„Sich klar zu machen, dass die eigenen Chancen womöglich schlecht werden, grottenschlecht. Und sie nutzen.“ Dieter M.Gräf, Schriftsteller_Berlin 10.2.2021

Lieber Dieter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Reduziert. Das war er auch im ausgegangenen Jahr, aber da war das Licht noch schön und mir war es gelungen, mich in der Beschränkung gut einzurichten. Oft war ich dennoch heiter und übermütig. Die letzten Tage waren nun sehr trüb, mein winterliches Corona-Leben fühlt sich gerade monoton an. Ich stehe immerhin mit Liegestützen auf und dusche mich auch kalt. Ich darf ja seit vielen Wochen nicht mehr ins Fitness-Studio und dort auch nicht schwimmen. Vor den Nachrichten mache ich meist eine Stunde Mehr-oder-weniger-Sport im Schlafzimmer, mit Widerstandsbändern und ohne. Nicht sehr dynamisch, aber immerhin. Wenn es die Witterung zulässt, gehe ich nach dem Frühstück bei Shakespeare & Sons in der Warschauer Straße vorbei und nehme einen Papp-Cappuccino mit, dann laufe ich die weiterhin stattliche Karl-Marx-Allee entlang, bis ich merke, dass ich demnächst pissen muss. Ich wohne also in Berlin-Friedrichshain. Im Pseudo-Sozialismus, denke ich mir, konnte man immerhin das gewiss tun, da hat bestimmt Henselmann mit seinem Kollektiv höchstselbst Bedürfnisanstalten entworfen. Im Kapitalismus in seiner coronalen Phase ist das jedenfalls nicht vorgesehen und für einen Mann auch kaum diskursfähig. Menschen mit schlechterer Blase, denke ich mir, wie mag es denen gehen. Ich esse japanisch früh zu Mittag, vor 12 also, wochentags hole ich das Essen meist in der Garbe, am Wochenende beim Vietnamesen, oder koche selbst. Im letzten Jahr las ich viel, aber derzeit ist mir kaum danach. Ich bin zu oft auf Facebook, liebe mein Laptop und sehe dort auch TV, setze mich dabei aber selten. Eigentlich nur beim Elfmeterschießen und bei Nacktszenen. Weiß gar nicht so genau, welche sozialen Kontakte ich legal noch haben darf. Aber ab und dann habe ich Sex und ab und dann treffe ich eine Ex. Würde mich auch gerne von einer Dritten massieren lassen, aber der Lauterbach steckt ja überall.

Dieter M. Gräf, Schriftsteller (mit Tanikawa Shuntaro). Foto: / Goethe-Institut Tokyo

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Macht der Narrative zu erkennen und ihnen tief zu misstrauen? Bei Trump und seinen Anhängern sehen wir das ja überdeutlich: der erfindet einen Wahlbetrug und wiederholt das laut und penetrant. Bis sein Mob das Kapitol stürmte, machte das republikanische Lager mit, nun bröckelt das. Das ist ein plumpes Modell, daran kann man leichter erkennen, wie ein Narrativ funktioniert. Wer ihm auf den Leim geht, ist für das, was ist, kaum mehr zugänglich. Was ist denn? Das ist positiv kaum benennbar, aber wer sich einem Narrativ, einer Bewegung anschließt, verklebt seine Suchbewegung. Das ist kein speziell rechtes Phänomen. Die Neo-Progressiven machen das auch, wenngleich viel intelligenter und argumentativ virtuos unterfüttert. Wenn ein Narrativ sich festgesetzt hat, ist das eine gewaltige Macht, die andere einzuschüchtern vermag, oder sogar soweit bringen kann, dass sie nicht in die Lage kommen, es in Frage zu stellen. Im Mittelalter stand fest, dass es den Teufel gibt. Auch bei den Reformatoren. Einer warf gar ein Tintenfass nach ihm. Wir brauchen, finde ich, weiterhin eine offene Gesellschaft und keine Denkverbote, wildes Denken und nicht das aus der Sonntagsschule. Vielfalt, aber nicht das, was die Neo-Progressiven darunter verstehen, nämlich nur Wahrnehmungsräume für die eigene Korona, von der dürfen alle und der Rest kann weg. Sonst knallt’s auch hier.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hm. Ich meine, dass wir die Corona-Zeit sehr, sehr unterschiedlich erleben. Ein Single, der nicht mehr arbeiten darf oder nur noch eingeschränkt, wird ganz andere Nöte spüren als Familienmenschen, die obendrein womöglich im Krankenhaus oder im Schuldienst gefordert sind und öffentliche Verkehrsmittel täglich benutzen müssen. Mein Weinhändler hat Rekordumsätze, nein, nicht durch mich, ich bin auf alkoholfreies Bier gewechselt. Die Cafébetreiberin um die Ecke hingegen scheint vorm Ruin zu stehen. Der DAX klettert auf Rekordwerte. Es gibt Menschen mit mittelständigem Einkommen, die kaum mehr gefordert werden und vor sich hinplätschern und Leute, die jeden Monat immense Summen verlieren. Leute, die plötzlich von Sozialhilfe leben müssen und Angst bekommen, ob das je wieder gut werden wird und solche, die die Zeit nutzen um gemütlich ihre Datsche zu renovieren, oder sich freuen, dass sie kaum mehr Verpflichtungen haben und endlich ungestört am neuen Roman schreiben können. Ich weiß also nicht, wie belastbar ein „wir“ sein kann, auch nicht für die Zeit nach Corona, sofern es die geben wird.

Der kulturelle Sektor ist in seiner jetzigen Form eine Wohlstandsfolge, Teil einer weit verzweigten Freizeitgesellschaft. In Berlin ist er unglaublich stark vertreten, in manchen Gegenden sind viel mehr bei der Künstlersozialkasse organisiert als in der IG Metall. Hier hat sich eine Kulturelle Kaste gebildet, halblinke Neo-Brahmanen, alle privilegiert, aber in materiell bescheidenen Verhältnissen lebend und natürlich beständig subventioniert. Die springen jedem mit blankem Gesäß ins Gesicht, der das in Frage stellt. Wir sind sowas wie Staatskünstler geworden, die mit Tofu-Häppchen rege gefüttert werden und im eigenen Milieu kreisen, das gar nicht klein ist. Ob diese Ausstattung bleiben wird, steht in den Sternen. Sollte die Wohlstandsgesellschaft einsacken, wird es für viele von uns sehr eng. Ja, was wird wesentlich sein? Sich keine getönten Scheiben vors Gesichtsfeld zu setzen. Sich klar zu machen, dass die eigenen Chancen womöglich schlecht werden, grottenschlecht. Und sie nutzen. Wie die Spieler von Holstein Kiel. Im entscheidenden Moment die Nerven behalten.

Welche Kunst braucht die Gesellschaft? Schwer zu sagen. Sie ist derzeit gänzlich überfüttert mit allem. Sogar während des sogenannten Lockdowns. Den Künsten ist ihr Hallraum abhanden gekommen, weil der Input so immens angewachsen ist. Für die Künste wäre es eher gut, würde die Kulturelle Kaste für eine Dekade einsacken. Ruhe im Karton. Das wäre aber extrem gegenläufig zu unseren Interessen und Ambitionen.

Was liest Du derzeit?

Virginie Despentes. Den zweiten Band von Das Leben des Vernon Subutex. Außerdem fange ich an, mich auf mein nächstes Residenzstipendium vorzubereiten und lese nun zu Istanbul. Dort werde ich voraussichtlich im April/Mai und im Oktober/November arbeiten. Wie es dann weiter geht, ist gänzlich offen. Vielleicht erscheint danach bald mein nächstes Buch, vielleicht erscheint keines mehr von mir. Beides kann ich mir derzeit kaum vorstellen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“. Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge, dctp.tv 1994.

Vielen Dank für das Interview lieber Dieter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dieter M.Gräf, Schriftsteller

Foto_Yota Kataoka.

16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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