„Musik hilft in schwierigen Zeiten, da sie unsere Emotionen direkt anspricht“ Nicolas Legoux, Sänger _ Wien _ 5.11.2020

Lieber Nicolas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während dem ersten Lockdown haben wir uns dazu entschlossen einen jungen Hund zu adoptieren. Das wäre davor allein zeitlich nie möglich gewesen. Und seitdem habe ich einen regelmäßigeren Tagesablauf als je zuvor.

Lange schlafen ist zum Beispiel jetzt nicht mehr möglich – wenn Gizmo (inspiriert von „Gremlins“, genau so süß und hat es faustdick hinter den Ohren) raus will, dann will er raus.

Danach teilt sich der Tag in Hund füttern, Fitnesstudio, mit Hund spazieren gehen, Emails bearbeiten, Hund füttern, singen üben und neue Stücke/Partien lernen und Hund füttern und mit ihm spazieren gehen. Wenn der Hund es erlaubt, dann bleibt noch etwas Zeit für japanisch lernen (nur noch online) und Taiji.

Was schmerzt und fehlt sind die Auftritte vor Publikum. Jeder Tag, den ich früher mit einem Konzert, oder als Teil einer Oper beenden durfte war etwas Besonderes und hat unglaublich viel Kraft und Energie gegeben.

Dafür bleibt jetzt etwas mehr Zeit um zu lesen und Filme anzusehen – und die Listen der Bücher und Filme, die ich unbedingt lesen und sehen will werden aktuell zumindest nicht länger.

Nicola Legoux, Sänger_Bass_Bariton

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig, dass wir langsam lernen mit dem Virus zu leben. Zu denken, dass er irgendwann wieder verschwinden wird ist wohl illusorisch – wir werden uns arrangieren müssen, so wie wir es ja auch bisher mit unzähligen Krankheiten und Viren (relativ) problemlos geschafft haben. Dabei hilft aber die ganze Panikmache und das Zerstören der Wirtschaft kein bisschen. Leider ist es mittlerweile ja schon fast unmöglich, herauszufinden, was tatsächliche Fakten sind – die Kehrseite der Medaille der unmittelbaren Verfügbarkeit sämtlicher Informationen und vor allem von Social Media.

Abgesehen davon hilft es sicher auch, wenn wir wieder etwas mehr darauf achten, wie wir uns ernähren. Weniger Junkfood und nicht immer nur das Billigste. Auf einen Markt gehen, regionale Produkte kaufen (das hilft auch der lokalen Wirtschaft). Eine Rückkehr zu Qualität vor Quantität. Es fällt einem gesunden, kräftigen Körper immer leichter, sich gegen Krankheiten zu verteidigen.

Nicola Legoux, Sänger_Bass_Bariton

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Der zweite Lockdown steht vor der Tür, und es geht wieder darum, füreinander da zu sein, anderen zu helfen (z.B. einkaufen gehen für ältere Nachbarn). Aber nicht nur die Erledigungen, vor allem den sozialen Kontakt aufrecht halten. Niemand soll vereinsamen, daher halte ich „social distancing“ für völlig falsch. Wo nötig und möglich Abstand halten, aber man kann sich von Balkon zu Balkon, Fenster zu Fenster oder zur Gasse oder in Parks mit genug Abstand wunderbar unterhalten. Menschen brauchen mehr soziale Nähe, nicht noch zusätzliche Distanz.

Musik, ja Kunst generell wird nach wie vor viel zu gering geschätzt. Es haben schon andere vor mir gesagt, aber es ist wichtig: jeder der denkt, dass Künstler doch besser was „richtiges“ arbeiten und einen „ordentlichen“ Beitrag leisten sollen, der möge doch mal versuchen einen Lockdown ohne Musik, Bücher, Filme, Bilder, Computerspiele, …  länger als einen Tag durchzuhalten. Bei den meisten beginnt die Panik ja schon, wenn das Handy mal keinen Empfang hat.

Literatur ist eine unendliche Quelle an Erfahrungen und Inspiration für unser Leben.

Und gerade Musik hilft in schwierigen Zeiten, da sie unsere Emotionen direkt anspricht. Musik ist Kraft, Musik animiert, hilft bei der Heilung (physisch und psychisch), Musik ist wohl tatsächlich beinahe omnipotent.

Nicola Legoux, Sänger_Bass_Bariton

Was liest Du derzeit?

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal

Eine spannende Geschichte von einer Netsuke Sammlung (Japanische Miniskulpturen-Kunst) die innerhalb der Familie Ephrussi (eine der reichsten Familien der letzten zwei Jahrhunderte) von Paris in der Zeit von Monet und Proust nach Wien in der KuK Zeit bis zum Autor und heutigen Besitzer in London wanderte. Man konnte diese einmalige Sammlung bis vor kurzem in Wien im jüdischen Museum bewundern.

Nicola Legoux, Sänger_Bass_Bariton

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus dem Buch: “Homo Deus: A Bief History of Tomorrow” von Yuval Noha Harari

“In the Middle Ages, the outbreak of a plague caused people to raise their eyes towards heaven, and pray to God to forgive them for their sins. Today, when people hear of some new deadly epidemic, they pick up the phone and call their broker. For the stock exchange, even an epidemic is a business opportunity.”

Zum Nachdenken, wem diese Pandemie nützen könnte…

Vielen Dank für das Interview lieber Nicolas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nicolas Legoux, Sänger -Bass/Bariton

http://www.awvk.at/bios/n_legoux.htm

Fotos_Walter Pobaschnig _ Palais Auersperg_Wien 21.10.2020

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s