„Mein Buch ist ein Gedankenverarbeitungsbuch, das in Wien passiert ist“ Georg Rauber, Schriftsteller _ Station bei Bachmann 18.2.2021

Georg Rauber_Schriftsteller_Wien

Ha.Ha.Ha.

„Haben sie frischen Fisch?“ fragte Johann den Blumenverkäufer und ging.

(aus: Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021_ebenso alle weiteren Gedichte)

Interview_Georg Rauber: Ich begann 2017 an diesem Buchprojekt zu schreiben, einmal ein Gedicht, dann eine Geschichte oder ein absurdes Sprachexperiment und dies immer wo ich gerade in Wien unterwegs war, in der U-Bahn, in Bars, in Parks und diese Texte sammelten sich und stapelten sich am Schreibtisch.

Dann dachte ich, ich könnte dies als Manuskript zusammenfassen und begann die Texte zu sortieren. Ich habe es dann bei Verlagen eingereicht und es kamen nur Absagen – „Du bist unbekannt und es ist kein Roman“ waren die Antworten. „Leute, die keinen Roman schreiben, veröffentlichen wir nur, wenn sie bekannt sind, und Lyrik bringt finanziell nichts.“ . 

Alles was kein Roman ist, gilt quasi nicht als Buch. Das ist natürlich Unfug.

Kitschig, aber wahr

„“Ich glaub schon, dass Liebe ein Ablaufdatum hat“, sagte er und liebte sie für immer.“

Vor einem halben Jahr kam dann doch ein Anruf vom Kampenwand Verlag mit Interesse an einer Veröffentlichung. Daraus entstand dieses schöne Buch, das Gedichte, Geschichten, „Wortzusammenkünfte“ verbindet. Es ist eine sehr spannende Zusammenarbeit.

Mein Buch ist ein Gedankenverarbeitungsbuch, das in Wien passiert ist. Gedanken auf Wegen durch Wien. Wien erlaubte mir, es zu schreiben.

Ich war viel zu Fuß in Wien unterwegs und mit öffentlichen Verkehrsmittel. Zuhause denkt man anders als in der U-Bahn.

Ich wollte so viele Einflüsse wie möglich sammeln. Menschen beobachten. Nicht vom Turm mit Ausblick sondern mitten im Lebensumfeld. Ich bin mit Intention weggegangen, ca. ab 10% des Buches. Es waren Stationen, auch Nachtwanderungen mit ungefilterten Gedanken, die stark bearbeitet werden mussten.

Der Großteil des Buches ist im Bewegungsradius meines Lebensortes entstanden, mit Abweichungen. Ich hatte immer ein Notizbuch mit.

Regen #2

„Der Regen fällt draußen auf die Straße/Er steht wieder auf und tut so als ob nichts passiert wäre.“

Das Schöne an diesem Buchformat ist, dass es Gedanken zu jeder Tageszeit auffängt. Etwa nach dem Aufstehen, dem Träumen.

Wenn ich jetzt wieder die Wege der Gedanken nachgehe, kommen mir auch Erinnerungen, vielleicht 10 Prozent. Ah, da ist dieser Tisch, da schrieb ich es. Das kommt dann ungeplant. Diese geographische Nostalgie packt einen schon manchmal, aber immer überraschend. Zu 90 Prozent ist aber alles gleich wie immer am Weg.

Lektion eines Spaziergangs

„Gehe beim Beschnuppern einer Blume so nah, als würdest Du eine geliebte Person küssen“

Bewusstes Losgehen war jenes am Abend. Die Nachtwanderung – die Intention: jetzt bringe ich das Buch weiter.

Das Schönste am Schreiben ist der erste Inspirationsfunke. Dann am Besten ein paar Tage warten. Denn am Anfang findet man alles geil was man schreibt. Dann beginnt die Editionsarbeit. Auswählen, einen Rhythmus finden. Es sind also immer zwei Phasen. Von zehn Geschichten bleiben dann zwei, oder eine.

Der effizienteste Mann der Welt

„Mit 2 Jahren schloss er die Schule, mit 3 Jahren die Uni ab. Er arbeitete bis Ende 7 und war mit 8 in Pension. Er fing an Tomaten zu züchten und die Violine zu spielen. Er verliebte sich mit 11 und traute sich mit 13, dies zuzugeben. Er lebte glücklich bis 17, schob ein obligatorisches Jahr der Depression ein und hatte die Vernunft, mit 18 zu sterben.“

Das Schreiben nimmt das Knäuel im Hirn und macht einen Faden daraus. Es ist auch eine Art Therapie, ein Anfang von Verarbeitung von Emotionen.

Jeder Faden kann reißen. Jedes Wollknäuel ist anders. Einfach weitermachen.

Manche Knäuel werden einen Kilometer lang, manche einen Zentimeter.

Wesentlich ist, das Knäuel zu entwirren.

Kunst hilft Positives wie Negatives konkreter zu fassen.

Ein gedrucktes Buch war ein Ziel. Ich würde das gerne weitermachen.

Ich lese gerne und viel und habe es noch nie bereut ein Buch gelesen zu haben.

Ingeborg Bachmann ging von einer rohen Emotion beim Schreiben aus. Da ist nichts gekünstelt. Und dann diese schöne Sprache. Da ist jemand begnadet für die Sprache.

Roher Schmerz, rohe Liebe, wie aus dem Herz gespien, wie gefühlt obwohl es in einer so schönen Sprache ist. Das macht die Ehrlichkeit und Authentizität.

Bachmann fällt mit der emotionalen Tür ins Haus und das respektiere ich sehr.

Das Darstellen von Wahrheit, ich sehe dies als Verbindung zu Ingeborg Bachmann.

Seltsamer Tag

Dann war da der seltsame Tag, an dem ich anfing, deine Stimme wie Graffiti auf Wänden und frei schwebend in der Luft zu sehen.

Ich habe hier im 3.Beziek als Programmierer gearbeitet. Ich habe immer schon nebenbei geschrieben und Schauspiel gemacht, bis ich sagte, ich kündige. Als ich kündigte, wurde am selben Tag mein erstes Gedicht veröffentlicht. Ich ging wie auf Wolken nachhause. Dann gab es harte Jahre, aber ich konnte jeden Tag schreiben, gehen, Eindrücke sammeln. Ich hatte 10 Euro die Woche, aber es war Leben, Schreiben.

Hier im 3.Bezirk sagte ich „ganz oder gar nicht“ zum Schreiben.

Der Kuss

„Und dann war`s plötzlich so und es gab kein Zurück mehr.“

Georg Rauber_Schriftsteller

Georg Rauber, Schriftsteller, Schauspieler _Station bei Ingeborg Bachmann_Wien 1030 _ 2_2021

Alle Gedichte_ Interview_Georg Rauber _ Alle Fotos_Interview_Walter Pobaschnig _2/2021.

Georg Rauber — Georg Rauber

Buchneuerscheinung: Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021.

Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021

Besprechung:

Es ist ein selbstbewusster variantenreicher Sprachweg, den der Wiener Schriftsteller und Schauspieler Georg Rauber in seinem ersten Buch wählt. Die in einem Zeitraum von mehreren Jahren entstandenen Gedankenzugänge zu Welt, Sinn, Sprache und Liebe nehmen in Form von Gedichten, Geschichten und Textexperimenten große Traditionen der Literatur- und Philosophiegeschichte auf und katapultieren diese gleichsam in das 21.Jahrhundert.

Das Augenblick-Phänomen der Erfahrung und Erinnerung, das Gedankenkarussell des Lebens, treten in den Prozess der Reflexion. Und dieses Begegnen und Nachdenken über Ereignis und Geschehen wird in Sprache destilliert, die nicht mehr Treibstoff zulässt als es am Weg braucht. Am täglichen Riesenrad und der Geisterbahn von Welt und Liebe.

Der moderne Mensch stellt sich dem Leben, der Liebe als Kunst, die es zu erlernen, pflegen gilt. Im Gelingen und Scheitern. In Glück und Absurdität. Im Weitermachen. Es ist gleichsam ein aufmerksames Mitgehen, Zeitgeben von Welt und Liebe. Ein Erwarten, Erleiden von Spannung und Wiedersprüchen und Ausschauhalten nach dem Sonnenaufgang, wenn Gedanken ihre Form finden. Die Wirkkraft von Sprache ist dabei zentrale Mitte. Gedankenräume – Sprachräume – Lebensräume. Diese literarische Dreiecksbeziehung trifft bei Georg Rauber punktgenau und fasziniert im lesenden Mitgehen zu überraschenden wie packenden Sprach- und Denkräumen.

Der Schreibtisch von Georg Rauber ist eine faszinierende Raketenstation in Sprache und Experiment und der Wiener Schriftsteller ist ohne Zweifel eine der literarischen Entdeckungen des Jahres.

Walter Pobaschnig 2_2021

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Mein Buch ist ein Gedankenverarbeitungsbuch, das in Wien passiert ist“ Georg Rauber, Schriftsteller _ Station bei Bachmann 18.2.2021

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