„Künstler*innen zu ermöglichen, ihre ganz individuellen Wege zu gehen, das wäre Aufgabe der Kulturpolitik, dort wo es sie noch gibt“ Jürgen Bauer, Schriftsteller _ Wien 4.12.2020

Lieber Jürgen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite im Opernbereich, also ist mein Tagesablauf – genau wie unsere Kunstform – im Moment enorm unsicher, von dauernden Veränderungen durchzogen, von nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen gebeutelt. Aufstehen, Medien konsumieren, Büro aufsuchen – und hoffen, dass unsere Kunstform weiterbestehen darf.

Als Autor betreue ich im Moment mein jüngstes Baby weiter, den Roman „Portrait“. Lesungen sind ja gerade schwierig, umso wichtiger ist der Austausch online, sind Interviews, den Kontakt mit all jenen Menschen halten – Buchhändler*innen, Büchermenschen –, die mich seit Jahren kontinuierlich unterstützen.

Und abends wird es jetzt wohl still, nach der Schließung der Kultur, nach Ausgangssperren in Österreich. Also lesen, als quilty pleasure Trash-Fernsehen schauen und ein Bad nehmen!

Jürgen Bauer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, ob es etwas gibt, das für uns alle wichtig ist. Manche brauchen Geld – die wichtigsten Berufe sind ja unterbezahlt, es ist eine Schande – manche brauchen Ausdauer und Nerven, und manche brauchen einen Tritt in den Hintern, wieder andere brauchen einfach ein bisschen Hirn, damit wir gemeinsam gut durch diese Sache kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es wird wohl mit aller Macht ein „Weiter wie bisher“ auch nach der jetzigen Situation versucht werden, egal, wann das sein wird. Schon jetzt wird ja die Kultur geschlossen, um den schon bisher eher schlecht als recht funktionierenden Wintertourismus irgendwie zu retten. Insofern bin ich bei dem Neubeginn skeptisch. Wichtig wäre, die jeweiligen Prioritäten zu ordnen, aber ich gestehe, dass mit hier auch gerade die Kraft fehlt.

Bei Rollen, die die Kunst übernehmen kann, bin ich ebenfalls skeptisch. Kunst lässt sich nicht nach Rollen ordnen – hier werden wohl unterschiedliche Künstler*innen unterschiedliche Rollen finden – vom Thematisieren von Problemen bis hin zum Eskapismus. Und es den Künstler*innen zu ermöglichen, ihre ganz individuellen Wege zu gehen, das wäre Aufgabe der Kulturpolitik, dort wo es sie noch gibt.

Was liest Du derzeit?

Annie Ernaux „Die Scham“ und Didier Eribon „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ fertiggelesen – beides sehr wichtig für mein eigenes Schreiben. Jetzt gerade lese ich, spät aber doch, „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ von Philip Weiss, große Empfehlung!

Als nächstes möchte ich „Gipskind“ von Gabriele Kögl lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Samuel Beckett

Das war vor Jahren schon mein Text in Onlinedating-Portalen und hat auch dort geklappt, warum also nicht auch im echten Leben?

Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jürgen Bauer, Schriftsteller

http://www.juergenbauer.at

Foto_Daniel Schönherr

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s