„Wir drehen quasi gezielt und bewusst durch, um nicht den Verstand zu verlieren. Und dann wird es Abend.“ Guido Rohm, Schriftsteller_ Petersberg/D 9.2.2021

Lieber Guido, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe auf, sehr früh, weil ich ein Morgenmensch bin, ein Dämmerungsbegleiter, ein Zwischenweltbewohner, der den Moment des Übergangs von der Nacht in den Tag mit seiner Schreiberei begleitet. Schreiben als musikalischer Akt. Danach heißt es momentan, dem Druck, der sich im Alltag und durch die Coronanachrichten aufbaut, standzuhalten, indem ich mit meiner kleinen „Bühne des Wahnsinns“ dagegen antrete, meine Frau und ich, die die Wohnung zu einem „Kurhotel des Irrsinns“ umfunktionieren. Wir spinnen herum, machen Fotos, stellen Bilder und Filme nach, entwerfen Ideen, verwerfen sie und bewerfen am Ende über das Internet das Draußen damit. Wir drehen quasi gezielt und bewusst durch, um nicht den Verstand zu verlieren. Und dann wird es Abend, ich liege im Bett, schlafe ein und rutsche hinab ins Tal des nächsten Tages. 

Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geistig und körperlich gesund zu bleiben. Daher muss man nicht nur den Körper bewegen, sondern eben auch den Geist, muss ihn Gewichte stemmen lassen. Er soll Liegestütze machen, soll in 80 Tagen um die Welt laufen, soll 20 000 Meilen unter das Meer, soll zum Mittelpunkt der Erde reisen. Es ist wichtig, diese für uns alle schwere Phase, heil zu überstehen, indem man sich Stelzen an die Träume bindet, um noch höher und weiter über all das Ungemach steigen zu können. Es geht darum, Menschenleben zu retten, alles Leben, und das gelingt uns in dieser Situation am besten, wenn wir uns gemeinsam vereinsamen – auch wenn das eine grausame Forderung ist. Sie muss aber sein, um dem Virus das Wasser abzugraben, um es auszuhungern. Am Ende muss man aus diesem Moment der Schwäche einen der Stärke gemacht haben, weil man die Zeit nutzte, um sich Sieben-Meilen-Stiefel des Geistes zu nähen, die einen in die Zukunft tragen, von der wir hoffen, dass sie für alle Menschen als Land erreichbar bleibt, was uns nur gelingt, wenn wir in dieser Coronakrise dafür die Grundlagen legen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst, die Literatur muss immer erst einmal gar nichts. Sie darf tun, was sie will. Deshalb liebe ich sie so sehr. Sie darf ein unartiges, aber auch ein artiges, ein hässliches, aber auch ein schönes Kind sein, ein Depp und ein Genie.  (Sicherlich umgeben wir uns lieber mit Genies. Aber nicht immer.)

Die neue Zeit, in die wir in einem botanischen Sinne hineinvegetieren, in die wir hinüberwachsen, in die wir hineinschlingen, wird eine sein, die von der Digitalisierung geprägt sein wird. Und das kann die Kunst, kann die Literatur auf ihre ganz eigene Art und Weise begleiten. Sie kann diese Zeit kritisieren, sie ignorieren, sie umstoßen, sie bekriegen, sie lieben, vergöttern.

Ein Neubeginn ist eine wunderbare Sache. Wir beginnen das erste Kapitel eines neuen Romans, testen die ersten Szenen eines neuen Films, aus dem wir eine Tragödie oder eine Komödie machen können. Es treten Akteure auf und ab, die ich anspielen, ansprechen kann, ich kann den Dialog auf- und annehmen. Ich muss es aber nicht. Denn Kunst und Literatur sind Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Sie haben ihren eigenen Umgang mit der Welt. Manchmal reicht es ihnen auch, unter den Sternen zu liegen und eine Maispfeife zu rauchen. Morgen ist wieder ein Tag am Mississippi unseres Lebens. Mal sehen, was der Strom bringt.    

Was liest Du derzeit?

Unsere Wohnung ist ein Bücherdschungel, ein undurchdringliches Dickicht. Ich entdecke oft Bücher, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie besitze. Ich bin ein Quer- und Anleser, der ständig, wie ein Hamster an allen möglichen Büchern nagt, bis er an einem hängenbleibt, das ihm besonders gut mundet. Munden tun mir gerade …

Graham Greenes „Ein Mann mit vielen Namen“

Rayk Wielands „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

Das sind nur zwei Bücher, das ist eher wenig, da ich ein springender Leser bin, der von Textstein zu Textstein hoppst. Manchmal hocke ich mich auch hin und bleibe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Für diese Zeit diese zwei Zitate:

„Andererseits ist durch nichts erwiesen, dass der Mensch auf der Erde das herrschende Lebewesen ist. Vielleicht sind es ja die Viren …“ Heiner Müller

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Blaise Pascal

Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler

Vielen Dank für das Interview lieber Guido viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler

https://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Rohm

Alle Fotos_Annette Rohm

16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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