„Wir stehen vor dem Anspruch, sinnvolle Formen des literarischen Ausdrucks für etwas zu finden, während wir es zugleich ganz real bewältigen müssen“ Judith Hennemann, Schriftstellerin _ Frankfurt/Main 18.10.2020

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite als Referentin für Organisationsentwicklung. Also geht es mir wohl wie den meisten, die als Angestellte in einem großen Unternehmen arbeiten: Ich bin nun gut 50% meiner Arbeitszeit im Homeoffice, Geschäftsreisen finden nicht statt und Veranstaltungen nur in virtueller Form. Die Arbeitswelt wirkt seltsam verändert: Das Alltägliche erscheint mir umständlich, Kommunikation in virtueller Form hat etwas Ungelenkes, neue Gepflogenheiten werden erprobt. In gewisser Hinsicht sind wir jetzt Rookies. Zugleich ist durch die Reduzierung von Optionen auch in den Unternehmen eine Art Raum entstanden. Es stellt sich die verlockende Frage: Wie nutzen wir ihn sinnvoll?

Judith Hennemann

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage kann ich nur für mich selbst beantworten. Ich versuche, den Überblick und die eigene Haltung nicht zu verlieren. Im Kern bedeutet das, feinsinniger auf Menschen zuzugehen, um herauszufinden, welche Risiken wir gemeinsam eingehen wollen und können. Das ist ein dynamischer, anstrengender Prozess, der wertvolle Erkenntnisse beinhaltet.

Zugleich spüre ich einen starken Veränderungsdruck, was meine Kompetenzen und mein Verhalten angeht. Im Moment versuche ich, digitale Kompetenz aufzubauen. Ich spüre dabei den altbekannten Druck und dieselbe Verunsicherung, die technische Entwicklungen häufig in mir auslösen. Tatsächlich verhärtet sich bei mir der Eindruck, dass die Corona-Pandemie wie ein Kontrastmittel wirkt: Du kriegst einen klareren Blick für die Schwierigkeiten, die wir uns alle miteinander eingebrockt haben. Damit kann man doch arbeiten!

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Als Autorin bin ich in Krisen und Umbrüche selbst verstrickt. Wir stehen vor dem Anspruch, sinnvolle Formen des literarischen Ausdrucks für etwas zu finden, während wir es zugleich ganz real bewältigen müssen. Das macht mich wütend und ist mir zu viel auf einmal. Trotzdem ist es meine Rettung, wenn aus dieser Überforderung irgendwie doch ein Gedicht entsteht. Daran erkenne ich, dass ich an Souveränität hinsichtlich eines Themas gewonnen habe. Meine Lyrik erscheint mir hierbei nicht „systemrelevant“, sie ist lediglich Ausdruck meiner eigenen Auseinandersetzung mit einer Situation. Kunst oder Literatur entsteht für mich nicht wegen der Krise oder der Notwendigkeit eines Aufbruchs, sondern trotzdem. Daran erkennt man, welche Kraft sie hat.

 

 

Was liest Du derzeit?

„Erebus“ von Michael Palin. Ein fabelhaftes dokumentarisches Buch über die Franklin-Expedition in die Arktis. Ich empfehle es in Kombination mit dem Roman „Terror“ von Dan Simmons. Erebus und Terror sind zwei Segelschiffe, die im 19. Jahrhundert im Eis der Nordwestpassage verschollen sind. Man fand die Wracks erst 2014 und 2016. Ich bin versessen auf alles, was mit der Erkundung der Nordwestpassage zu tun hat. Die Offiziere der Expedition kenne ich einzeln mit Namen!

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Michel Houellebecq schrieb kürzlich sinngemäß in einem Essay: Diese Epidemie vollbringt die Leistung, beängstigend und langweilig zugleich zu sein.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Hennemann, Schriftstellerin

http://www.dielmann-verlag.de/de/content/hennemann-Judith

Foto_privat

17.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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