„A place where things stay frozen and a place where they are sweet“ Tanja Schwarz, Schriftstellerin_ Hamburg 28.11.2020

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht wirklich anders als zu anderen Zeiten. Ich schmeiße die Kinder aus den Betten und schiebe sie zur Tür hinaus. Ich sortiere mich und arbeite zu Hause an meinen Texten. An einzelnen Tagen ziehe ich maskiert in die pandemische Welt hinaus zum Geldverdienen. An wieder anderen radle ich weit aus der Stadt hinaus, wo Hamburg ländlich wird. Dort wohnt erstens in einer Hütte am Elbstrand, hinter dem Deich eine alte Dame, die ich für ein Theaterprojekt interviewe. Sie erzählt mir ihr ganzes, fast 92-jähriges Leben. Zufällig in die gleiche Richtung, am Zollenspieker in Vierlanden, liegt mein Acker. Den bewirtschafte ich nebenbei, eine kleine Teilzeit-Ranch mit Obst, Gemüse und massenhaft Wildwuchs. Im Sommerhalbjahr schreibe ich auch da draußen. In der Lockdown-Situation ist es natürlich toll, ein Stück Land mit einem bewegten Himmel drüber zu haben.

Tanja Schwarz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns gegenseitig nicht aus den Augen, aus dem Sinn zu verlieren. Es sind herausfordernde Zeiten, in denen wir uns kaum der Zusammengehörigkeit versichern und uns unbefangen austauschen können. Dann jeden Tag schreckliche Nachrichten von Terror, Hass von rechts, von religiösen Extremisten, gegen Juden, Flüchtlinge, LGBT-Menschen. Geköpfte Politiklehrer, und erst gestern Abend bewaffnete Islamisten in Wien. Sich davon nicht einschüchtern, vereinzeln und entmutigen lassen ist schwer. Wenn ich merke, ich ersticke in schlechten Nachrichten, packe ich das Handy tief in die Tasche und radle auf den Acker hinaus. Erinnere mich im Lauf des Tages an diese allein lebende Freundin, jenen afghanischen Jungen, der allein nach Deutschland gekommen ist und unbedingt Abi machen will. Zu denen nehme ich dann an diesem Tag Kontakt auf. Wie geht es dir? Was machst du so? Die sozialen Medien sind dann tatsächlich der Kommunikationskanal der Stunde. Telefonieren mag ich nicht so gern. Oder ich lade mal jemand ein, mit nach draußen zu kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich  zu?

Kunst und also auch Literatur muss zeigen, dass sie unverzichtbar ist. Dass wir uns mittels Kunst unserer selbst versichern. Vermitteln zwischen den ganzen Blasen und Einzelzellen, in denen wir feststecken. Es gibt einen großartigen Schwung von Büchern junger, nicht-weißer, politisch ganz wacher und entschiedener Autorinnen. Die bedeuten mir sehr viel, machen Hoffnung: Mely Kiyak, Kaśka Bryla, Ronya Othmann, Olivia Wenzel, Deniz Ohde. Und das sind längst nicht alle. Ist es nicht toll, dass es eine so lange Liste ist, von welthaltigen, sprachlich anspruchsvollen, eigenwilligen Texten? Die wirklich was zu erzählen haben? Als ich mein Studium abschloss, war in der deutschen Literatur die Rede vom „Fräuleinwunder“. Bei dem Wort schon klappte mir das Messer auf. Insofern bewegen wir uns literarisch in einer interessanten Gegenwart. Aber nicht nur deutschsprachig schreibende Frauen lese ich, nein. Edouard Louis habe ich entdeckt, den jungen Franzosen. Amos Oz wartet, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Ich hätte gern ein paralleles Lese-Leben ohne irgendwelche Verpflichtungen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe GRM – Brainfuck von Sibylle Berg angefangen. Ihre Kraft pustet mich wirklich um! Auf ihre radikale Art empfinde ich sie als sehr zärtlich.

Anne Webers Annette – Ein Heldinnen-Epos – habe ich mir auch bestellt.

Um die Erzählungen meiner alten Dame einordnen zu können, lese ich eine großartig lesbare Zeitgeschichte von Harald Jähner: Wolfszeit, gerade bei Rowohlt erschienen. Er beleuchtet das unmittelbare Nachkriegsjahrzehnt in Deutschland, 1945-1955, zwischen Kapitulation, Besatzung durch die Alliierten und Gründung der Bundesrepublik bzw. DDR. Das ist sehr interessant. Im täglichen Überlebenskampf zwischen Schwarzmarkt, komplett zerstörten Städten, der Allgegenwart entwurzelter Menschen hat man die Frage nach den Millionen Opfern des Nationalsozialismus gar nicht gestellt. In der „schweren Zeit“ fühlten sich alle als Opfer. Die Verantwortlichen waren irgendwelche bizarr bösen und besessenen Nazifunktionäre. Weder die Wehrmachtssoldaten, die halbtot aus Russland zurückkehrten, die Frauen, die den täglichen Mangel an allem ausgleichen mussten, die Männer, die zu alt fürs Kämpfen gewesen waren und nur aus Pragmatismus „in der Partei“, die Vertriebenen aus Polen, sie alle fühlten sich als Überlebende, als Opfer. Wenn dazwischen Überlebende aus den Lagern oder entlassene Zwangsarbeiter herumliefen, waren sie eigentlich Fremdkörper. Ihr bloßes Vorhandensein beschämte und störte eigentlich. Gar nicht hoch genug kann man die zivilisatorische Leistung der Alliierten, insbesondere der USA anrechnen. Deutschland hatte wirklich ganz unverdientes Glück, auf eine so großmütige und großzügige Art demokratisiert zu werden. Das ist vielleicht zur Stunde auch etwas, das man sich vor Augen halten kann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Gedicht! Ich fand es vor ein paar Monaten im New Yorker. Es ist von Christian Wiman.

I Don’t Want to Be a Spice Store

I don’t want to be a spice store.
I don’t want to carry handcrafted Marseille soap,
or tsampa and yak butter,
or nine thousand varieties of wine.
Half the shops here don’t open till noon
and even the bookstore’s brined in charm.
I want to be the one store that’s open all night
and has nothing but necessities.
Something to get a fire going
and something to put one out.
A place where things stay frozen
and a place where they are sweet.
I want to hold within myself the possibility
of plugging one’s ears and easing one’s eyes;
superglue for ruptures that are,
one would have thought, irreparable,
a whole bevy of non-toxic solutions
for everyday disasters. I want to wait
brightly lit and with the patience
I never had as a child
for my father to find me open
on Christmas morning in his last-ditch, lone-wolf drive
for gifts. “Light of the World” penlight,
bobblehead compass, fuzzy dice.
I want to hum just a little with my own emptiness
at 4 a.m. To have little bells above my door.
To have a door

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Schwarz_Schriftstellerin

https://www.forum-hamburger-autoren.de/autorinnen-autoren/tanja-schwarz/

Foto_Marc Wortmann

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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