„Wir müssen unabhängige Räume erhalten, verteidigen und neue schaffen“ Tillmann Severin, Schriftsteller_Berlin 14.1.2021

Lieber Tillmann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich würde gerne behaupten, dass der Tag von meiner Partnerin Lea Schneider und mir genauso startet wie bei Chris Kraus und Sylvère Lothringer in I Love Dick: »No matter how many times they tried to change it, so long as he and Chris slept together their days rarely started before noon.«  Wir stehen zwar früher auf, dafür ähnelt das Kaffee-im-Bett-Ritual aber dem aus Kraus‘ Erzählung. Lea und ich führen unsere ersten, meist sehr persönlichen Unterhaltungen mit Kaffee im Bett, dann geht es weiter wie bei Kraus: »As the caffein hit, the conversation shifted, became more general, ranging over everything and everyone they knew.«

Nach dem ersten Kaffee geht es unterschiedlich weiter: Die Tage vergehen oft wie vor der Pandemie auch. Wenn keine Aufträge oder dringende Verlagssachen [www.verlagshaus-berlin.de] mich unterbrechen, schreibe ich morgens meist – an Gedichten oder meinem Roman. Oder ich gehe zum Rudern. Danach bin ich immer müde, habe aber neue Ideen. An ein bis zwei Tagen in der Woche arbeite ich mit den anderen Verleger*innen im Verlag.

Sehr verändert haben sich hingegen die Abende; vor allem fallen die vielen Literaturveranstaltungen weg. Mir fehlt es dabei nicht nur, neue Texte, Stimmen und Menschen kennenzulernen, sondern mir fehlen auch die vielen Menschen, die ich eigentlich regelmäßig sehe, aber selten außerhalb von Literaturveranstaltungen.

Tillmann Severin, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Andere Menschen zu sehen, in unbekannte Räume zu gehen, auf andere zuzugehen, beweglich zu bleiben, empathisch und solidarisch. Ich merke, dass ich sozial erstarre: Auch wenn vieles noch möglich ist – man könnte ja permanent Menschen zum Spazieren treffen – tue ich das immer weniger.

Ich richte mich weniger an meinem Begehren aus, richte mein Begehren vielmehr von vornherein an einem Rahmen aus, der teilweise sogar enger ist als der reale. Andere zu treffen, Räume zu teilen, zu gestalten, sich gegenseitig herauszufordern, zu verunsichern, sich aber auch Halt zu geben, ist aber elementar für Kunst, Literatur und auch darüber hinaus. Wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig das für uns ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

2020 hat für mich mit Demonstrationen begonnen: Nach den Anschlägen von Hanau und nach einem ersten bürgerlich-rechtsextremen Bündnis bei den Wahlen in Thüringen. Und 2021, gerade in dem Moment, in dem ich das hier schreibe, dringen Trump-Anhänger*innen in den USA ins Kapitol ein. Nur sind jetzt keine Gegendemonstrationen möglich.

Nachdem 2020 bekannt wurde, dass die deutschen Liberalen in Thüringen sich nicht von den rechten Stimmen, die sie bekommen hatten, distanzieren, war ich mit vielen anderen Demonstrant*innen vor der Berliner Zentrale der FDP. Danach fand eine Lesung im Hopscotch Reading-Room [https://hopscotch.page/] statt – einem unabhängigen Literaturraum. Ich las Übersetzungen der russischen Lyrikerin und Aktivistin Galina Rymbu, und ihre Art zu schreiben schien mir in direktem Zusammenhang mit dem Geschehen zu stehen. Es war ein sehr starker Moment, sich nach dieser gespannten Situation mit Menschen zu treffen und Texte zu hören, zu lesen und zu diskutieren.

Nach der Pandemie wird es entscheidend sein, trotz aller sozialen Müdigkeit, die sich breitgemacht hat, wieder rauszugehen, sich in unabhängigen Räumen wie dem Hopscotch zu treffen und sie mit maximal pluralen Stimmen zu erfüllen. Wir müssen diese Räume erhalten, verteidigen und neue schaffen – das wird die Rolle von Kunst und Literatur sein.

Was liest Du derzeit?

Eula Biss: Having and Being Had (Riverhead Books, 2020). [https://www.eulabiss.net/books.html#having-and-being-had]

Rosemarie Waldrop (aus dem Englischen von Thomas Schestag): Hölderlin Hybride (roughbooks, 2019). [http://engeler.de/hoelderlin_hybride.html]

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dieses Gedicht von Rosemarie Waldrop könnte gerade über allem stehen, was mich beschäftigt:

»Maybe the past is enough for the past and all its inhabitants. They need not be drawn out of retirement. But if I repeat without knowing I repeat? Am I in my own body?«

Aus: Rosemarie Waldrop: Hölderlin Hybride (roughbooks, 2019).

Vielen Dank für das Interview lieber Tillmann, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tillmann Severin, Schriftsteller

Tillmann Severin (tillmann-severin.de)

Foto_Stephan Pramme

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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