„Sich nicht von Angst lenken lassen. Sich nicht ausbeuten lassen.“ Elena Messner, Schriftstellerin_Wien 8.11.2021

Liebe Elena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich recherchiere, schreibe, lese, organisiere – und versuche mich von den Klängen der Lockdown-Drohungen und Ähnlichem (noch) nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Derzeit stelle ich mit KollegInnen eine wissenschaftliche Veranstaltung zum Heeresgeschichtlichen Museum in Wien und ein theaterpolitisches Forum in Klagenfurt auf die Beine, entwickle ein Veranstaltungsformat im Sinne eines literarisch-politischen „Realitätschecks“ für das Wiener Literaturhaus, plane mit ein paar Kolleginnen eine feministische Veranstaltungsreihe, schreibe außerdem an meinem vierten Roman und an einigen Essays. Der Austausch mit Anderen hat sich insgesamt stark ins Virtuelle oder aufs Telefonieren verlagert, wie das ja bei vielen Menschen gerade der Fall ist. Aber gerade die literarische und die politische Auseinandersetzung, egal ob in Form von Kunst, Literatur oder Wissenschaft, auch wenn sie jetzt im „soften Lockdown“ wieder nur beschränkt lebbar ist, schützt vor Isolation, schützt vor Frustration.

Elena Messner_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Überhaupt zu verstehen, zu spüren, zu wissen, was für einen eben „besonders wichtig“ ist. Und dann dieses „Wichtige“, dieses „Besondere“ zu erhalten. Sich nicht „Hedonismus“ vorwerfen zu lassen, weil man einen Alltag aufrechtzuerhalten versucht, der mehr ist als Essen, Schlafen, Arbeiten und das Totschlagen von Zeit dazwischen. Sich nicht von Angst lenken lassen. Sich nicht einteilen zu lassen in „systemrelevant“ und nicht „systemrelevant“. Sich nicht ausbeuten lassen. Zu erkennen, dass und wie andere ausgebeutet werden und dagegenzusteuern, wo man kann.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke nicht, dass ein Neubeginn, oder ein Aufbruch im positiven Sinne ansteht. Weder politisch noch sozial. Diese globale „Gesundheitskrise“ hat die Schwächsten noch mehr geschwächt: Frauen, MigrantInnen, SchlechtverdienerInnen, prekär Beschäftigte, KleinunternehmerInnen, Kinder und Jugendliche. Denken wir nur an das Problem der Pflege, an Kindererziehungspflichten und Schulschließungen, an die gestiegene Arbeitslosigkeit und die neu auferstandenen Nationalgrenzen. Die neue Rolle der Kunst und Literatur wird also eine uralte bleiben, denn es ist ja  gesellschaftlich nichts Neues in Sicht. Die zentrale, alte Rolle, die man im marktorientierten Kulturbetrieb oft gerne übergeht, wird aber hoffentlich wieder mehr Relevanz erhalten, denn Literatur könnte zukünftig stärker ein kritisches, ein aufrüttelndes, ein ästhetisch spannendes Beschreibungs- und Analysemittel sein, das Utopien, Angstfreiheit, Hoffnungsdenken entwirft, das aber auch gegen jede – und zwar v.a. gegen politische – Naivität angeht. Ganz im Sinne der unten zitierten Christa Wolf: scharf, genau, zupackend, veränderlich.

Was liest Du derzeit?

Viel Ivan Cankar. Und kreuz und quer allerlei Anderes: Aufsätze zur Militärgeschichte Österreichs. Zur Romantheorie. Zur flexiblen neoliberalen Subjektivität, globalen Reality Show, Knechtschaft als Lust. Zum Judentum in Galizien, beäugt durch Alexander Sacher-Masoch. Zum Reisen in die Zukunft.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Und doch hat man die Ahnung, dass es sie geben müsste: eine Gattung, die den Mut hat, sich selbst als Instrument zu verstehen – scharf, genau, zupackend, veränderlich –, und die sich als Mittel nimmt, nicht als Selbstzweck. Als ein Mittel, Zukunft in die Gegenwart hinein vorzuschieben.“

– Christa Wolf, „Weltbilder“ aus „Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen, 1972

Vielen Dank für das Interview liebe Elena, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elena Messner, Schriftstellerin

https://www.elena-messner.com/

Foto_privat

29.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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