„Die Kunst und das Theater müssen näher an die Leute“ Beatrix Brunschko, Schauspielerin_Graz 16.1.2021

Liebe Beatrix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schlafe ein bißchen länger als sonst und dann verbringe ich die meiste Zeit im Internet. Entweder unterrichte ich online (ich bin Lehrbeauftragte der Kunstuni Graz auf der Abt. Schauspiel) meine Schauspielstudierenden Online, nehme an Lehrendenbesprechungen teil oder an Planungsbesprechungen im Theater, entwickle Lehrkonzepte oder Showkonzepte am Computer, ich probe online und Performer online. In den Zeiten wo Präsenzunterricht oder Proben im Theater möglich sind, verlasse ich die Wohnung.

Ich versuche täglich spazieren zu gehen, manchmal im Abstand mit FreundInnen und/oder KollegInnen. Privatgespräche und Arbeitsgespräche werden da geführt.

Ich arbeite eigentlich ganz „normal“ weiter und mache das, was ich sonst auch tue. Unterrichten, proben, spielen, improvisieren – aber wie ich das alles gerade tue ist völlig neu. Ich betrete jeden Tag Neuland und improvisiere meinen Beruf und mein Leben. ich lebe von Moment zu Moment, planen ist sinnlos, Kontrolle über Termine und Inhalte gibt es nicht. Impro eben – nur halt nicht auf der Improbühne sondern in real life most of the time in the world wide web.

Und ich gehe täglich Einkaufen (Lebensmittel) und ich koche täglich und ich esse zuviel. Die Abende sind bis auf die online Shows frei. Das ist ungewohnt, aber auch nicht unangenehm. Ich dachte nicht, dass ich das jemals sagen werde, aber ich hab gerne am Abend frei und ich verbringe gerne meinen Abend mit meiner Familie und vorm Fernseher.

Beatrix Brunschko, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir solidarisch bleiben, dass wir neue künstlerische Formen finden, dass wir das Theater jenseits des angestammten Bühnenraums und der gewohnten Bühne/Publikumssituation neu erfinden.

Dass wir dafür ehrliches Interesse und Lust entwickeln und es nicht nur tun, weil uns ja nix anderes übrig bleibt und darauf warten, bis wir wieder so weitermachen können wie wir es gewohnt sind. Weil – und das ist meine feste Überzeugung – so wie es war wird es nie mehr wieder werden. Wegen COVID und den Rattenschwanz, den dieser Virus gesundheitlich nach sich zieht. Wegen den für immer geänderten Arbeits- und Lebensbedingungen, die an dieses Virus angepassen werden müssen. Wegen der veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, mit denen wir in Zukunft alle konfrontiert sein werden.

Dass wir uns weiterhin Gehör verschaffen und auf unsere Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Dass wir da nicht leise werden. Dass wir da lästig bleiben und laut.

Dass wir unsere Netzwerke nutzen und ausbauen und stärken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Theater ist permanentes Reflektieren der Gesellschaft, Theater ist permanente Veränderung und Neuorientierung. Theater ist immer suchend und nie zufrieden.

Das war so und wird sich nicht ändern.

Die Frage ist vielmehr, welche Bedeutung wir uns KünstlerInnen endlich gegeben, denn ohne uns ginge es hier im Lockdown ebensowenig wie ohne die SupermarktmitarbeiterInnen und PflegerInnen und Ärztinnen und Lehrenden etc, die als systemrelevant an vorderster front ständig wertschätzend genannt werden.

Die Kunst und das Theater müssen näher an die Leute. Es muss den Leuten klar gemacht werden, dass wir nicht nur auf den Bühnen und Museen existieren als Zeitvertreib für einen elitären Zirkel von kunstinterssierten Menschen.

Auf allen Bildschirmen, im Radio, in jedem Buch auf und in allen Medien (von Netflix, Ö3, Antenne Steiermark über Playstationspiele etc.) das ist alles von KünstlerInnen produziert, das sind alles SchauspielerInnen, MusikerInnen, SynchronsprecherInnen, RegieseurInnen, BühnenbilderInnen, AutorInnen etc.etc.etc. Ohne alle für diese Medien arbeitenden KünstlerInnen wäre ein Lockdown gar nicht möglich. Die Menschen wären längst auf den Straßen oder im Irrenhaus, wenn sie nicht mit Hilfe der Kunst in allen Formen am Leben gehalten worden wären in den letzten Monaten.

Die Kunst ist überlebensnotwendig und systemrelevant.

Das muss ENDLICH klargestellt werden von der Politik und der Wirtschaft. Denn ganz nebenbei ist die Kunst ja auch noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeberin.

Was liest Du derzeit?

Stephanie Sargnagel: Dicht

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ach, da fällt mir gerade gar nix gescheites ein. Ich schlag einfach die Sargnagel auf, weil die passt sehr oft zum Leben oder zumindest so wie ich das Leben oft wahrnehme.

 „Ich will was gewinnen, einfach irgendwas, irgendwann, irgendwo!“

Vielen Dank für das Interview liebe Beatrix, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Beatrix Brunschko _ Schauspielerin _Gründungsmitglied _Ensemble Theater im Bahnhof _ Graz

Theater im Bahnhof (theater-im-bahnhof.com)

Foto__Marija Kanizaj

14.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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