„Das utopische Moment, die Wünsche ans Selbst und an die Gesellschaft leuchten kurz auf, wenn alles still steht“ Christian Dittloff, Schriftsteller _ Berlin 8.12.2020

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Vorliebe für strukturiertes Arbeiten hat sich in diesem Jahr noch verstärkt, da die Möglichkeiten der Ablenkung einer Stadt wie Berlin leider einfach wegfielen: Freund*innen treffen und Lesungen vor allem. Die Struktur hilft mir, mich im Tag zu verankern.

Ich wache gegen 7 Uhr auf und meditiere. Nach Kaffee und Frühstück (Haferbrei, Obst) lege ich die erste Schreibtisch-Session ein. Eigentlich arbeite ich in meinem Neuköllner Büro, seit Ende November allerdings von zu Hause, wo ich mich gerade sehr kleinteilig meinem zweiten Roman widme. Mit Schere und Schnipseln und Tesafilm.

Gegen 11/12 Uhr gehe ich laufen oder spazieren, damit sich die Gedanken neu ordnen. Zum Glück wohne ich in der Nähe des Tempelhofer Feldes und habe dort viel Platz und sogar einen Horizont. Ich rede mir sogar ein, die Erdkrümmung zu sehen.

Nach der Mittagspause, die ich meist mit einem Buch verbringe, geht es manchmal wieder an den Schreibtisch. Doch oft schleicht der Tag dann einfach aus und ich weiß gar nicht, wo er geblieben ist.

Christian Dittloff, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine wichtige Aufgabe für mich: Innere Widersprüche aushalten.

Neben dem Durchhalten-Mantra auch die eigenen Bedürfnisse artikulieren. Dankbar sein, dass die Pandemie mich bisher nicht existentiell gefährdet und dennoch konstruktive Kritik üben an der Ungerechtigkeit bestimmter Maßnahmen und Verhalten. Ängste zulassen und Hoffnung haben. Mich nicht selbst verurteilen und dennoch ständig hinterfragen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich vor einem Neubeginn stehen oder ob es nicht wie kurz vor einem Jahreswechsel ist: das utopische Moment, die Wünsche ans Selbst und an die Gesellschaft leuchten kurz auf, wenn alles still steht. Es ist, als würde man Buße tun und versprechen, alles zukünftig ganz anders zu machen. Doch dann geht das Leben weiter und die guten Vorsätze werden an die alltäglichen Anforderungen angepasst, gestutzt, bis sie nur noch etwas Symbolisches sind. Literatur kann mittelfristig das überkomplexe Wirrwarr sich täglich ändernder Meinungen, Haltungen, Kämpfe, Versuche und Erkenntnisse in seiner Entwicklung einfangen. Sie kann uns zeigen, wie wir in der Pandemie agierten, wie wir uns entwickelten, sie kann uns unsere Pläne und Hoffnungen für das Danach, für den großen Aufbruch, immer wieder vorhalten und uns ins Handeln bringen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe soeben „Incels“ von Veronika Kracher ausgelesen. Das Buch zeigt präzise und fesselnd, dass die US-Internet-Subkultur toxischer Männlichkeit gerade zur internationalen, auch in der echten Welt agierenden Strömung mit großem Zulauf wird und das eine feministische Perspektive auf bestimmte Männlichkeitsbilder ein wichtiges Thema unserer Zeit ist, weil diese eng mit Gewaltausübung verknüpft sind.

Jetzt lese ich gerade „Die Scham“ von Annie Ernaux, die ich zutiefst bewundere und deren Bücher mein derzeitiges Schreiben enorm prägen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nicht nur in Hinblick auf argumentative Gräben zwischen den Generationen beschäftigt mich gerade ein Zitat von Audrey Lorde: „I am a reflection of my mother’s secret poetry as well as of her hidden angers.“

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke gleichfalls!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Dittloff, Schriftsteller

Foto_Christian Werner

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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