„Am Wichtigsten wäre jetzt praktische Solidarität. Einsicht in gemeinsame Interessen und dann kämpfen“ Philipp Böhm, Schriftsteller _ Berlin 9.11.2020

Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schlafe so lang es geht, trinke Kaffee unterwegs und gehe noch etwas verballert zur Arbeit. Nachmittags setze ich mich an meine Texte, überarbeite, mache Notizen, Skizzen und recherchiere zu Fettbergen, Schlafhaien und spiritistischen Fotografien der 20er Jahre. Das ist schön.

Philipp Böhm

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf die Pandemie bezogen gibt es meiner Ansicht nach kein „Wir alle“. Ich halte die Reden von der Krankheit, die uns „alle gleich macht“, für falsch. Die Krankheit setzt nicht alle auf einen Status universeller Verletzbarkeit zurück, sie macht vor allem die Unterschiede deutlich: Klassenunterschiede und damit verbunden rassistische Strukturen, traditionelle Geschlechterrollen, die in Zeiten des Rückzugs aus dem öffentlichen Raum noch stärker forciert wurden. Es macht eben doch einen großen Unterschied, ob man nicht raus kann und aber gleichzeitig auf einem geräumigen Balkon hockt oder in einer viel zu kleinen Wohnung. Ob man im Home-Office arbeiten kann oder jeden Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit muss. Ganz banale Sachen eben. Deshalb: Am wichtigsten wäre jetzt praktische Solidarität. Und das heißt nicht Charity, sondern Einsicht in gemeinsame Interessen und dann kämpfen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sehe ich nicht, eher eine Verschärfung dessen, was davor schon da war. Ich hatte das Gefühl, es gab ein kurzes Zeitfenster, in dem mehr Menschen über Arbeit, Alltag und wie man das alles anders organisieren könnte, nachgedacht haben – aber das ist vorbei. Es waren wieder die am lautesten, die meinten, es wäre jetzt am allerwichtigsten, dass alle wieder arbeiten, dass alles möglichst schnell wieder so werden soll, wie es vor der Pandemie war.

Und was die Literatur angeht: Die Literatur wird ohnehin andauernd mit Aufgaben belastet, für die sie nicht da ist. Die Literatur sollte vor allem erst einmal nicht langweilig sein. Das ist übrigens sehr viel mehr, als es im ersten Moment scheinen mag. Ansonsten finde ich sie da am interessantesten, wo sie nichts will und dadurch alles fordert.

 

 

Was liest Du derzeit?

„Tenth of December“ von George Saunders, „Zolitude“ von Paige Cooper, 70er Jahre Comics von Philippe Druillet und ein Sachbuch über Okkultismus. Alles sehr gut.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin nicht mehr so gut im Sentenzen-Game, wie ich es mal war, aber dieses Zitat von Arno Schmidt geht immer: „Das Leben des Menschen ist kurz. Wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren!“

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Philipp Böhm, Schriftsteller

https://www.verbrecherverlag.de/author/detail/320

Foto_privat.

 

 

21.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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