„Aber ich glaube, jeder braucht eine Geschichte, aus der er Kraft zieht“ Annett Groh, Autorin, Dresden_16.1.2021

Liebe Annett, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beneide alle ein wenig, die sagen, an ihrem Tagesablauf habe sich faktisch nichts geändert. Für mich ist alles anders: ich habe erst ab dem späteren Nachmittag einen Arbeitsplatz, vorher gibt es Homelearning für einen Sechst- und einen Viertklässler. Anfangs habe ich versucht, parallel mit den Kindern zu arbeiten. Das hat nicht funktioniert und am Schluss waren wir alle frustriert. Wenn die Kinder lernen, muss ich geistig für sie da sein und ihnen nicht nur zu Mittag ein schnelles Essen hinstellen. Ich muss mich mit ihnen durch das Chaos der schlecht programmierten Online-Plattformen kämpfen, ich muss Antworten finden, wenn sie Fragen haben – und wenn sie einen Durchhänger haben, muss ich das auch irgendwie abfangen. Wenn ich mich dann an den Rechner setzen kann, bin ich oft schon ziemlich erledigt.

Annett Groh, Autorin und Redakteurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht sind es die Tugenden, die auch sonst wichtig sind und die wir jetzt in besonderem Maße (1) benötigen und (2) zu geben kaum imstande sind: Geduld und Langmut mit anderen Menschen. Sowas fällt mir immer nur dann ein, wenn ich mit mir selbst halbwegs im Reinen bin. Das macht es nicht ungültig, aber fakt ist: In Momenten, wo ich Hilfe bräuchte, bin ich oft gar nicht in der Lage, Ratschläge anzuhören oder den Sinn solcher Vokabeln zu erfassen. Wenn ich Glück habe, erinnere ich mich in solchen Augenblicken an meine Großeltern, die nach dem Krieg aus Ungarn ausgesiedelt wurden und hier mit nichts in den Händen neu beginnen mussten: in einem Land, mit dem sie nicht einmal die Sprache wirklich gemeinsam hatten. Dagegen nehmen sich meine derzeitigen Probleme sehr klein aus. Natürlich hilft diese Geschichte niemandem außer mir selbst. Aber ich glaube, jeder braucht so eine Geschichte, aus der er Kraft zieht. Sie muss keine Rückschau sein: bei anderen ist es vielleicht ein Blick in die Zukunft, ein Ziel, das sie erreichen wollen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich kann darüber nur aus der Position des Rezipienten sprechen – über das, was ich in der Arbeit anderer finde. Kunst vermag heute das, was sie immer vermag: Horizonte zu öffnen. Das Leben fühlt sich gerade an wie damals Anfang der 90er auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Man verhungert nicht gerade, aber alles, was man außerhalb der Wohnung machen kann, ist, sich Wege zu suchen, auf denen man möglichst niemandem begegnet. (Das war auf dem Dorf leichter.) Wenn in eine solche Wüste dann ein Funke fällt, kann er alles entzünden. Ich glaube, Heranwachsende sind am aufnahmefähigsten für solche Erschütterungen durch eine Musik, einen Text, ein Bild. Ich glaube auch, dass wir durch diese kulturelle Fastenzeit wieder aufmerksamer werden und den Wert von live gespielter Musik, von Theater, von Lesungen höher schätzen.

Was liest Du derzeit?

„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel wartet auf mich, ebenso wie „Schwitters“ von Ulrike Draesner.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn es möglich ist, dann würde ich gern Musik sprechen lassen.

Vielen Dank für das Interview liebe Annett, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Annett Groh, Autorin und Redakteurin

Ellipsen […] – Lines of Escape – (annettgroh.de)

Foto_K. Neitzel

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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