertragen von Jutta Himmelreich, erschienen 2011 und 2018 im Sujet Verlag, Bremen).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In diesen Zeiten erinnere ich mich immer wieder an den Anfang des Romans von David Herbert Lawrence „Lady Chatterley’s Lover“ aus dem Jahr 1928, den ich vor fast 50 Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Der Protagonist beginnt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bei Null. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass alles wieder besser wird. Lawrence schreibt:

„Unser Zeitalter ist seinem Wesen nach tragisch, also weigern wir uns, es tragisch zu nehmen. Die Katastrophe ist hereingebrochen, wir stehen zwischen den Trümmern, wir fangen an, neue kleine Gewohnheiten zu bilden, neue kleine Hoffnungen zu hegen. Es ist ein hartes Stück Arbeit: Kein ebener Weg führt in die Zukunft; wir umgehen die Hindernisse jedoch oder klettern über sie hinweg. Wir müssen leben – einerlei, wie viele Himmel eingestürzt sind.“

Werner Weimar-Mazur, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Werner, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Werner Weimar-Mazur, Schriftsteller

Werner Weimar-Mazur

Fotos_privat

25.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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