„Durchlässig bleiben, füreinander. Kraft schöpfen daraus.“ Ivna Zic, Schriftstellerin_Wien 16.1.2021

Liebe Ivna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er hat sich ehrlich gesagt nicht gross verändert zu früher. Immer wieder geht es darum innerhalb von 24 Stunden den richtigen Rhythmus zu finden zwischen dem, was erledigt werden muss (Emails, Bürokratie, Emails, Emails,  Telefongespräche, Deadlines), was erlebt werden will (Menschen, Familie, Beziehungen, der Tag, der Zufall, die Welt) und was passieren soll (das Schreiben, das Lesen, das Proben). Der Rhythmus ist stets anders, die Orte sind jetzt vielleicht weniger geworden (einer), doch die Suche nach dem Rhythmus und die Aufgaben bleiben. Zum Glück. Und zum Glück durfte ich so lange schon üben, den Tag immer wieder neu zu balancieren- wie die meisten Autor*innen und Selbstständigen. Wir kennen uns aus, wir haben eine dicke Haut, jetzt ist gar nicht so anders als sonst. Was natürlich fehlt, sind die Orte der Zusammenkunft: Ins Theater gehen, ins Café gehen, ins Museum gehen… und so auch die gemeinsame Öffentlichkeit, ein gemeinsames Erleben und Erfahren, solche Räume empfinde ich als lebensnotwendig und vermisse sie sehr.

Ivna Zic, Schriftstellerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es gibt keine schöne Übersetzung für das englische Wort „kindness“, es sind viele Gedanken darin vereint, die immer wichtig sein sollten: Solidarität, sich genau zuhören, für einander da sein, nahe sein, miteinander sein. Nicht müde werden. Nicht wütend werden. Nicht in die Abgrenzung gehen. Durchlässig bleiben, füreinander. Kraft schöpfen daraus. Kraft finden. Geduldig bleiben. Und Zerbrechlichkeit zulassen. Alles in einem. Kindness halt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass wir nicht vor einem Aufbruch stehen, sondern mitten drin sind, dass Neubeginn ein Denkkonzept ist, das in der Realität so klar nicht funktioniert, im Gegenteil: Man muss den Aufbruch im richtigen Moment ergreifen und auch aufpassen, dass man ihn nicht verpasst. Ich denke auch, dass wir dieses Jahr gelernt haben, hier in Europa, was andere immer wieder erleben und erfahren und leben: Dass die Welt passiert, dass die Krisen da sind, und dass sie nur grösser werden in einem Moment. Präsenter. Und dass in ihrer Präsenz die Risse sichtbarer, verschärfter werden (soziale, diskriminierende, die Verhältnisse von links nach rechts, von oben nach unten… ).Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt eher schauen müssen, dass vor der Grösse der Krise (die Sichtbarkeit ist ja ständig da, ständig), das Offen-gelegte, die Wunde, nicht wieder zu schnell zugedeckt wird. Und vor allem: Dass die Theater und die Literaturhäuser und die Kinos und die Museen wieder aufgemacht werden, dass sie nicht vergessen oder verändert und entschärft werden. Dass sie wieder in ihrer alten Normalität passieren. Das wird das wichtigste sein!

Was liest Du derzeit?

Ich entdecke die Texte von Sandra Cisneros, Notes to Self von Emilie Pine, und immer wieder und immer weiter Valzhyna Mort und Valeria Luiselli. Ich lese Dorothee Elmiger (Aus der Zuckerfabrik) und Usama Al Shahmani (In der Fremde sprechen die Bäume arabisch). Paul B Preciados „Ein Apartment auf dem Uranus“. Ich lese zum ungefähr zwälften Mal Herkunft von Sasa Stanisic, um es fürs Theater zu bearbeiten  und hoffe, dass die geplante Bühnenadaption im Frühling stattfinden wird, die wir in Berlin proben und am Theater Parkaue aufführen möchten…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

PAUL B PRECIADO:

„Weil ich Sie mag, wünsche ich Ihnen, schwach zu sein. Denn die Revolution beginnt mit der Zerbrechlichkeit.“

Vielen Dank für das Interview liebe Ivna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ivna Zic, Schriftstellerin, Regisseurin,

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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