„Wir steuern auf eine Welt zu, in der die Arbeit als Lohnarbeit einmal ausgedient haben wird“ Iris-Maria Stromberger _ Schauspielerin, Schriftstellerin _ Wien 19.10.2020

Liebe Iris Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich war seit Anfang Juli in der glücklichen Lage, wieder proben zu dürfen. Am 14. August konnten wir die Premiere feiern, nachdem wir etliche Wochen die sich wieder zuspitzende Lage der Corona-Erkrankungen verfolgten. Wir spielten im Freien mit genügend Abstand unter den ZuseherInnen, waren dabei jedoch eingeschränkt durch die jeweilige Wetterlage. Ungewohnte Bedingungen für mein Ensemble, mit dem ich hier fast jeden Sommer spiele. (Junges Theater Klagenfurt). Während des Lockdowns war es immer wieder ein Kraftakt, den Tag mit kleinen und größeren Aufgaben zu füllen. Gleichzeitig konnte ich das erste Monat gut zum Schreiben nutzen und einen Text finalisieren- das Stück wird kommenden Winter uraufgeführt. Wenn das Virus es will… 🙂

Iris Maria Stromberger _ Foto _Florentina Amon

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, es ist wichtig, das Virus Ernst zu nehmen, verantwortungsvoll zu handeln, ohne die Lebendigkeit völlig zu untergraben. Wir haben alle (unterschiedlich starke) Bedürfnisse nach Nähe, Beisammensein, Austausch im Live-Modus, nach der physischen Präsenz anderer Personen. Hier gilt es abzuwägen. Wen möchte ich tatsächlich berühren, wieviel Kontakt benötige ich, um meine Psyche zu versorgen und gesund zu bleiben? Worauf kann ich – Hand aufs Herz- gut verzichten? Und wieviel Bussi-Bussi-Gesellschaft war mir ohnehin immer lästig? Eine isolierte, vereinzelte, kontaktscheue Gesellschaft darf ebensowenig Folge der Corona-Krise sein wie eine zynisch-verrohte Haudrauf-Kultur. Ob Corona-Party oder zwanghafte Selbstisolation, beides sind traurige Auswüchse einer überfordernden Situation.

Ich denke, es ist wichtig Halt zu finden. Einen Blick nach innen zu werfen, falls dieser durch Geschäftigkeit gerne und leicht abgelenkt wird. Denn wenn es darauf ankommt, halten wenige Dinge dem Vakuum stand.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst zu?

Ich habe als Theatermacherin und Schauspielerin natürlich spezifisch eigene Ansprüche an mein Erzeugnis, aber allgemein halte ich eine breite Streuung und Förderung von künstlerischen Produkten für gesellschaftlich wichtig und wertvoll.

Aus meiner Sicht hat die Kunst dieselbe Aufgabe wie seit jeher: Vorlaut sein und sich nichts dreinreden lassen. Kunst soll nicht von der Politik vereinnahmt werden, nicht von herrschender noch von unterdrückter Ideologie. Im besten Fall ist ihre Ideologie nichts als sie selbst. Kunst oder Theater kann ohnehin nie auftreten, ohne gesellschaftlich relevante Kommentare zu hinterlassen. (Außer es handelt sich um eine wirklich stumpfsinnige Schenkelklopfer-Komödie)

Darum möchte ich dem Theater keine andere Bürde auftragen als vielleicht diese: Weiterzumachen.

Die Gesellschaft benötigt aus meiner Sicht eine bedingungslose Grundsicherung für alle Menschen, da wir auf eine Welt zusteuern, in der die Arbeit als Lohnarbeit einmal ausgedient haben wird. Es gilt, einen Lebenssinn zu fördern, der über den Broterwerb hinausgeht. Auch dafür kann das Theater gute Impulse geben, indem es das Thema direkt anspricht oder allgemein Menschliches verhandelt.

Was liest Du derzeit?

Ich habe vor Kurzem den Roman „Vater Unser“ der jungen Kärntner Autorin Angela Lehner gelesen, den ich sehr weiterempfehlen möchte. Im Mittelpunkt steht die „Anti-Heldin“ Eva, welche einen Amoklauf im Kindergarten behauptet, um in der Psychiatrie aufgenommen zu werden. Sie ist Überlebenskünstlerin, Schwindlerin, voller Lebensenergie und der festen Überzeugung, ihren magersüchtigen Bruder aus den Fängen der ÄrztInnenschaft retten zu müssen. Der Welt aus Evas Sicht zu begegnen ist ein großes Lesevergnügen aus schwarzem Humor und provokant-widerspenstigen Gedanken.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Gerne eine Zitat von Theodor Adorno, das ich mir wie durch ein Wunder gemerkt habe (Zitate sind wirklich nicht meines, aber dieses ist an Poesie kaum zu überbieten). Aus dem Text Sur l´eau: „Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen.“ 

Vielen Dank für das Interview liebe Iris-Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Iris-Maria Stromberger_Schauspielerin, Schriftstellerin

https://www.landestheater-linz.at/public/Person%20Details?pid=2879

Foto_Florentina Amon

17.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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