„Dass Kunst das ganz Andere bleibt; ein geistiger und ästhetischer Ort, der hilft, Eindrücke, Gedanken und Einstellungen zu erweitern, herauszufordern“ Birgit Kreipe, Schriftstellerin _ Berlin 13.1.2021

Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unspektakulär. Ich stehe so früh auf, wie es geht; in letzter Zeit habe ich ein paarmal verschlafen – na sowas. Ich meditiere jeden Tag, gehe meist auch joggen – in der Pandemie habe ich den Volkspark Schöneberg-Wilmersdorf, gleich um die Ecke, wirklich zu schätzen gelernt. Dann geht es an den Schreibtisch. So etwa.

Zur Zeit arbeite ich am Manuskript für meinen Gedichtband, der im Frühjahr bei kookbooks erscheinen soll, bin auch schon etwas angespannt wegen der nahenden Abgabe – es scheint noch soviel zu tun!

Meine Arbeit in einer Berliner Beratungsstelle setze ich fort, mit wechselnden Vorgaben, was den Umgang mit der Pandemiesituation betrifft. Die Klemme, in der der Bezirk steckt, ist zu spüren: Man möchte das Beratungsangebot aufrechterhalten, gleichzeitig aber die MitarbeiterInnen schützen, mit dem Ergebnis, dass die Verantwortung für viele Situationen in Form etwas widersprüchlicher Hinweise an die einzelnen ArbeitnehmerInnen weitergegeben wird. Ein Mikrokosmos, sozusagen, der die politische Unentschlossenheit, die sich auf Länder-und Bundesebene in den vergangenen Monaten gezeigt hat, sehr plausibel im Nahbereich vorführt. Ich kann und will das nicht groß verurteilen, auch weil ich mitbekomme, wie groß die Herausforderungen für meine KollegInnen im Gesundheitsamt sind und auf wie viele Unwägbarkeiten sie sich einstellen mussten. Außerdem bin ich ganz froh, meine Arbeit überhaupt fortsetzen zu können, ein kompletter Lockdown im Frühjahr hat gereicht; ich hoffe, es wird nicht Anfang 2021 wieder zu einem solchen kommen. Bisher ist auch nicht bekannt geworden, dass sich KollegInnen oder KlientInnen infiziert hätten.

Ein alter Freund-Feind hat mir mal gesagt, ich sei so nervös; ihm würde Kochen helfen, sich zu beruhigen. Das ist ewig her und ich habe damals die Augen verdreht, jetzt merke ich: er hatte recht. Mich entspannt und beruhigt es, Zutaten auszuwählen, Gemüse zu schnippeln und in der Suppe zu rühren, etwas, wozu ich sonst selten Zeit habe.

Birgit Kreipe, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund zu bleiben, auch wenn die Isolation nervt …  sich klar zu machen, dass es in anderen Ländern deutlich gefährlicher und schlimmer ist als in Deutschland und Österreich. Klar gibt es hier riesige Unterschiede, ich habe wirklich Angst um die vielen, die ihre wirtschaftlichen Grundlagen bedroht sehen oder verlieren; auch sehe ich, dass es für viele eine extreme Herausforderung ist, ihre Tagesstruktur oder die ihrer Kids zu verlieren, von der sozialen Einbindung ganz zu schweigen. In der Zwangs-Entschleunigung und dem Rückzug liegt vielleicht auch genau diese Chance … sich zu fragen, wo man eigentlich steht und was man überhaupt tun kann, in dieser Zeit. Ich merke, dass ich sehr oft Nachrichten lese, das tue ich immer, aber bemerke ich auch immer, wie aufgewühlt und ohnmächtig mich das lässt? Das beobachte ich sehr deutlich. Doomsurfing nennen das, glaube ich, die Amis. Ich versuche tatsächlich, zu meditieren, die Stille zu erforschen, darüber ein bisschen zu schreiben; recherchiere dazu, was sie mit einem macht. Das klingt jetzt vielleicht euphorischer, esoterischer, als es ist, ich habe als Psychologin ein eher analytisches Verhältnis dazu.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich  zu?

Die gleiche wie immer? Ich hoffe, gerade angesichts des tribalistischen Drinnen und Draußen, der teilweisen Regression, der Verschwörungstheorien und Lust an der Denunzierung, dass Kunst das ganz Andere bleibt; ein geistiger und ästhetischer Ort, der hilft, Eindrücke, Gedanken und Einstellungen zu erweitern, herauszufordern, manchmal neu zu organisieren und zu transformieren, auf eine einzigartig subtile und individuelle Weise; und ich hoffe dementsprechend, alles Mögliche zu sehen und zu lesen, nur erschrecke ich darüber, dass ich mich innerlich bereits auf eine Reihe noch rasch kuratierter aktivistischer Pandemie-Formate einstelle, welche die vorgestellte Kunst schon in der Konzeption so festlegen, dass ich von vornherein das Gefühl haben werde, ich sollte irgendwie geführt oder zum jeweiligen aktuellen Geschehen agitiert werden. Meist ist es zwar so, dass es sich lohnt, hinzugehen, weil die Kunst viel differenzierter und offener ist, als solche Reiz – Formate nahelegen. Es gibt viele gute Gründe, auf aktuelle Entwicklungen zeitnah deutlich reagieren zu wollen; meine instinktive Unlust hängt sicher mit meiner Arbeitsweise zusammen, die ich als unsicher/explorativ bezeichnen möchte. Ich bin oft regelrecht verstört, wenn Leute genau wissen, wer sie sind, wie die Welt funktioniert und was sie zeigen wollen.

Was liest Du derzeit?

„Irdischer Durst,“ von Anne Carson, noch unentschieden; „Findings“, Essays der tollen schottischen Dichterin Kathleen Jamie, ihr genderbewusstes nature writing; und „Gefangene der Zeit“ von Christopher Clark, dankbar für seinen ebenso amüsanten wie beunruhigenden Vergleich von Donald Trump mit Wilhelm II.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„We have never concealed so much, but we do so under pretense of of the constraint of total that is the political form of „obscenity“. But gentleness cannot occur under this rule of exhibitionism. Penumbra is its native land. There is a gentleness within trouble, within ambiguity, in what is born, in what emerges and claims this nascent and suspended space. The crude light of confession is not suitable for it.“

Anne Dufourmantelle, The power of gentleness.

Vielen Dank für das Interview liebe Birgit, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Birgit Kreipe_Schriftstellerin

Birgit Kreipe – Lyrikerin

Foto: Renate von Mangoldt

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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