„Kunst soll zum Nachdenken bringen“ Tina Schlegel, Schriftstellerin_ Unterallgäu_30.11.2020

Liebe Tina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich wie immer. Ich lebe seit vielen Jahren in dem glücklichen Umstand, Zuhause arbeiten zu können, und so war die Corona-Krise keine Umstellung für mich. Dass meine Tochter schulfrei hatte, haben wir als gemeinsame Zeit sehr genossen.

Als Schriftstellerin arbeite ich sehr gern in den frühen Morgenstunden, wenn alles um mich herum noch schläft und die Stille so ein schönes Gefühl von Geborgenheit vermittelt …

 

Tina Schlegel_Autorin _ Unterallgäu

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich hatte am Beginn der Corona-Krise große Hoffnungen. Die Natur erholte sich sichtbar, das ganze hektische Treiben trat in den Hintergrund, wir hatten Zeit für das, was eigentlich das Leben ist. Menschen saßen in Gärten, spielten mit ihren Kindern, gingen spazieren. Meine Hoffnung war, dass wir das mitnehmen aus der Krise. Meine Hoffnungen haben sich inzwischen zerschlagen, dennoch werde ich nicht aufgeben, dafür einzutreten, dass die Menschen sich auf andere Werte zurückbesinnen. Ein schönes Wort eigentlich: zurückbesinnen. Dass wir alle ein paar Schritte mit unseren Ansprüchen zurückgehen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schreiben, der Kunst an sich zu?

Darüber habe ich viel nachgedacht – schon bevor die Krise unser Leben veränderte. Welche Aufgabe und Verantwortung kommt der Kunst zu? Ich schreibe Bücher und habe vor allem mit meinem ersten Roman „Schreie im Nebel“ gewiss polarisiert, weil ich mich sehr kritisch mit einem gesellschaftlichen Problem auseinandergesetzt habe. Doch noch immer schreiben mich Menschen an, die daraufhin ihren Lebensstil hinterfragt und manche sogar geändert haben. Das finde ich ein unglaubliches Kompliment und natürlich eine Bestätigung, dass Kunst etwas bewirken kann. In meinem Roman „Der Wolf vom Bodensee“ ging es um Wölfe. Meine Figuren beziehen immer deutlich Stellung, auch wenn es unbequem ist, anders kann ich mir das für mich gar nicht vorstellen. In meinem nächsten Roman „Still schweigt der See“, das am 20. August erscheint,  geht es um Hass im Internet. Ich will immer mehr als nur Unterhaltung bieten. Als Kulturjournalistin schreibe ich auch über Kunst und habe die Diskussion mit Künstlern immer wieder gesucht: Soll ein Künstler seine Haltung in sein Werk bringen? Sind wir dazu verpflichtet, ist es unsere Verantwortung? Ich denke, für mich gilt das. Künstler zu sein, in der Öffentlichkeit zu stehen, auch wenn sie noch sehr klein ist, bedeutet, die Verpflichtung zu haben, die Öffentlichkeit zu nützen. Ich möchte diese Verantwortung so gut wie möglich positiv nützen. Man kann sich heute nicht aus allem heraushalten. Kunst soll die zwischenmenschlichen Töne anregen, zum Nachdenken bringen, als Ausgleich für die bisweilen rohe und brutale Gesellschaft dienen, einen Spiegel vorhalten – bewegen.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Der kleine Hobbit“. Meine Tochter ist zehn und liest seit langem Unmengen an Bücher selbst, aber dieses Buch, ein Buch aus meiner Kindheit, wollen wir jetzt in den Sommerferien zusammen lesen. Das genieße ich sehr.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe unlängst mal wieder einen Krimi von Nesbo gelesen und blieb an einer Stelle hängen, weil sie unerwartet kam, weil sie so treffsicher formuliert ist:

„So führte das Wachstum der Bevölkerung dazu, dass der Mensch nicht mehr nur auf die Jagd ging, sondern auch Fleisch produzierte! Allein das Wort Fleischproduktion, allein die Idee! Menschen hielten Tiere in Gefangenschaft, nahmen ihnen all ihre Freude und Entwicklungsmöglichkeiten, entfremdeten sie der Natur, damit sie unfreiwillig Milch und extra zartes Fleisch lieferten, nahmen ihnen ihre Kinder, kaum dass sie auf der Welt waren, hörten die verzweifelten Schreie der Muttertiere, nur um sie gleich wieder zu schwängern. […] Die Menschheit machte das nun schon so lange, dass niemand mehr über die ausgeklügelte Grausamkeit nachdachte, die die moderne Nahrungsmittelproduktion voraussetzte. Gehirnwäsche!“

Aus: „Durst“ von Jo Nesbo

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tina Schlegel, Schriftstellerin

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Foto_privat.

 

31.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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