„Demut vor dem Leben, das uns so in der Hand hat und gerade deshalb wertvoll ist “ Julia Kessel_Schriftstellerin _ Berlin _ 7.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert. Glücklicherweise bin ich bisher nicht von Kurzarbeit betroffen. Die Abende und das Wochenende widme ich dem Schreiben, Gesprächen mit meinen Freunden und meiner Familie, Lesen sowie kläglichen Versuchen, zwischen Sofa und Tisch ein paar Ballettübungen zu absolvieren. Dazwischen durchschnittlich alle vierzig Minuten: Essen.

Julia Kessel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mehr denn je: innehalten, nachfragen, zuhören, nicht wegschauen. Den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten beim Wegbröckeln zusehen und an Wachstum glauben, den dies in sich birgt. Ausbalancieren von Gegebenheiten, mit denen wir uns abfinden müssen, und Veränderlichem, das wir nicht länger hinnehmen wollen. Sehen, was alles nicht muss und was viel mehr sollte. Dieses kleine Ding von Virus erinnert daran: unser Dasein, unsere Taten, unser Sprechen, ja sogar unser Atmen hat mehr oder weniger direkte Auswirkungen auf andere und kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Diese Tatsache verdrängen wir im Alltag allzu gerne, wenn wir uns nicht um die Natur oder um andere Länder scheren, denen wir unseren Müll hinterlassen, oder unseren Mitmenschen das Leben schwermachen. Ich würde mir wünschen, dass wir von Verboten wieder mehr hin zu Geboten rücken, zu einem das Gegenüber mitdenkenden und achtenden Handeln – einen gesunden Menschenverstand vorausgesetzt, einen gewissen moralischen und ethischen Konsens, den wir uns gegenseitig zutrauen müssen. Ich denke, dass wir im Grund fast alle dasselbe wollen – die Liebsten und sich selbst in Sicherheit wissen. Dieses Bedürfnis sollte jedem zugestanden werden. Es gilt abzuwägen, welche Freiheiten wir dafür aufgeben können und welche wir unter allen Umständen verteidigen müssen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob wirklich ein Aufbruch und Neubeginn folgt, wird sich zeigen. Die Bequemlichkeit ist ziemlich stark und der Mensch vergesslich. Mein idealistisches Ich möchte sagen: Kunst und Literatur dienen dieser Erinnerung, eine Gesellschaft ohne Kultur ist tot. Mein realistisches Ich sieht das pessimistischer und findet, Kunst sollte nur ihre eigene Rolle einnehmen. Was wesentlich ist? Ich glaube, Demut. Vor dem Leben, das uns so in der Hand hat und gerade deshalb wertvoll und erforschenswert ist. Leichter gesagt, als getan.

Was liest Du derzeit?

Wie immer mehrere Bücher gleichzeitig: „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan, „Meine dunkle Vanessa“ von Kate Elizabeth Russell und „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat aus dem oben genannten Buch von Delphine de Vigan über den Kampf, den wir immer, aber besonders spürbar im Augenblick als Gesellschaft und Einzelne austragen: das Ringen zwischen Flügeln und Fesseln.

„Loyalitäten. Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir zuallererst mit uns selbst geschlossen haben, Befehle, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden. Das sind die Gesetze der Kindheit, die in unseren Körpern schlummern, die Werte, in deren Namen wir uns aufrecht halten, die Fundamente, die es uns ermöglichen, Widerstand zu leisten, unlesbare Grundsätze, die an uns nagen und uns einschließen. Unsere Flügel und unsere Fesseln. Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke ebenfalls.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Kessel, Schriftstellerin

Foto_privat.

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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