„Viele werden Scherben einsammeln. Ihre Hoffnungen und kleinen Unternehmen zu Grabe tragen.“ Sandra Blume, Schriftstellerin_Eisenach 17.2.2021

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die letzten Wochen waren tatsächlich von einer gewissen Einsamkeit geprägt. Ich sah mein Kind, meinen Mann an den Wochenenden, und ganz gelegentlich meine Freundin. Ich war viel im Homeoffice. Zunächst hatte ich das noch begrüßt. Herrlich, zwischendurch mal aufzustehen, die Wildvögel zu füttern oder mal kurz auf einen der Hügel, die das Dorf umrahmen zu klettern und dann später weiter zu arbeiten. Nach fünf Wochen hatte ich jedoch das deutliche Gefühl, langsam tiefe Furchen in alle Wege getreten zu haben. Ich hatte Sehnsucht danach, mich ordentlich statt notdürftig zu schminken, mich statt in Bequemleggins büroschick zu kleiden und mit meinen Kollegen im Büro Landrat zwischen Terminen und dem üblichen Stress kurz zu plaudern.

Sandra Blume, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist eine knifflige Frage, auf die ich lange keine gute Antwort finden konnte. Es wird so viel gesagt und geschrieben, was wir tun sollten und was geschehen müsste, dass es mir zum Hals heraus hängt. Ich glaube, was wir jetzt vor allem brauchen, ist Geduld. Und Hoffnung. Und den unbedingten Willen daran zu glauben, dass diese schwierige Zeit endet. Und dass dann etwas Neues kommt, das wir gestalten können. Im Moment sind unserer Gestaltungskraft Grenzen gesetzt. Grenzen, die ich akzeptiere, weil auch ich keinen besseren Weg weiß. Ich sehe die vielen Toten, die ich jeden Tag für unseren Landkreis zähle und den Medien mitteile. Und ich denke, dass es angesichts dessen kein großes Opfer ist, wenn ich die Wege um mein Dorf eben noch etwas länger austrete.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich bin mir nicht sicher. Wir werden unsere Freiheiten intensiver wahrnehmen für eine Weile. Wir werden die Friseure, die Kinos, die Restaurants und hoffentlich auch die Theater und Galerien einrennen – für eine Weile, weil wir wertschätzen, dass wir all dies haben und nutzen können. Viele werden Scherben einsammeln. Ihre Hoffnungen und kleinen Unternehmen zu Grabe tragen. Andere werden kommen und neue Hoffnungen und Ideen zum Leben erwecken. Wir werden sein, wie Menschen immer sind: die einen vergessen und verdrängen, halten sich am Gewohnten fest und die anderen fangen etwas Neues an.

Was liest Du derzeit?

Ich habe mir eine wunderschöne illustrierte Ausgabe des Herrn der Ringe zugelegt. Und genieße es, das Buch mit seiner herrlichen poetischen Sprache nach Jahren wieder zu lesen. Wenn es draußen stürmt und schneit und drinnen ein Feuer prasselt, lässt sich selbst Corona vergessen. Für eine Weile.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„This storm is making me tired,“ said the boy. „Storms are getting tired too,“ said the horse, „so hold on.“

Charlie Mackesy

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Blume, Schriftstellerin

Herzhüpfen – Texte & Fotos von Sandra Blume (herzhuepfen.com)

Fotos_Annett Jünemann.

24.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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