„Wir brauchen eine zeitgemäße politische Literatur“ Alexander Graeff, Schriftsteller _ Berlin 24.10.2020

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Juli und August sind bei mir immer Schreibmonate, in denen ich mir Zeit nehme für meine eigene Literatur. Auch in diesem Jahr habe ich an meinem Romanmanuskript gearbeitet. In den Monaten davor war der tägliche Ablauf natürlich stark beeinträchtigt durch die coronabedingten Einschränkungen. Nach dem Messe-Reinfall Mitte März bedeutete dies monatelang zuhause zu bleiben, stündlich die Pandemie-Dashboards zu studieren, komische Träume zu träumen, zu viel Junkfood zu essen und unter der Tatsache zu leiden, eine Fernbeziehung zu haben. Ich bin froh, dass diese Phase vorbei ist.

Alexander Graeff _ Foto _ Charlotte Werndt

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle wichtig ist, kann ich nicht beantworten. Für uns alle dringlich und politisch notwendig ist meiner Meinung nach, dass wir noch mehr strukturelle Probleme unserer Gesellschaft aufdecken; den queeren Blick kultivieren; dahin schauen, wo es weh tut. Wenn ich mir die Debatten der letzten Wochen anschaue, scheint dies vor allem die Sprache zu sein.

Krisen stören die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten. Insofern macht auch die Corona-Krise deutlich, wie stark patriarchal verfugt unsere Gesellschaft immer noch ist, wie familialistisch Sozialpolitik ist und wie zutiefst hierarchisch Arbeit und berufliche Qualifikation gedacht werden. Die Frage nach Systemrelevanz zum Beispiel sollte fortlaufend gestellt werden.

Auch die vielfältigen Vernetzungen einzelner Bereiche einer Gesellschaft werden durch die Krise deutlich. Man kann – wie man es verwaltungsdeutsch gewohnt ist – eben nicht einfach nur ein weiteres Hygienerahmenkonzept veröffentlichen, darin von Praxisnähe sprechen und dann nicht berücksichtigen, dass geforderte Mindestabstände in den Berliner U-Bahnen ebenso wie in den meisten soziokulturellen Zentren der Stadt schlicht und ergreifend Unsinn sind. Insbesondere, wenn die Räume, in denen sich die Menschen aufhalten, eng sind und begrenzt (wurden).

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst verhandeln kulturelle Symbole, die nie unabhängig von sozialen Normen und Kontexten entstehen. Diese Symbole können den gesellschaftlichen Status Quo wieder und wieder aktualisieren oder den normativen Symbolkanon einer Gesellschaft stören, herausfordern, dekonstruieren. Die Kunst tut das schon ganz gut, finde ich, die Literatur in Deutschland hinkt aber dreißig Jahre hinterher.

Es wird also höchste Zeit, die oben erwähnten Strukturen und Vernetzungen in der Literatur zu thematisieren. Nicht, weil ich denke, dass dies Aufgabe der Literatur sei. Sondern weil ich denke, dass eine Literatur, die das tut, auch den Lebensrealitäten von Leser*innen entspricht, vielfältige Identifikationen ermöglicht und Sinnbezüge sichtbar macht, die in der Vergangenheit kulturbedingt unsichtbar gemacht wurden.

Konkret: Wir brauchen mehr Literatur über weibliche Körper, überhaupt über Körper jenseits der maskulinen Mythenproduktion. Wir brauchen mehr Literatur über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, mehr Literatur über Klassismus, Rassismus und Antisemitismus – mehr feministische Literatur, mehr queere Literatur usw. usf.

Wir brauchen eine zeitgemäße politische Literatur, die den hegemonialen Symbolkanon durchqueert, Strukturen und soziale Verfugungen sichtbar macht und so kritische Unterhaltung ermöglicht.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade mit Chris Kraus‘ »Torpor« begonnen. Davor habe ich Christian Metz‘ hervorragenden poetologischen Essay »Beugung« gelesen. Wichtiger Text!

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerne einen aus dem oben erwähnten Essay:

»Politisch engagierte Lyrik behauptet also keinen sicher abgegrenzten, distanzierten Ort poetischer Autonomie mehr für sich, von dem aus sie die Welt und die Mitmenschen reflektieren könnte. Vielmehr besteht ihr Engagement in der fortlaufenden, gegenseitigen Verschränkung des Eigenen mit dem Fremden. […] Das Fremde ist nicht länger das Ausgegrenzte. Grenzen sind aber auch nicht einfach aufgehoben. Dichten ist nicht gleich Politik oder Ökonomie. In der Poesie interferiert […] das Fremde […] gleichwertig mit dem Eigenen und entfaltet sich so im Vielfältigen […]. Statt eine Metaposition oder gar Autonomie in Anspruch zu nehmen, verortet sie das Dichten gleichwertig im Miteinander- und Ineinanderfließen relationaler Diskurse.« (Christian Metz: Beugung. Verlagshaus Berlin, 2020. S. 25.)

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Graeff, Schriftsteller

https://alexander-graeff.blogspot.com/

Foto_Charlotte Werndt

 

 

19.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s