„Wann können sich KünstlerInnen aus dem Bettelstatus erheben?“ Isabel Pfefferkorn, Sängerin_Feldkirch _ 4.12.2020

Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe in dieser speziellen Zeit bemerkt, dass mein Lebenstempo vor der Pandemie ein viel zu schnelles war. Zu viele Konzerte in zu kurzen Zeitabständen, zu viele Reisen und zu wenig Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten, auf professioneller sowie privater Ebene.

Als junge Künstlerin will und darf man sich in diesem Business ja keine Chance entgehen lassen und die Liebe und Leidenschaft zur Musik lassen sowieso nur schweren Herzens ein Bremsen zu. Kurz vor einer Not-Operation fragt man sich dann zum Beispiel, ob man das Konzert am gleichen Abend nicht vielleicht trotzdem singen kann. So oder so wäre es total unangebracht, als selbständige Sängerin über zu viel Arbeit zu klagen. Und plötzlich stand aber alles still. Das hat mich durch die verschiedensten negativen und positiven Phasen geführt, die sicherlich alle von uns zu spüren bekommen haben.

Mittlerweile hat sich die Auftrittslage für den Moment tatsächlich wieder etwas verbessert, worüber ich erleichtert bin, aber wenn immer möglich, stelle ich mir morgens keinen Wecker, esse, wann und wo ich will und mache Musik, wann ich will. Außerdem kann ich den Menschen in meinem Umfeld mehr Zeit schenken. Routine mag wichtig für uns Gewohnheitswesen sein, jedoch genieße ich absurderweise gerade die Freiheit inmitten dieses Käfigs der Angst und des Ungewissen.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Meiner Meinung nach spielen Vertrauen, Respekt, Nächstenliebe, Hausverstand und ein kritischer sowie realistischer Blick auf die Dinge eine große Rolle. Die Meinungen, Forschungen und Studien zur momentanen Lage variieren ja so stark, sodass ich beinahe aufgebe, eine klare Meinung dazu haben zu wollen. Trotzdem aber möchte ich meinen Mitmenschen mit liebevollem Respekt entgegentreten, mein Ego zurückstecken und mein Leben nach bestem Gewissen weiterführen.

Natürlich habe auch ich in jenen Monaten, in denen die Künstler als nicht relevant fürs System bezeichnet wurden, Gefühle der Wut und Enttäuschung durchgemacht sowie eine Art Identitätskrise. Wer, wo und wie bin ich, wenn ich nicht durch meine Kunst mit der Welt kommuniziere? Wo ist der Raum meines Nicht-Sänger-Ichs? Warum ich keinen „anständigen Beruf“ erlernt habe, habe ich mich auch 2 Sekunden lang gefragt. Natürlich könnte ich meinen Lebensunterhalt mit anderer Arbeit zu verdienen versuchen, aber jeder, der einmal – ganz kitschig ausgedrückt – seine Berufung gefunden hat, kann nachvollziehen, mit welcher Sinnlosigkeit dies behaftet wäre. Also finde ich es wichtig, die eigenen Aufgaben in der Existenz zu suchen. Dass ein Jeder sich nach dieser Verantwortlichkeit in seinem Leben umsieht, finde ich immer, momentan
aber besonders, essenziell.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Meine Befürchtung ist, dass der Mensch schon jetzt vergessen hat, welche guten Seiten dieses gesamte Drama mit sich bringt. Die persönliche Entschleunigung oder die Erholung der Natur, um zwei Beispiele zu nennen. Ich wünschte, die Sensibilität für uns selber und für unsere Welt würden nicht sofort wieder von Profit- und Machtgier überrollt werden.

Die Kunst vermag es, genau diese Verhaltensweisen zu überbrücken und unsere Empfindungen auf eine andere Ebene zu bringen. Sie existiert, um zu wecken und zu verbinden. Kunst kann irgendwie alles, indem sie einfach nur da ist. Eine Welt ohne sie war nie und ist nicht vorstellbar. Wird sie jemals ernsthaft vom Kollektiv
geschätzt? Wann kann sich der Künstler aus dem Bettelstatus erheben? Ich finde es
problematisch, dass der Künstler von außen betrachtet ein eher egozentrisches Verhalten an den Tag legen und sehr viel Energie auf das persönliche Wohlbefinden ausrichten muss, weil unser System keine Sensibilität, Ehrlichkeit, Authentizität und Achtsamkeit schätzt. Es ist jetzt noch bedeutsamer zu erkennen, dass wir keine Einzelkämpfer sind. Die im klassischen Musikbereich ach so üblichen Ellbogen sollten eingefahren und sich darauf besonnen werden, dass das Schöne an der Essenz von Musik und der ganzen Kunst ist, dass sie für alle da ist und eigentlich gar keinem Vergleich ausgesetzt werden kann. Ich wünsche mir sehr, dass das, was Menschen im
Innersten bewegt, immer einen Weg nach außen finden wird, und irgendwann einen anderen Status erhalten wird. Drum, malt, spielt, singt, schreibt, schreit. Und am besten gemeinsam. Aber halt mit 6 Meter Abstand, bitte. Es sei denn, ihr macht es im Flugzeug.

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Was liest du derzeit?

Momentan lese ich Erich Fromms „Über die Liebe zum Leben“.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Erich Fromm: „Ich finde es sogar außerordentlich schade, und dies umso mehr, als es ja nur ein Symptom eines Defektes unserer Kultur ist, der nicht nur schade, sondern tödlich sein kann. Vielleicht kann ich es einmal so ausdrücken: Mehr und mehr tun wir nur das, was einen Zweck hat, wobei also etwas herauskommt. Es geht um Geld oder Ruhm oder unsere Beförderung. Wir tun kaum noch etwas, was gar keinen Zweck hat. Der Mensch hat vergessen, dass das möglich, sogar wünschenswert und vor allen Dingen schön ist. Das Schönste im Leben ist, seine eigenen Kräfte zu äußern, und zwar nicht für einen Zweck, sondern um des Aktes selber willen. Die richtig verstandene Liebe hat
auch keinen Zweck.“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabel Pfefferkorn_Sängerin 

https://www.isabelpfefferkorn.com/

Fotos_ 1,2 Pei Shen  _ 3, Maciej Burdzy

 

31.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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