„Dass das Theater noch mutiger wird“ Julia Jenewein, Regisseurin _Innsbruck 29.4.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der glücklichen Situation, proben und arbeiten zu können, was sehr zum
Seelenwohl beiträgt, da die Theatervermissung sonst zu groß wäre. Da ich mich kurz
vor Corona selbständig gemacht habe, bin ich einerseits froh, keine Existenzängste
haben zu müssen. Andererseits ist es ein höchst merkwürdiger Zustand, weil man
die harte Arbeit nie einem Publikum präsentieren darf und ständig mit der Angst
lebt, für die Schublade zu produzieren. Jedes Verschieben und Absagen ist mühsam
und schmerzt.

Julia Jenewein, Regisseurin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf sich zu achten und gesund zu bleiben, physisch und psychisch. Ich zum Beispiel
brauche regelmäßig Pausen von Nachrichten oder Social Media Diskussionen und
konsumiere viel Kunst und Natur, dann geht es mir besser. Man spürt überall sehr
viel Frust und angestaute Aggressionen, diese Zeit geht den Menschen an die
Substanz. Ich wünsche mir Empathie, Solidarität und Vernunft. Wir sollten nicht nur
diese Pandemie, sondern vor allem auch den Klimawandel, die Asylpolitik und die
Rechtsradikalität bekämpfen, das schaffen wir nur gemeinsam.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Hoffentlich! Ein Neubeginn würde der Welt gut tun, obwohl das im Moment
regelrecht utopisch wirkt. Wesentlich wird sein, die Menschen und die Gesellschaft
wieder zu vereinen. Die Kunst und Kultur steht also vor einer verantwortungsvollen
Aufgabe, denn sie war immer schon Vermittlerin des Unaussprechlichen. Ich liebe
das Theater, weil es unmittelbar auf Ereignisse reagieren kann. In Echtzeit und
einmalig können Menschen dort miteinander interagieren, Energien und
Denkprozesse freisetzen. Das geht nur, wenn man endlich wieder unter einem Dach
sein darf. Auf der Bühne muss alles erlaubt sein und ich hoffe, dass das Theater nach
der Krise noch mutiger und unbequemer wird, „systemrelevant“ darf es gar nicht
sein wollen. KünstlerInnen müssen hinsehen, nicht weg, auch hinter der Bühne.
Nach monatelangem Stillstand gibt es hoffentlich genug kritische Stimmen und das
gemeinsam Erlebte kann emotional verarbeitet werden.

Was liest Du derzeit?

„Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane und „Ich und die
Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“ von Isolde Charim.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich gebe gern einen Ohrwurm weiter, den ich gerade habe, von Kali Uchis‘ „After the
storm“:
„So if you need a hero, just look into the mirror.
No one‘s gonna save you now, so you better safe yourself.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Jenewein, Regisseurin

Foto__Miriam Thaler

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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