„Und versuchen, sich selbst und die Welt neu/tiefer zu begreifen“ Elizabeta Kostadinovska, Multimedia Künstlerin, Berlin 10.2.2021

Liebe Elizabeta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

„Jetzt“ ist relativ lange. (How long is now?). Jetzt ist eigentlich seit März 2020 … aber ich habe in diesem Jetzt die Biennale für zeitgenössische Künste SlovoKult :: literARTour in drei Städten organisiert und durchgeführt – mit insgesamt 5 Veranstaltungen, 2 in Mazedonien (draußen – September 2020) und 3 in Berlin (21.-23.12 – Stream vom ACUD-Theater) … und parallel dazu vier Bücher herausgegeben + die Festivalanthologie (huh) – und somit auch meinen winzigen Verlag richtig gestartet… Das war viel Arbeit in diesem Jetzt, es war ziemlich anstrengend – aber, auch sehr schön, denn durch die Arbeit habe ich weniger von der Realität mitbekommen, wollte nur, dass GERADE JETZT alles funktioniert – und wir haben es geschafft! Es war anders, aber es war erfolgreich…  Und dieses „Jetzt“ geht weiter… Im Grunde habe ich dieselbe Situation wie seit 2008 – freelance und Home Office, das ich liebe, und ich es auch nicht ändern würde… Ich freue mich alleine zu leben, meine alltäglichen Rituale zu haben, denn in dieser Situation reichen mir meine zwei Persönlichkeiten aus (nicht pathologisch, sondern professionell):  1. Lindner – Herausgeberin, Übersetzerin, Festivalveranstalterin und Verlegerin und 2. Kostadinovska – Autorin und Künstlerin, die permanent beschäftigt sind… aber es ist anders, wenn das „zuhause bleiben“ ein Befehl ist. Ich vermisse Veranstaltungen, Gespräche, Partys, meinen Taiji-Kurs, und vieles mehr… und versinke wieder in Arbeit, Kunst, Film/Serienstream und in Nachdenken…  Ich habe gerade meine Wohnung auch ein bisschen befreit und verschönert, davor hatte ich leider keine Zeit… Jetzt würde ich gerne Freunde zum Essen, Trinken und Chillen einladen, auch gerne mehr als eine*n.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Geist zu pflegen, auch den Körper – hier besonders die Immunität, aber das ist viel einfacher (gute Ernährung, einige Supplemente und Bewegung) als den Geist. Der Geist war wie eh und je vernachlässigt und deswegen ist er in solchen (krassen) Situationen nicht in der Lage im Sinne der Logik und der Kritik zu handeln. Er wurde permanent von dem Mainstream klein gehalten und dann auch von Fake News weiter geschwächt und verwirrt, so dass er jetzt fast verloren ist.

Hinterfragen, das musste er schon im März 2020 tun, aber das hat er nicht geschafft. Und jetzt, fürchte ich, ist es vielleicht auch zu spät, dass er richtig funktioniert und sich mehr in die Öffentlichkeit wagt, um nach einer Debatte/Diskussion/Besseren Lösung zu verlangen. Denn die Rechten (inklusive Verschwörungstheoretiker*innen, Querdenker*innen und Spinner*innen) wurden als Beschützer*innen der Menschenrechte zugelassen und kein Geist traut sich mehr, was „kritisches“ zu sagen – sonst wird er abgestempelt.

Aber dennoch ist es sehr wichtig, jegliche Ungerechtigkeit anzusprechen und zu kritisieren, je mehr – desto besser, denn so wird man die Benachteiligten und Schwächeren schützen und eine bessere Zukunft für alle gestalten können.

Deswegen finde ich es richtig, diese Zeit für sich selbst zu nutzen: sich so viel wie möglich von den Medien fernzuhalten und schöne Sachen zu machen – etwas Anderes als üblich lesen, angucken, häufiger nichts tun – also denken, spazieren, schlafen… (mit Kindern finde ich es auch wichtig, dasselbe zusammen mit ihnen zu tun)… aber auch Menschen treffen… Und versuchen, sich selbst und die Welt neu/tiefer zu begreifen, versuchen, Solidarität, Menschenwürde, Menschlichkeit, Zukunft und Diversität besser zu verstehen.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Leider bin ich von den Menschen ziemlich enttäuscht, insbesondere von den Intellektuellen und Künstler*innen, weil sie immer noch zu schwach sind, den Weg für eine konstruktive Kritik und Debatte zu ebnen. Alle sind angepasst und gemütlich, egal was für eine Katastrophe sichtbar ist.

Wir müssen aus dem Mainstream austreten und uns der Kunst, der Literatur, aber auch der allgemeinen Information (Medien) und der Bildung anders widmen, – ihren talentierten Akteur*innen mehr Platz räumen, egal ob sie sich verkaufen oder nicht – Zahlen sind eher überschätzt – denn sonst schaffen wir es niemals, den Geist auf ein höheres Niveau zu bringen, um dem unerreichbar scheinenden höheren Bewusstsein näher zu kommen. In diesem Sinne, wäre es an der Zeit, sich mit der Qualität und nicht mit der Quantität und der Verkäuflichkeit zu beschäftigen, die Wirtschaft darf weder die Literatur und die Kunst, noch die Information oder die Gesundheit bestimmen. Wie man die Werte in der Literatur und in der Kunst verliert, verliert man sie auch in der Gesellschaft und am Ende kann man nicht so einfach den richtigen Anspruch stellen und die Kriterien erhöhen, um besser über die Sachen, aber auch über sich selbst und die Welt zu beurteilen.

Jene Menschen, die sich nicht nach vorne drängen (in der Ellenbogenkultur), sind die besseren Professionellen – und die muss man nach vorne bringen.

Aber ehrlich gesagt, ich denke nur Außerirdische können die Menschheit retten, meiner Meinung nach, hat sie total versagt und nur ein Wunder aus dem Universum kann sie auf den richtigen Weg bringen.

Was liest Du derzeit?

Einmal, um mich für etwas zu entschuldigen, habe ich mich scherzhaft als „Tochter des Chaos’“ bezeichnet, aber das trifft zu, wenn es um das Lesen geht. Denn Lesen ist Teil meines beruflichen Lebens und ich bin ziemlich schnell und geübt darin – in vier Sprachen.  Eine davon Mazedonisch, meine Muttersprache, die gerade von der europäischen Balkanpolitik bedroht wird – sie soll keine Zukunft mehr haben, und das bringt extra Lesestoff – also, ich lese rum, von kritischen Online-Artikeln, über einzelne Gedichte/Texte aus meiner Bibliothek bis hin zu Sachen, die ich spontan recherchiere (wie zufällige Assoziationen oder Verbindung zu meiner Kunst oder zu einem meiner Texte oder zu einer Übersetzung), – das kann alles sein, Fragmente aus verschiedenen Gebieten: Mythologie, Philosophie, Mystik, Theorie, Belletristik … oder ich lese etwas, was ich gerne übersetzen würde… Aktuell befinden sich um mich herum: die Bücher, die ich herausgegeben habe (ich checke sie immer wieder), dann eine schöne Anthologie auf English – Poems for the Millennium und ein neugedrucktes seltenes Büchlein von Ljubomir Micic von 1922 (Rettungswagen, Zenit); online geöffnete Seiten gerade sind Essays von Oscar Wilde, Walter Benjamin, Rilke über Rodin, –  um einiges aus dem „Chaos“ zu beleuchten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Am liebsten etwas aus Sebalds Roman „Die Ringe des Saturn“, den ich übersetzt habe, aber wegen kapitalistisch gezüchteter Inkompetenz, es unmöglich ist, dieses Buch bald herauszugeben: „Denke ich heute, wo unser Blick den fahlen Widerschein, der über der Stadt und ihrer Umgebung liegt, nicht mehr zu durchdringen vermag, an das achtzehnte Jahrhundert zurück, dann nimmt es mich wunder, in welch großer Zahl, zumindest an manchen Orten, die Menschen bereits in der Zeit vor der Industrialisierung mit ihren armen Körpern fast ein Leben lang eingeschirrt gewesen sind in die aus hölzernen Rahmen und Leisten zusammengesetzten, mit Gewichten behangenen und an Foltergestelle oder Käfige erinnernden Webstühle in einer eigenartigen Symbiose, die vielleicht gerade aufgrund ihrer vergleichsweisen Primitivität besser als jede spätere Ausformung unserer Industrie verdeutlicht, daß wir uns nur eingespannt in die von uns erfundenen Maschinen auf der Erde zu erhalten vermögen.“

links: Das Festival – https://www.slovokult-literatur.de/index.php/slovokult-literartour-biennale-for-contemporary-arts/

Die Buchreihe: https://www.slovokult-literatur.de/index.php/slovokult-slovothek/

Die Festivalanthologie: https://www.slovokult-literatur.de/index.php/produkt/slovokult-literartour-2020-anthologie-anthology/

Meine Bio-Bibliographie: http://slovokult.de/index.php?/pages/elizabeta_lindner.html

Vielen Dank für das Interview liebe Elizabeta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elizabeta Kostadinovska, Schriftstellerin

Alle Fotos_Elizabeta Kostadinovska

10.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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