„Und die Literatur? Sie wird kämpfen müssen“ Heinz Kröpfl, Schriftsteller_ St.Michael/Stm. 15.1.2021

Lieber Heinz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, wie oft und gerne im Winter: Ich bin sehr vertieft in literarische Tätigkeiten im engeren und weiteren Sinn. Damit beginne ich unmittelbar nach dem Frühstück und an manchen Tagen geht das mit nur wenigen kurzen Pausen bis zum Ende des Tages durch. Im Dezember habe ich meinem neue(ste)n Romanmanuskript den – hoffentlich – letzten Feinschliff verpasst, nicht ohne mir jetzt freilich gewohnt selbstquälerisch Fragen zu stellen: Ist es gut genug? Taugt es überhaupt etwas? Hat es Hand und Fuß – und auch ein überzeugendes Hirn? 😉

Heinz Kröpfl, Schriftsteller _ Foto_Anuradha Sarup

Als Nächstes werde ich die Verlagssuche vorbereiten. Daneben beteilige ich mich an Ausschreibungen, von Literaturzeitschriften etwa, korrespondiere (darunter mit interessierten Leseveranstaltern), und es gibt den einen oder anderen kürzeren oder längeren Text, der auch noch einer Überarbeitung harrt.

Neuerdings habe ich zudem begonnen, mich in Mail Art zu verwirklichen. Auf diese Kunstform aufmerksam gemacht wurde ich erst vor wenigen Wochen von einem lieben Künstlerfreund, Resul Jusufi. Mein erstes kleines Kunstwerk – es ist naturgemäß von textlichem Gewicht, verbunden mit entsprechendem Bildmaterial als Hintergrund – wird im April und Mai bei der International Mail Art Exhibition 2021 zum Thema „Network Society“ in Istanbul ausgestellt und publiziert werden. Das freut mich momentan sehr. Mein zweites Werk ist soeben in die Niederlande unterwegs. Die entsprechenden Texte – Gedichte – habe ich dafür ins Englische übersetzt oder vielmehr gleich auf Englisch verfasst. Auch wenn meine entsprechenden Sprachkenntnisse, mangels Praxis, doch leicht eingerostet waren: Ich finde diese Kunstform anregend und für mich nicht nur interessant, sondern auch sehr passend – ich habe schon früher ein paarmal (und ohne weitere Ambitionen) mit Bild-Text-Montagen gearbeitet und denke, diese Verbindung liegt mir. Neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit habe ich mich erstmals ja schon für meinen Lyrik-Foto-Band „Mondgebete und Stoßgedichte“, der im Februar 2019 im Arovell Verlag erschienen ist, auch als künstlerischer Fotograf betätigt. Diese – im Grunde ungeplanten und zufällig entstandenen – Erweiterungen meines Schaffens erachte ich als eine durchaus spannende Komponente, da sie mit meiner eigentlichen Tätigkeit perfekt korrespondiert und harmoniert.

Heinz Kröpfl _ Lesung in Trofaiach am 13.10.2020, bereits unter strengen Sicherheitsmaßnahmen – (c) Toni Steger

Die derzeitige, noch größer Stille als gewöhnlich im Winter tut mir gut. Gleich wie die lange Dunkelheit: Schreiben, kreative Beschäftigung und alles damit in Zusammenhang Stehende erfordern Zeit und (innere wie äußere) Ruhe. Dann gelingt die Besinnung und Konzentration auf das Wesentliche ohne kraft- und zeitraubende Umwege am besten.

Ansonsten: lange Spaziergänge, auch Wanderungen zwischendurch. Besorgungen, sowie sie nötig sind. Lesen. Kontakt mit guten Freunden – per Telefon, E-Mail und dergleichen. Der Haushalt.

Und zwischendurch tut sich Gott sei Dank auch immer wieder Überraschendes, was einen Stillstand verhindert, mich erfreut und zugleich auf positive Weise fordert. So wie etwa deine Interviewanfrage, lieber Walter – danke dafür!

Einzig (positive) persönliche menschliche Gesellschaft, was zurzeit durch die Bundesregierung abermals unterbunden ist, fehlt bisweilen sehr schmerzlich. Und dass es bis zu den nächsten Leseterminen noch ein paar Monate dauern wird. Aber immerhin – es sind bereits wieder ein paar Termine geplant.

Heinz Kröpfl _ letzte öffentliche Lesung am 2.11.2020, nur wenige Stunden vor dem zweiten Lockdown – (c) Luis Stabauer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Nerven zu verlieren.

Sich weder vom Virus noch von der der Politik verrückt machen zu lassen.

Die bereits längst eingetretene, verordnete Spaltung der Gesellschaft nicht ohne Widerspruch hinzunehmen, auch nicht die Zerschlagung der Kultur, was ja sogar bis in die untersten Ebenen reicht, etwa die zwangsweise Schließung von noch so kleinen Büchereien, in denen ganz gewiss kein Massenandrang herrscht.

Milo Dor hat auf dem „Ersten österreichischen Schriftstellerkongress“ 1981 postuliert: „Wenn man nicht untergehen will, muss man Widerstand leisten.“ Ein Satz, der für das ganze Dasein zutrifft, wie ich meine.

Ich befürchte eine Zweiklassengesellschaft auf uns zukommen, tatsächlich hat sie ja bereits begonnen einzutreten: Die Geimpften oder (Frei-)Getesteten auf der einen Seite – und die davon aus verschiedensten Gründen Abstand Nehmenden auf der anderen. Was für mich die Frage erhebt: Wenn ich mich auf dieser, der anderen Seite befinden sollte – werde ich dann zwangsweise sogar von meinen eigenen Lesungen ausgeschlossen und kann sie somit nicht halten? So viel zur vielzitierten Freiwilligkeit: In diesem Fall ermöglichte sie keine Freiheit, sondern sie sperrte diese ein.

Der Virus wird uns voraussichtlich noch länger begleiten. Damit bestmöglich leben zu lernen, wäre ein Auftrag an uns alle.

Am wichtigsten, jetzt und überhaupt, ist Achtsamkeit. Gegenüber uns selbst und unseren Mitmenschen, unserer Umwelt. Und aus dieser Achtsamkeit heraus ein verantwortungsbewusstes Handeln und rücksichtsvolles Miteinander zu leben. Im Sinne des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant etwa. Oder im Sinne der Bergpredigt von Jesus Christus.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn – können wir derzeit davon überhaupt sprechen, Walter, und das für uns alle?

Es wäre gewiss sehr wünschenswert. Doch spurlos werden die einschneidenden Veränderungen nicht an uns vorübergehen. Misstrauen, Angst, Unsicherheit: Das hat sich längst in unsere Seelen gefressen.

Schlagworte wie Zusammenhalt müssten jedenfalls zu einer gelebten Praxis werden. Doch ich bin eher skeptisch: Die Menschheit bzw. unsere Gesellschaft ist wohl eher wenig lernfähig und nur bedingt solidarisch: Viele, allzu viele werden, nach Möglichkeit, überwiegend weiterhin dem Egoismus und Hedonismus frönen. Dass wir eine Ellbogengesellschaft sind, das hat sich – mit einem Augenzwinkern formuliert – ja auch manifestiert: Begrüßungen per Ellbogen gehören inzwischen zum gelebten Alltag.

Und die Literatur, die Kunst? Sie gilt leider allzu oft nicht als Grundlage, sondern als überflüssiger und vernachlässigbarer Faktor unserer Gesellschaft, wird als Erstes eingespart und totgeschwiegen. Und so wird sie kämpfen müssen, gerade die Sparten- und Nischenkultur, die bereits von jeher ums Überleben zu kämpfen hatte. Sie wird das weiter tun – und ihr Stellenwert wird, ganz allgemein, nicht größer werden. Womöglich könnte man bereits von einem Erfolg sprechen, wenn sie nicht gänzlich verschwindet.

Was ich allerdings auf der anderen Seite bereits im Spätsommer und Herbst festgestellt habe: Gar nicht so wenige Menschen sind mittlerweile hungrig auf Live-Kultur – und das gibt mir doch einiges an Hoffnung.

Der erste Lockdown im Frühling hat mich selbst ja sehr hart getroffen – durch die Absage einiger Lesetermine. Auch zuletzt gab es wieder Verschiebungen, doch von September bis Anfang November konnten doch einige Buchpräsentation stattfinden, was insofern äußerst wichtig, ja in gewissem Sinne tatsächlich überlebenswichtig war, als ich eine Neuerscheinung am Start hatte. Derzeit ist bei mir geplant, dass es ab April weitergeht mit den Buchpräsentationen. Und auch das internationale zeilen.lauf-Finale 2020 in Baden bei Wien, in das ich es mit meinem Lyrikbeitrag geschafft habe, ist von November auf kommenden April verlegt worden. Wenn diese Perspektiven wie vorgesehen zur Realisierung gelangen, könnte ich für mich also in der Tat von einem Aufbruch sprechen. Auch daran halte ich mich zurzeit fest.

Was liest Du derzeit?

Eben habe ich von Peter Reutterer „Der Filmgänger“ ausgelesen – ein sehr dichtes und inhaltlich wie sprachlich wuchtiges Buch. Als Nächstes lese ich den neuen Roman von Luis Stabauer, „Brüchige Zeiten“. Sowohl Peter als auch Luis (mit dem ich übrigens wenige Stunden vor dem zweiten Lockdown am Abend des 2. November 2020 auf Einladung von BUCH13 im Eboardmuseum in Klagenfurt gelesen habe) sind Autoren, die ich nicht nur literarisch sehr schätze, sondern mit denen mich seit heuer auch eine aufrichtige Freundschaft verbindet. Unter Schriftstellern ist das, aus meinem Erleben, leider nicht selbstverständlich. Umso mehr freut es mich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Unwillkürlich fällt mir da etwas aus dem Evangelium nach Matthäus ein:

„Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ (Mt 24,29)

Diese Zeilen habe ich auch gegen Ende meines aktuellen Buches, der Erzählung „Die Leere des Himmels und der Erde“ (Arovell Verlag 2020), erwähnt … und wusste spätestens beim Erscheinen im September, dass dies, während der Arbeit an dem Werk völlig ungeahnt, unsere Tage geradezu erschreckend widerspiegelt.

In die Zukunft kann ich naturgemäß nicht blicken, und so kann ich auch nicht sagen, ob bereits dies die Tage der großen Not sind oder ob die Not nicht noch größer werden wird bzw. wann dies eintreten mag. Umso wichtiger finde ich dafür nun einen anderen, zweiten Impuls, den ich jetzt entschieden vorbringen möchte:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ (Václav Havel)

In diesem Sinne will ich und sollen wir von Hoffnung erfüllt sein …

Vielen Dank für das Interview lieber Heinz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Diesen Dank gebe ich herzlich zurück, lieber Walter. Ich wünsche dir das Beste!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Heinz Kröpfl Schriftsteller

Startseite – Heinz Kröpfl, Schriftsteller (jimdofree.com)

https://www.facebook.com/heinz.kroepfl.schriftsteller

28.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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