„Wir werden uns verändert haben, manche werden reicher, viele wohl ärmer geworden sein“ Patrick Wilden, Schriftsteller _ Dresden, 21.12.2020

Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er ändert sich gerade. Die Bibliothek, in der ich mehrere Tage pro Woche jobbe, schließt für mindestens vier Wochen ihre Pforten, so dass ich mir über Weihnachten viel Zeit zum Schreiben nehmen kann. Aber schon der erste Lockdown hat mir gezeigt, dass es in dieser Situation um meine innere Ruhe nicht sehr gut bestellt ist.

Da ich vor allem Lyrik schreibe, bin ich eher an eine erratische Arbeitsweise gewöhnt, notiere mir Gedichtentwürfe auch mal vor dem Einschlafen oder vor dem Aufstehen, oft schreibe ich noch nach dem Abendessen Texte ins Reine oder schaue mir – eine Corona-Neuerung – Youtube-Videos von Lesungen und dergleichen an. Die Lockdown-Situation eröffnet auch Möglichkeiten, größere Projekte, Rezensionen, essayistische Blog-Einträge ins „C-Tagebuch“ oder auch mal ein Prosastück anzugehen. Teetrinken und lesen, spazieren und (viel nerviger) einkaufen gehen, gelegentlich am Klavier sitzen – das alles ist unbedingt nötig. Glücklicherweise wohnt meine Lebensgefährtin in einer Stadt in der Nähe, so dass ich auch in strengen Lockdown-Zeiten gelegentlich einen Tapetenwechsel haben kann.

Patrick Wilden, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Geduld zu verlieren. Den Humor zu bewahren und uns selbst nicht für das Wichtigste auf Erden zu halten. Vielleicht auch ein bißchen dankbar für das zu sein, was wir in diesem ausgebremsten Sommer angesichts der schwierigen Umstände dennoch haben konnten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich Anfang Juni einen Open-Air-„Buchsalon“ besuchte: Plötzlich saßen da wieder Menschen und lauschten aufmerksam einer Lesung, einer Diskussion über Bücher. Ich sah erstaunlich viele Autorinnen und Autoren im Publikum, und hinterher gab es ein großes Hallo, ich habe mich selten so impulsiv und erleichtert über Literatur unterhalten. Die Bauchnabelperspektive ist nicht, was wir jetzt brauchen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin mir nicht sicher, ob es diesen Aufbruch wirklich geben wird. Unter den Kollegen in der Bibliothek etwa wird die Stimmung gereizter, der offene Protest wird auch bei harten Maßnahmen spürbar bleiben. So lange mache ich mir durchaus Sorgen um den sozialen Zusammenhalt. Das Virus im Kopf verschwindet nicht so schnell. Ich vermute, daß wir, sobald die Pandemie mit den dann zu Gebote stehenden Mitteln allmählich zurückgedrängt ist, erst einmal verdutzt aus der Wäsche gucken, dann aber schnell wieder in unsere alten Gewohnheiten zurückverfallen werden. In ein paar Monaten, wenn der Impfpass wieder Grenzen, Konzerthäuser und Theater öffnet, wird sich niemand mehr gerne an die Zeit der jetzigen Beschränkungen erinnern wollen. Wir werden uns verändert haben, manche werden reicher, viele wohl ärmer geworden sein.

Die Schreibenden, die Kunstschaffenden überhaupt werden trotz des Maulkorbs, den der Kulturbereich mal wieder als erster verpaßt bekommen hat, diese Prozesse kritisch begleiten, werden wie immer das Schmiermittel liefern, um es so arg nicht werden zu lassen. Das ist sogar jetzt spürbar, da viele um ihre Existenz kämpfen müssen und Lesungen, Konzerte, ja sogar Kunst-Events zwangsweise in den digitalen Sandkasten abgewandert sind. An diesem Punkt möchte ich einhaken und bemerken, wie gut es sich für mich anfühlt, auch einen kleinen Beitrag dazu zu leisten. Und welche Verantwortung wir damit haben.

Was liest Du derzeit?

„Problemwolf“, den eigentümlich witzig-traurigen Auswahlband der niederländischen Lyrikerin und Künstlerin Maria Barnas, und, ganz anders, aber irgendwie passend, zum zweiten Mal „Wilde Tiere“ des lettischen Dichters Krišjānis Zeļģis. Eben neu auf den aktiven Stapel gekommen ist „Gesang vor Türen“, der Erstlingsroman von Bernd Lüttgerding.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn ich gefragt werde,
warum ich Gedichte schreibe,
spreche ich von der Gleichgültigkeit der Natur.“

Lisel Mueller

(deutschstämmige US-Dichterin und Übersetzerin, 1924–2020)

Vielen Dank für das Interview lieber Patrick, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patrick Wilden, Schriftsteller

Foto_Dirk Skiba

11.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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