„Vor einem Aufbruch stehe ich permanent, seit ich mich für das Künstlerinnen-Dasein entschieden habe“ Barbara Deißenberger, Schriftstellerin_Wien 23.1.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schreibe nach wie vor vormittags, nur dass jetzt währenddessen mein 12jähriges Kind zu Hause distance-learning hat. In diesem Alter versteht er aber schon, dass er mich nur in Ausnahmefällen unterbrechen darf.  Die erste Pause mache ich immer, wenn ich die Kaninchen im Außengehege versorgen gehe. Dann arbeite ich weiter bis zum Mittagessenkochen. Auch das ist gleich geblieben, weil mein Kind immer nachmittags von der Schule heimkommt. Am Nachmittag kümmere ich mich um Kind, Haushalt und bereite gegebenenfalls Volkshochschulkurse bzw. Literaturworkshops vor, die ich ein- bis zweimal in der Woche gebe. Wann immer möglich, schaue ich, dass ich nachmittags auch zu ein wenig Bewegung im Freien komme.

Barbara Deißenberger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Angstfrei leben, ausreichend Bewegung, vor allem, wenn man Kopf- und Schreibtischarbeit macht und Aktivitäten an der frischen Luft, möglichst in der Natur, um dem Gefühl der Beschränkung und Einengung des Aktionsradius im Außen etwas entgegen zu setzen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sind immer Möglichkeitsspielräume. Insofern erweitern sie im Idealfall – wenn man sich darauf einlässt –  den geistigen und seelischen Aktionsradius. In der Kunst kann man ausprobieren und ausloten, sowohl auf der produktiven als auch auf der rezeptiven Seite. Genaueres vermag ich nicht zu sagen. Wie Aufbruch und Neubeginn für Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrer Kunst bis jetzt Geld verdienen konnten, aussieht, ist doch eine höchst individuelle Sache, wo sich meine idealistischen Sprüche aufhören. 

Ich persönlich stehe vor keinem Neubeginn. Vor einem Aufbruch stehe ich permanent, seit ich mich für das Künstlerinnen-Dasein entschieden habe. Mir fehlt zum Beispiel noch Pensionsversicherungszeit. Ich bin fünfzig und habe bis jetzt noch nicht genug Versicherungsjahre, um überhaupt Anspruch auf Pension zu haben. – Meine Schuld, weil ich unbedingt schreiben und dazu noch für mein Kind da sein wollte und will. In der Volkshochschule und auch im DaF-Bereich, wo ich tätig war, verdiene ich zu wenig, um mich versichern zu können. Damit bleibt nur mehr die Mitversicherung beim Mann – ein Hoch auf das 21. Jahrhundert …

Was liest Du derzeit?

Marjana Gaponenko „Das letzte Rennen“, Paul Auer „Fallen“ und Peter Handke „Immer noch Sturm“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich hatte nichts und doch genug: Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.“ (Goethe, Faust)

Das ist für mich immer noch die schönste Metapher für Dichtung und Kunst überhaupt: Der Wahrheit will man mit ihr wohl auf den Grund gehen, sie erkennen und ihr eine erkennbare Form geben. Das alles aber mit den Mitteln von Mimesis, Nachahmung, Vorspiegelung, Verfremdung, Ver- und Vorstellung, kurzum: mit Spiel, womit wir auch bei Schiller angelangt wären: „Der Mensch (…) ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen) 

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Deißenberger, Schriftstellerin

Foto_Peter Kos

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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