„Tagesabläufe können sich ändern, der Balanceakt bleibt.“ Stéphanie Divaret_Schriftstellerin_ Waldkirch/D _ 30.11.2020

Liebe Stéphanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin viele. Und egal, wie die Rahmenbedingungen sich ändern, meine Rollen im Alltag bleiben dieselben – es ist ein Balanceakt zwischen dem Dasein als Mutter, der Verantwortung im Brotberuf und dem Schaffen von sehr notwendigen Freiräumen dazwischen, in denen ich lesen und schreiben kann. Tagesabläufe können sich ändern, der Balanceakt bleibt. Fordernd. Sehr fordernd mitunter.  

Stèphanie Divaret

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich klingt es abgedroschen, weil selbstverständlich, aber es scheint mehr denn je geduldig wiederholt werden zu müssen: Respekt, Toleranz, Empathie. Sie geraten schnell zu polierten Hülsen. Eigentlich steckt in ihnen viel Unbequemes; jeden Tag müssen sie mit Inhalt gefüllt werden, das kann ziemlich anstrengend sein. Da wir schon mit der recht attraktiven Gabe des Denkvermögens ausgestattet sind, sollten wir sie nicht dazu gebrauchen, uns gegenseitig in die Pfanne zu hauen, sondern uns gegenseitig die richtigen Fragen zu stellen: Wo kommst du her? Wie sieht es da aus? Was hat man dir als Kind erzählt? Was haben wir gemeinsam? Was nicht? Wie kommen wir da weiter? Das ist vermittel-, erlernbar.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich stelle mir eher die Frage nach dem Spannungsverhältnis von Aufbruch und Kontinuität. Aufbruch lässt sich auch so verstehen, dass Räume aufgebrochen und ausgeleuchtet werden – dunkle Räume, und im Moment sind es einige, in denen im Verborgenen kontinuierlich Missstände und Ungerechtigkeiten angewachsen sind. Aufbrüche gibt es immer wieder, weil irgendwelche „dark rooms“ auch immer fortbestehen. Aufmerksam zu bleiben, aufzubrechen oder sich zumindest mit den Aufbrechenden solidarisch zu zeigen, ist wichtig. Genauso wichtig scheint mir aber, im allgemeinen Getöse der sozialen Medien immer wieder Besonnenheit zu üben, im guten alten, tugendhaften Sinn. Und wir müssen bei allen derzeit im Berufsleben gefeierten vermeintlichen Vorzügen der digitalen Vernetzung sehr aufmerksam sein, welches Potenzial KI für oder gegen uns als von Natur aus sterbliche Wesen entfalten kann.

Die Rolle der Literatur ist ganz offensichtlich: Wir sind Sprache, die Zeichen, die wir uns geben. Durch sie sind wir manipulierbar, berührbar, hinterfragbar. Literatur bietet Räume, in denen wir uns die richtigen Fragen stellen können, gegenseitig oder allein. Bestenfalls ohne die Erwartung letzter Antworten.

 

Was liest Du derzeit?

Ovid, Lukrez, Ulrike Draesner, José F. A. Oliver

Kein Tag ohne Gedicht.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Verdächtig kurz scheint die Geschichte mancher Länder,

und ähnlich hier: Du weißt, dass du zu wenig ahnst.

Wissen ist Erfrischung für den casual Verwender.

So wie dein guter Freund mit seinem kargen Wanst

gibt es dir nie mehr Küsse, als du tragen kannst.

Denn eigentlich wird wesentlich sein, einen einzigen

Kuss zu verfolgen, wohin er dich immer bringt.

Dort seiend, weißt du, du erlebst nur einen winzigen

Teil alles anderen – doch der Teil singt.

(Ann Cotten: Verbannt!)

Vielen Dank für das Interview liebe Stéphanie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Stéphanie Divaret, Schriftstellerin

Foto_privat.

21.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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