„Die Literatur gibt in diesem Kontext Trost“ Brigitte Anna Oettl, Schriftstellerin _ Wien 30.11.2020

Liebe Brigitte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe bedingt durch Covid-19 (nach Kurzarbeit) im Juli meinen Arbeitsplatz als Trainerin/Coach verloren – das war das Beste, das mir passieren konnte. Nach einer kurzen, intensiven Jobsuche hatte ich plötzlich fünf Angebote und mich entschieden in meinen Grundberuf der Kommunikationsarbeit (Journalismus/Öffentlichkeitsarbeit) zurückzukehren. Bei den Überlegungen spielte wesentlich mit, dass wir noch länger in einer Pandemie leben würden und ich eine gewisse Stabilität für mich und meine Kinder (als Alleinerziehende) suchte. Seit September mache ich die Öffentlichkeitsarbeit für ein großes Architekturbüro und ich bin sehr glücklich damit. Ich arbeite bewusst nur Teilzeit; ich rechne meine Lebenszeit so: Die Woche hat sechzig (Wach)-Stunden, dreißig Stunden, also etwa die Hälfte der Arbeitswoche gehören der Erwerbsarbeit, der Rest der Zeit gehört mir – und damit meine ich auch den Kindern, dem Schreiben, dem Haushalt, der Bewegung, der Natur und meinen Freund*innen – mit wechselnder Reihenfolge und Prioritätensetzung.

Viel Zeit zum Schreiben bleibt allerdings nicht, das wird sich erst mit zunehmendem Alter der Kinder ändern, und ändert sich bereits allmählich (Teenager). Schreiben ist für mich Grundbedürfnis eines guten Lebens, als „In-der-Welt-Sein“, als Selbstvergewisserung und lustvolles Sprachspiel; mir geht und ging es nie um Veröffentlichung, aber natürlich ist es wunderbar, ein Stück weit das Innerste literarisch ins Außen zu bringen und mit eigenen Texten auch andere Menschen zu berühren.

Brigitte Anna Oettl, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Zuhören und das Hinhören, die Verbindung miteinander und der Zusammenhalt untereinander. In meinem Umfeld hat die Pandemie die Menschen wieder enger zusammenrücken lassen, es gab viele gute, qualitative Zusammenkünfte und sogar Versöhnungen. Auch mit sich selbst. Das ist die gute Seite der Krise. Oberflächliches, Unnötiges, Ungesundes, Überflüssiges fliegt raus. Egal ob beim Kochen, in Beziehungen oder in der Gestaltung der Arbeit und in der Selbstfürsorge – den bewussten und wertschätzenden Umgang mit unser aller Zeit halte ich für wesentlich im Leben allgemein.

Die Krise hat frühere Werte und Bedürfnisse, die im „Systemfunktionieren“ mit Arbeit, Kindern und Haushalt auf der Strecke geblieben waren, wieder in den Fokus gerückt. Wir haben hochwertig gekocht, im Hinterhof einen kleinen Garten angelegt, viel miteinander geredet, gute Musik gehört, getanzt und Federball gespielt. Und den restlichen (Waren-)Konsum weggelassen. Es braucht sehr wenig, um ein gutes Leben zu führen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Jetzt am Beginn des zweiten Lockdowns, der morgen in Kraft tritt, am Anfang eines dunklen Winters macht es mir wirklich Sorgen, die persönlichen Begegnungen mit Menschen (wieder) reduzieren zu müssen. Keine social media Plattform kann den direkten physischen Kontakt oder Umarmungen ersetzen. Aus eigener schmerzlicher Erfahrung als Alleinerziehende weiß ich, wie wichtig ausreichend Sozialkontakte, Intimität und Zärtlichkeit sind und wie schädlich tatsächlich Einsamkeit im Sinne mangelnder direkter sozialer Interaktionen ist. Das richtige Maß an Interaktion ist natürlich individuell verschieden; ich persönlich brauche viele Interaktionen, um gesund zu bleiben. Nicht umsonst gilt in manchen Ländern die Einsamkeit als anerkannte medizinische Diagnose. Auf sich selbst und einander gut aufzupassen, hinzuschauen, wie geht es den Leuten in meinem Umfeld, meinen Nachbar*innen und Freund*innen, halte ich für ein Grundbedürfnis der Menschen, und wenn dieses eingeschränkt oder gefährdet ist, müssen wir gegenhalten.

Die Literatur gibt in diesem Kontext Trost. Bücher sind wie gute Freunde, sagt meine Tochter, die eine Leseratte ist, und genauso verhält es sich auch für mich. Ich habe für gewisse Gefühlszustände sehr spezielle Lektürebedürfnisse, um in eine Welt einzutauchen, mir diese zu erschließen, die eigene zu bereichern, aufzubrechen oder zu erklären. Und sich damit in seiner Existenz selbst zu vergewissern. Literatur und Lesen machen Sinn. Literatur berührt uns. Literatur verbindet uns Menschen miteinander. Literatur macht uns vermutlich erst zu Menschen. Gesellschaftlich betrachtet hat Literatur natürlich auch die Aufgabe gegenzuhalten, gegen die Missstände einer Gemeinschaft oder der Weltpolitik etwa, gegen die Vereinnahmung oder den Missbrauch durch Machtverhältnisse und für das Aufbrechen problematischer Strukturen und Denkweisen. In erster Linie aber verbindet sie uns Menschen, auch im Diskurs.

Was liest Du derzeit?

Ich habe im Winter vor dem ersten Lockdown meine Bibliothek mit über Tausend Büchern vom Vorzimmer ins Wohnzimmer übersiedelt, dabei sehr viele Bücher weggegeben und gleichzeitig wieder viele in meine Wahrnehmung geholt. Seither lese ich sehr viel nach. Und ich lese gleichzeitig. Zur Zeit liegen „Flammenwerfer“ von Rachel Kushner, „Freiheit“ von Jonathan Franzen, „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky sowie Kurzgeschichten von Alice Munro und mehrere Titel von Virginie Despentes neben dem Bett. Allerdings bin ich eine untreue Leserin, wenn ich nicht berührt bin, lege ich ein Buch für eine gewisse Zeit oder auch ganz weg. Das habe ich mir vor einigen Jahren erlaubt. Auf dem Couchtisch liegen noch einige Gedichtbände von Rimbaud und Baudelaire, „Die Dinge“ von Georges Perec sowie „1984“ von George Orwell und „Salz auf unserer Haut“ von Benoite Groult, ich konnte einfach nicht widerstehen, sie kürzlich aus dem offenen Bücherschrank mitzunehmen. Meine Lektüre ist sehr vielseitig.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Etwas zum Schmunzeln: „Du denkst also darüber nach, und dein Mut verlässt dich irgendwann, wenn du begreifst, in was für einem Chaos wir leben und welche Kleinigkeiten uns an der Oberfläche halten. Je mehr du nachdenkst, desto mehr Gründe gibt es, besorgt zu sein. Logisch, nicht wahr, es wäre total blöd, wenn dich bei dem Gedanken, dass heute früh irgendwo ein Auto aus einer Garage gefahren ist, um dich umzubringen, Euphorie ergreifen würde, der Pfeil ist abgeschossen und so weiter. Du begreifst, dass man nur sorglos und ruhig leben kann, wenn man seine Birne nicht dafür nutzt, die Dinge miteinander in Verbindung zu bringen. Dann braucht man nicht ständig Schiss zu haben, während alle anderen an diversen Ängsten und anderen Syndromen leiden. Du kapierst, dass die Situation verkehrt ist, dass die Irren ganz okay im Kopf sind und dass die Gesunden eigentlich irre sind, verstanden?“

(Aus: „Stalins Birne“ von Edo Popovic)

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitte, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich habe zu danken! Alles Gute und bleib gesund, lieber Walter!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitte Anna Oettl, Schriftstellerin

https://oettl.wordpress.com/person-2/

Foto_privat.

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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