„Ohne Kunst sind wir tot“ ONA-B Künstlerin_Wien 4.11.2020

Liebe ONA-B, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Unregelmäßig. Ich bin nachtaktiv – gerne arbeite ich im Bett. Schreiben und konzeptuelle Arbeit ist im Liegen am besten. Manchmal arbeite ich auch schon sehr früh – ab 2h morgens ist es schön still, da wird man wenig von Tagesgeräuschen oder Telefonaten gestört und die Konzentration auf das Wesentliche fällt leicht.

Im Sommer schwimme ich gerne früh morgens oder bei Sonnenuntergang. Leider war der Ort, den ich dafür bevorzuge, sehr frequentiert. Viele machten Ferien in der Nähe und nicht im Ausland. Das wirkte sich auf viele stille Gegenden aus und sie waren nicht mehr still.

Stille ist mir wichtig – auch als Gegensatz zur Musik, die ich mache. (derzeit wieder gemeinsam mit Robert Michael Weiss und ) Ich schlafe und träume sehr gerne, doch wenn mich eine Idee oder ein Traum wach macht, arbeite ich sofort daran weiter. Träume sind wesentlich für mich und fließen in meine Kunst ein.  Im Sommer ist mein Garten mein Wohnzimmer und mein Atelier. Etwas verwildert mit Naturwiese und alten Bäumen. Hier baue ich meine Objekte, male an großen Formaten oder schreibe.

Im Close Down habe ich noch mehr gearbeitet, weil ich nicht abgelenkt war. Zudem konnte ich mein neues Atelier renovieren ohne viel Zeit zu verlieren.

Außerdem habe ich mein Projekt „Cor.ONA Diary Mask 2020 by ONA B.“ reaslisiert. Ich verarbeite damit Lock Down, Corona – Pandemie, Maskenpflicht, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen und deren Auswirkungen. Der Identitätsverlust durch die Maske erzeugt Handlungs-bedarf: auf meiner ersten selbst genähten Maske habe ich mit Lippenstift meine Lippen nachgezogen. Das Foto davon – auf Facebook gepostet – führte zu Anfragen von Freunden für die ich anschließend eine eigene Maskenserie mit appliziertem Mund produzierte. Gegen die Anonymität und Sprachlosigkeit.

2020 habe ich wieder meine Arbeit an kurzen Filmen, wie „face 2 face“ und „Second Sight“ fortgesetzt. Derzeit arbeite ich an meinem dritten Film dieses Jahr mit dem Titel „White Shadows“. Es ist eine Trilogie in Rot, Schwarz und Weiß.

Ich denke auch daran meine „Schundnovellen und Rezepte“ wieder fortzusetzen. Es ist herrlich ironisch sein zu dürfen.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Freude, Selbstbestimmung. Kontakt mit Freunden. Ein gutes Auskommen. Ideenrealisierung. Zusammenhalt. Die Arbeit. Erholung. Positive Impulse. Wendigkeit. Gelassenheit. Respektvoller Umgang miteinander. Humor. Die Möglichkeit zur Arbeit. Aufmerksamkeit. Wachsamkeit. Unterstützung. Menschlichkeit, Mitgefühl. Zuneigung und Interesse zeigen. Liebe zu sich selbst. Authentisches Leben. Die Natur. Gutes Essen – biologisch am besten. Angenehme Augenblicke genießen. Das Schöne im Kleinen sehen.

 Ich fahre wahrscheinlich dieses Jahr auch nicht ins Ausland. Vor wenigen Tagen ist die Kunstmesse in Thessaloniki wegen einer zweiten Covid – Welle abgesagt worden. Und soeben habe ich erfahren, dass auch die Kunstmesse in der Hofburg nicht stattfinden wird. Noch eine Ausstellung 2020 weniger für mich ! Ich habe das Gefühl, dass den KünstlerInnen immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Eigeninitiative und Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Andere Türen öffnen sich. Off – spaces sind aktiv. Künstler und Künstlerinnen stellen sich gegenseitig in ihren Ateliers aus, machen aufeinander aufmerksam. In meinem Atelier werden auch transmediale Ereignisse mit Schauspielern, Schriftstellern, Musikern und bildenden Künstlern stattfinden. Auch am 8.9.2020 abends wird etwas statt finden.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Meine Kunst und mein Leben sind untrennbar. Ich sehe alles durch die Kunst. Wir alle sind umgeben von Kunst. Viele merken es gar nicht, aber ohne Kunst sind wir tot. Alles ist gestaltet, manches gut, manches schlecht. Musik, Literatur, Filme, Bilder, Architektur umgeben uns. Vieles davon ist so selbstverständlich, dass es nicht mehr wahrgenommen wird. Österreich wird als Kulturnation verkauft und im Ausland auch so wahrgenommen. Der Kultur und den Produzenten der Kultur sollte – jetzt und immer – mehr Aufmerk-samkeit als bisher zukommen! Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle wäre längst fällig. Wenn sich Politiker / Innen nicht dazu durchringen können, dann sollen sie das zumindest für alle Künstler/ Innen ermöglichen! Die Kunst ist der Nerv der Gesellschaft. Und ihr Gewissen. Politiker / Innen  sollten sich von den Künstler/ Innen inspirieren lassen !

Es wurde versucht einen Keil in die Gesellschaft zu treiben und system-relevante von nicht systemrelevanten Berufen zu trennen. Das ist grober Unfug. So wie auch die komplette Isolierung alter und kranker Menschen jedem humanitären Denken widerspricht. Die vermehrte Benützung von Karten statt Bargeld, die vor der Pandemie schützen soll, erhöht die Kontrolle über den Einzelnen. WIr Künstler / Innen haben die Rolle der Aufzeiger, die wachsam auf solche Entwicklungen achten und sie aufzeigen. Wir müssen unbequem sein.

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Was liest Du derzeit?

Nochmals das Floss der Medusa von Franzobel, der vor vielen Jahren mein Ateliernachbar war.  Die Geschichte ist sehr spannend und wirft Fragen auf wie: Was bedeutet Moral, was Zivilisation, wenn es um nichts anderes geht als ums bloße Überleben?“  Und ich lese wiederholt eine unglaubliche Rede von John F. Kennedy aus dem Jahr 1961, die er 2 Jahre bevor er einem Attentat zum Opfer fiel, vor Presseleuten hielt. Ich lese die Kochbücher „Palästina“ und „Jerusalem“ und gerne immer die „Zeit“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Passage aus Kennedys Rede von 1961: Wir haben es mit einer monolithischen und ruchlosen weltweiten Verschwörung zu tun, die ihren Einfluss mit verdeckten Mitteln ausbreitet: mit  Infiltration statt Invasion, mit Umsturz statt Wahlen, mit Einschüchterung statt Selbstbestimmung, mit Guerillakämpfern bei Nacht statt Armeen am Tag. Es ist ein System, das mit gewaltigen menschlichen und materiellen Ressourcen eine komplexe und effiziente Maschinerie aufgebaut hat, die militärische, diplomatische, geheimdienstliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Operationen verbindet. Ihre Pläne werden nicht veröffentlicht, sondern verborgen, ihre Fehlschläge werden begraben, nicht publiziert, Andersdenkende werden nicht gelobt, sondern zum  Schweigen gebracht, es werden keine Ausgaben in Frage gestellt, kein Gerücht wird gedruckt, kein Geheimnis wird enthüllt.“

Das hat Kennedy am 27. April 1961 im Waldorf Astoria Hotel in New York City vor Zeitungsverlegern – der American Newspaper Association – gesagt. Ich finde das erstaunlich. Kennedys Rede befasst sich mit einem Thema, das nicht aktueller sein könnte: die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit. Was können und sollen die Medien in einer Gesellschaft leisten und ab wann gehen Grenzen der Berichterstattung in die Einschränkung der Pressefreiheit über?  Kennedy bricht hier mit der Tradition seiner Vorgänger Eisenhower und Truman. Außerdem ist zu bedenken, dass sich die USA im sogenannten „Kalten Krieg“ mit der Sowjetunion befunden hat. Kennedys Vision von der wechselseitigen Zusammenarbeit einer Presse, die die Regierungsarbeit kontrolliert und einer Regierung, die auf Kritik der Presse in angemessener Weise reagiert und ihren Kurs anpasst, sind bis heute in den USA keine Wirklichkeit geworden. Siehe auch die scharfe Verfolgung Edward Snowdens.

Zum Schluss noch etwas von mir: „Ob ich etwas mag, kann ich prüfen, indem ich mich frage: ist es intelligent, elegant, witzig, sexy und bequem? Ob etwas wichtig ist, stellt sich heraus, wenn man es nicht mehr hat und es unbedingt wieder gewinnen will.

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Vielen Dank für das Interview liebe ONA B, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank und alles Gute, ONA!

5 Fragen an KünstlerInnen

ONA_B_Künstlerin

http://www.ona-b.com/

Fotos_Filmstills aus „face to face“ ONA B. 2020/Zusammenarbeit_Beo-Film, Musi: Robert Michael Weiss

21.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Ohne Kunst sind wir tot“ ONA-B Künstlerin_Wien 4.11.2020

  1. Liebe Ona,
    wenn ich mich an die Ausstellung deiner Werke im Durchhaus erinnere,war Sex, Erotik und Provokation in meinem Kopf.Wenn ich die „Broschüren in Rot“ durchblättere tritt Traumhaftes und unterschwellig berührendes Rot in den Vordergrund.
    Es ist ein Einfluss,ein Dialog mit Farbe und Gegenständen,der deine Kunst mir näher bringt.
    Krücken,Damenschuhe,Rollstühle als Faustschlag,Aufforderung und Wegweiser zu Schwachstellen in mir,die gleichsam aufrühren wie auch anziehen…im Tank..
    Danke für deine Kunst.
    Konrad

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    • Lieber Konrad,
      ich danke Dir für Deinen Kommentar ! Die meisten Bilder in der Ausstellung im „Durchhaus“ mit dem Titel „Unbequem im Durchhaus“, die Du angesprochen hast, waren aus den Serien „Wagner Extase“ (für Paulus Manker) und „Turkish Delight´s“. Es sind oft politische Machtverhältnisse, die mich beschäftigen, die ich kritisch betrachte und in meiner Kunst ironisch kommentiere. Soft-Porno-Kinowerbung aus Istanbul aus den 1970er und 1980er waren hier die Grundlage dafür. Durch Übermalung und Verwendung von Parolen aus der „Occupy Wall Street“ Bewegung einerseits und andererseits mit Textfragmenten aus Wagner-Opern, die ich als neue Filmtitel in die Bilder gesetzt habe, wollte ich den Frauen neue Bedeutung geben, sie von Objekten zu Heldinnen werden lassen. Es war auch meine Reflexion der Situation in den USA und anderen in ihrer Demokratie gefährdeten Ländern.
      Meine Objekte mit den Krücken in Kombination mit Stöckelschuhen sind ein Konzept die Gegensätze des Lebens gleichzeitig sichtbar zu machen. Einerseits die Krücke als Symbol für Armut, Behinderung, Alter und Einsamkeit – andererseits der Stöckel als Zeichen für Attraktivität, Jugend, Reichtum und Luxus. Ambivalenz ist immer vorhanden.
      Alles Gute für Dich ! ONA

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