„Achtsamkeit füreinander, aufeinander, solidarisches Handeln“ Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _Wels 25.12.2020

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich seit Herbstbeginn insofern geändert, als sich ein gleichsam unruhig strudelnder Bach wieder in ein etwas sanfter fließendes Gewässer verwandelt hat, der Tag wieder planbarer und überschaubarer, das Schreiben betreffend, geworden ist. Ereignisse in meinem sozialen Umfeld, die nur zum Teil mit Covid 19 zu tun hatten, lenkten meine Aufmerksamkeit vom Schreiben weg auf  Lösungsorientiertheit, auf den Alltag und seine Anforderungen.

Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin „Bärli und ich“

Durch die Maßnahmen, die mich und andere vor einer Corona-Infektion schützen sollen, nehme ich an mir eine größere Standfestigkeit, Bestimmtheit mir selbst und anderen gegenüber wahr. Ich gestehe mir durch social distancing mehr Freiraum zu, versuche umzusetzen, was mir wichtig ist, was sonst oft nur nebenbei und stückhaft durchzudenken und zu erarbeiten war. Ich lege anderen gegenüber  – hoffentlich mit gebotenem Respekt und Fingerspitzengefühl -entschiedener fest, wann ich kontaktiert werden will und wann nicht, weil ich gerade an einem Text arbeite, an einem Projekt dranbleiben möchte. Diese Konsequenz habe ich  bisher von mir selbst zu wenig eingefordert, daher wurde sie auch bisweilen von anderen wenig berücksichtigt. 

Da Schreiben ja ohnehin vor allem im home-office vonstatten geht, kommt mir persönlich die Abgrenzung nach außen entgegen. Auch, dass ich an diversen Veranstaltungen im livestream teilnehmen kann, zu denen ich abends in Zug oder Auto steigen, gar auswärts übernachten müsste, so manche Sitzung, Versammlung per Zoom stattfindet, empfinde ich als angenehm und sogar als bereichernd. Was meine Oma als mein Einsiedler-Gen besorgt diagnostizierte, erlebe ich nun in Zeiten von Quarantäne und Lockdowns als wohltuend willkommenes und hilfreiches Geschenk.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Frühling und vor dem ersten Lockdown hatte Covid 19 mein Bewusstsein und das Bewusstsein vieler noch nicht so entschieden besetzt. Nun hat sich leider bewahrheitet, dass jeder und jede zumindest jemanden kennt, den das Virus infiziert hat. Es ist in Familien, bei Freunden gleich mehrfach eingezogen. Es ist einem selbst gefährlich nahe gerückt. Unser Verhalten, unsere Entscheidungen verlangen Vernunft, Disziplin, Einsicht in Vorsichtsmaßnahmen, Achtsamkeit füreinander, aufeinander, solidarisches Handeln. Und das Hinhorchen auf fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse, die verständliche Ängste durchaus entwirren und das Gefühl des Ausgeliefertseins dezimieren können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Virus wird uns nicht verlassen, es kennt weder Zeit noch Kalender. Daher wird es wichtig sein, uns und unsere Mitmenschen weiterhin durch jene Maßnahmen zu schützen, es zu versuchen, an die wir uns langsam gewöhnen. Wir dürfen auf eine wirksame Impfung hoffen, und es wäre wichtig, dass auch ohne die Verordnung einer Impfpflicht der Großteil der Bevölkerung die Chance dieser Impfung ergreift. Von Kontraindikationen, die es sicher auch geben wird, abgesehen. Einer Vor-Corona-Zeit nachzutrauern, sie wiederbeleben zu wollen, ist verständlich. Wer möchte nicht, dass unser Leben wieder so werden könnte, wie es war. Es ist aber Aufbruch angesagt, Neuorientierung, Hinhorchen auf Informationen, die uns als Einzelne und als Gesellschaft weiterbringen können, die unser Leben mit Corona wieder lebbar und lebendig machen.

Kunst und Kultur sind Ausdruck unserer Gesellschaft. Kunst spiegelt die Sprache ihrer Zeit wider. Ohne Kunst und Kultur wird eine Gesellschaft barbarisch, d. h. sie entfremdet sich von sich selbst. Kunst als Dekor, als Behübschung unseres Daseins misszuverstehen, ist Identitätsraub an der Gesellschaft. Sie als Nebensache zu behandeln, ist skandalös. Ich wünsche mir, dass diese Erkenntnis in das Herz von Politik und Bevölkerung einzieht, sie in ihrer Mitte trifft.

Ich erlebe selbst oft genug, dass mein Schreiben von nichtschreibenden Mitmenschen als Zeitvergeudung und unnötiger Luxus betrachtet wird oder als beschauliche Hingabe an meine Gefühlswelt, die mich der Realität entfremdet. Dass Schreiben, künstlerisches Tun Knochenarbeit ist, wird höchstens Musikern und Komponisten zugestanden. Ein Instrument spielen, gar komponieren kann halt doch nicht jeder ….. Wenn ich sage, dass Schreiben Komponieren mit Worten sei, ernte ich ein belustigtes Lächeln oder nacktes Unverständnis.

Was liest Du derzeit?

Es gibt mehrere Lebensbegleiter durch die Jahre hindurch, z. B. Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht. Von Guy Deutscher, Verlag C.H. Beck

Theresia Prammer, ÜBERSETZEN / ÜBERSCHREIBEN /EINVERLEIBEN / Verlaufsformen poetischer Rede; Klever / Essay

Anna Mitgutsch, Die Welt, die Rätsel bleibt; Luchtrerhand

                           Die Grenzen der Sprache; Residenz Verlag

Ich lese stets mehrere Bücher zugleich, je nach Bedürfnis und Interessensschwerpunkt.

Dzt. Clemens J. Setz, Die Bienen und das Unsichtbare, Suhrkamp; Zitat: …., dass man jederzeit, vollkommen ohne Vorwarnung aus der bekannten Welt und ihren geordneten Verhältnissen kippen kann, während man zum Teil, etwa der äußeren Form nach, noch in der alten Ordnung stehenbleibt.

Suhrkamp

Wolf Wondratschek, Selbstbild mit russischem Klavier, Ullstein Verlag

                                 Erde und Papier, ebenfalls Ullstein

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus dem Wollen hinaus.

Tiefer

zu einer anderen Grenze.

Der Schwung,

der sie findet,

ist der Anfang ….

                                   Alfred Kolleritsch

Vielen Dank für das Interview liebe Ines, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin

Foto_Monika Primenz.

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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