„Ich hoffe, dass in der Kunstwelt ein Aufbruch im Sinne von Öffnung stattfindet“ Doris Schamp_Bildende Künstlerin _Wien _ 22.10.2020

Liebe Doris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht sehr stark verändert. Durch die eingeschränkte Reisetätigkeit bin ich ein wenig sesshafter geworden, denn diesen Sommer wäre ich wieder nach Los Angeles geflogen.

Ich habe seit April einen Hund, der den Tagesablauf wahrscheinlich mehr verändert als die Corona-Krise selbst, und das auf eine sehr positive Weise.

117878561_1041451892941399_2426828491956567026_n

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt ist es besonders wichtig, ein gutes soziales Netzwerk zu haben, das einen durch diese herausfordernde Zeit trägt.

Menschen, die alleine leben, fallen die Einschränkungen der sozialen Möglichkeiten sehr viel schwerer als denen, die eine Familie oder einen Partner haben. Es ist wichtig, dass wir uns alle um diese Leute kümmern, auch wenn es nur ein Anruf ist, um zu fragen, wie es dem anderen geht. Ein Zusammenhalt ist wichtig.

Die Krise hat auch nicht nur schlechte Seiten. Unsere Gesellschaft hat schon lange „eine Watschen“ verdient, um mal vom hohen Ross gestoßen zu werden.

Durch Krisen wächst man immer. Nicht jeder wird durch die Corona-Krise auch geistig wachsen, aber viele werden hinterfragen, was Sinn macht und was nicht. Was brauche ich, was kaufe ich, wohin reise ich?

Davor hatten wir das Gefühl, wir sind unverwundbar.

Auf andere Rücksicht zu nehmen ist durch das Tragen einer Maske eine auferlegte Maßnahme geworden. Rücksicht auf andere zu nehmen war vor Corona out. Da waren schon sehr viele auf einem Ego-Trip unterwegs.

Rücksichtnahme ist ein Wert, den die Gesellschaft jetzt wieder lernt, das finde ich gut. Wie nachhaltig dieser Lernprozess ist, werden wir sehen.

117840574_658288168378636_5072342120427452897_n

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Welche Rolle die Kunst in dieser unsicheren Zeit eingenommen haben wird, werden wir, denke ich, erst retrospektiv sagen können.

Als Neubeginn werden wir unsere Werte jedenfalls definieren müssen, jeder für sich.

Generell hat es durch die Corona-Krise aber schon viele neue Initiativen gegeben, die zeigen, wo sich die Kunstwelt digital hineinentwickeln könnte, wenn die Ausstellungsräume nicht bespielt werden können. Solch eine Entwicklung mitzuverfolgen ist sehr interessant.

Im Mai war ich Teilnehmerin einer Kollaboration mit einem amerikanischen Filmemacher mit einer Online Vernissage am Ende. Initiiert wurde dieses Projekt von den Österreichischen Konsulaten in den USA. Die Erfahrung war genial.

Wir saßen mit Prosecco vor den Laptops, und die Eröffnung war genauso feierlich, wie bei einem realen Event. Man konnte Räume begehen und beim Hineinzoomen private Gespräche mit den Besuchern führen.

Kunst dokumentiert immer schon den Zeitgeist, und ich glaube, dass an keinem Künstler diese Zeit vorbeigehen wird, ohne dass sie Spuren in den Arbeiten hinterlässt.

In Salzburg gibt es derzeit eine Ausstellung in der ich vertreten bin, bei der ein Teil der Einkünfte dem Klimaschutz zugute kommt. Sie heißt: ART FOR A BETTER WORLD.

Ich glaube, dass es in Zukunft mehr Initiativen dieser Art geben wird, wo Kunst auch einen karitativen Zweck erfüllt und wichtige gesellschaftliche Themen anspricht.

117880869_642267376663926_3450339446442583265_n

 

 

Als ich mit 18 Jahren Kunst studieren wollte, hat mein Großvater zu mir gesagt:

“ Kunst, kunst ma net a Göd geben?“

Für mich war immer klar, dass ich neben meiner freien künstlerischen Tätigkeit auch einen „normalen“ Brotjob habe. Ich denke, dass man als Künstler viel besser produzieren kann, wenn man krisensicher aufgestellt ist.

Ich unterrichte mit einer halben Lehrverpflichtung am Gymnasium Zell am See. Vor Corona wurde ich deshalb manchmal von Künstlerkollegen belächelt, weil ich auch in der Schule arbeite. Jetzt bekomme ich plötzlich Reaktionen der Bewunderung. Das ist verrückt.

Ich hoffe, dass in der Kunstwelt ein Aufbruch im Sinne von Öffnung stattfindet, und es in Österreich mehr um Qualität geht, und nicht darum, wessen Klasse man besucht hat, oder wen man persönlich kennt.

117837505_222946009103327_1435782908396909677_n

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich mag Sachbücher und lese momentan ein Buch über den Körper in der Bildenden Kunst.

 

117893061_730565160825705_3395531335031456069_n

 

Wirklich ein Buch gelesen habe ich letzten Sommer im Urlaub in Marrakesch. Das war ein herzerfrischender Roman. Ich wünschte ich hätte mehr Zeit zum Lesen, das ist wie Urlaub ohne sich wegbewegen zu müssen.

 

117888219_759463254856407_3150730760265503340_n

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

                        Can you do something about it?

            NO                                                                             YES

So why worry?                                                      So why worry?

 

117858166_912826389201252_8048043299658893683_n

 

Vielen Dank für das Interview liebe Doris, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Doris Schamp, Bildende Künstlerin und Illustratorin

HOME

 

Alle Fotos_Doris Schamp

 

18.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s