Todestag Ingeborg Bachmann_ “Ich denke an sie wie an ein Mädchen” Heinz Bachmann_London_17.10.2020

Zum 17. Oktober 1973 im Gedenken an meine Schwester Ingeborg:

Jahrelang fiel es mir schwer über den Tag des Unfalls, ihren Tod und die Zeit danach zu reden.

Zur Zeit des Unfalls in der Nacht vom 26. September lebte ich mit meiner Frau Sheila in Dakar, Senegal. Telefonische Kommunikation nach Afrika war sehr problematisch in diesen Jahren.  Es muss der 29. September gewesen sein, als ich wegen einer Geschäftreise nach Holland reisen musste.

„Ingeborg, wie ich sie in Rom sah – Fotografien 1962“ Szenische Ausstellungseröffnung _Heinz Bachmann und Isabella Jeschke, Schauspielerin, Musilhaus Klagenfurt 25.Juni 2016

Am Tag darauf rief ich in Klagenfurt an. Es meldete sich meine Nichte Christine Moser. Meine erste Frage war: Wie geht es dir? Ihre Antwort war: Ja weißt du denn nicht? Ich: Was? Christine: Tante Inge hat einen schweren Unfall gehabt und liegt mit Verbrennungen im Krankenhaus. Ich war wie vom Donner gerührt und geschockt.

Meine Schwester Isolde Moser war nach Rom gereist und unsere Mutter war in Kötschach um Isoldes Mann Franz Moser mit den sechs Kindern zu helfen. Das Jüngste war gerade 3 Jahre alt. Ich unterbrach meine Geschäftsreise und flog sofort nach Rom, eilte in die Wohnung in der mich Isolde erwartete. Die Wohnung war neu für mich, denn ich hatte meine Schwester seit ihrer Übersiedlung nicht mehr besucht.

Es kamen Freunde, die ich schon von früheren Besuchen in Rom kannte. kurz vorbei und boten uns an mit ihnen ins Krankenhaus mitzukommen. Mein Versuch mit Ingeborg über die Telefonanlage der Isolierabteilung zu sprechen, scheiterte. Mein zweiter Versuch beruhigend mit ihr zu sprechen war auch am nächsten Tag erfolglos, ich bekam keine Antwort. Es war klar, dass eine Erholung von diesen Verbrennungen lange dauern würde. In einem  letzten Versuch versprach ich Ingeborg, dass meine Frau Sheila kommen würde um Isolde beizustehen.

Probe „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Wien Juni 2016. Heinz Bachmann, Isabella Jeschke, Sheila Bachmann (sitzend von links) , Walter Pobaschnig (stehend).
„Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Fotografien_Heinz Bachmann, Ausstellung_Musilhaus Klagenfurt 2016
Vernissage Feier „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Landhaushof Klagenfurt. Heimo Strempfl (Dir.Musilhaus Klagenfurt), Heinz Bachmann, Isolde Moser, Michael Moser, Isabella Jeschke, Walter Pobaschnig (von links)_25.Juni 2016

Meine Frau hatte ich sofort per Telegramm an meine Firma benachrichtigt mit der Bitte eine Romreise vorzubereiten. Sie benötigte nicht nur einen Flugschein sondern auch ein Ausreisevisum.

Was ich schon kurz nach meiner Ankunft bemerkt hatte, war eine unheimliche Entwicklung von Gerüchten über die Umstände des Unfalls. Damit einher gingen auch Gruppenbildungen innerhalb der Freundeskreise Ingeborgs. Das ganze war mir unerklärlich und kam zu dem unglaublichen Stress dieser Situation  und der Zweifel, ob unsere Schwester überleben würde. Wir hatten immer noch Hoffnung.

Ungern ließ ich Isolde allein in Rom, denn ich musste zurück in den Senegal. Sheila hatte schon die Reise nach Rom vorbereitet. Sie reiste nach meiner Rückkehr nach Rom, traf sich mit Isolde und beide gingen in das Krankenhaus. Am nächsten Tag kam die Hiobsbotschaft, dass auch Isoldes Mann Franz nach einem Unfall gestorben war. Wer kann sich diese Situation vorstellen in der Isolde war? Es fehlen die Worte um dies zu beschreiben.

Nach Ingeborgs Tod am 17. Oktober trafen Isolde, Sheila und ich uns in Rom in einer Situation, die kaum zu erfassen war. Wir hatten drei Familienmitglieder in wenigen Monaten verloren, – unser Vater war ein halbes Jahr vorher gestorben. Für uns alle bagann ein neues Kapitel in unserem Leben. Es war keine Zeit für Trauer. Eine Flut von Gerüchten, die keinerlei Basis hatten, brach über uns herein. Ein Albtraum. Isolde war Alleinerzieherin von sechs Kindern geworden, der Nachlass unserer Schwester Ingeborg musste geordnet und auch soweit wie möglich publiziert werden. Verlage, Verträge etc eine Flut von ungewohnten Verpflichtungen waren die Folge.

Aber dies soll eine Hommage an Ingeborg werden. Heute ist der Albtraum in weite Ferne gerückt. Das Schöne unserer Beziehung ist im Vordergrund. In meiner Erinnerungen sind die Unterstützung, die sie für mich im Laufe des Lebens war, das Wichtige. Als Erwachsener war auch ich eine Stütze für sie, als sie große finanzielle Probleme hatte.

Das Schönste waren die Momente ihrer Besuche im Haus in Klagenfurt oder im Gailtal. Ingeborg konnte wunderbar Anekdoten erzählen und unterhielt die ganze Familie, wenn sie auf Besuch war.

Meine Reisen nach Rom sind unvergesslich, wir gingen gut essen, sogar tanzen in den berühmten Piper Club. Machten in Rom große Spaziergänge oder fuhren an den Strand nach Ostia. Später besuchte ich sie in Rom zusammen mit meiner Frau Sheila. Die beiden verstanden sich von Anfang an wunderbar.

Rom, Palazzo Saccetti, Letzter Wohnsitz von Ingeborg Bachmann in Rom _ Fotos _Walter Pobaschnig 2018.

Ingeborg erwog nach London zu übersiedeln um in unserer Nähe zu sein. Wir übersiedelten allerdings bald arbeitsbedingt in den Senegal. Sie hatte sogar Pläne uns dort zu besuchen, aber dazu kam es nicht mehr als unser Vater im März 1973 starb.

Heute denke ich an den Nachruf von Heinrich Böll, der wohl  der schönste ist : “Ich denke an sie wie an ein Mädchen”. So scheint es mir auch aus meiner Perspektive als Mann im fortgeschrittenen Alter. Sie starb mit 47 Jahren und dieses Jahr sind es 47 Jahre seit ihrem Tod.

„Ingeborg Bachmann am Kärntner See“ Foto_Ingeborg Bachmann Erben

Text_Heinz Bachmann, London 17.10.2020

4 Gedanken zu „Todestag Ingeborg Bachmann_ “Ich denke an sie wie an ein Mädchen” Heinz Bachmann_London_17.10.2020

  1. Lieber Heinz Bachmann, Ihnen vielen Dank für diese bewegenden Erinnerungen an Ihre geliebte Schwester Ingeborg, das Leiden an ihrem Tod und die erhebenden Erinnerungen an die schönen Zeiten mit ihr in der Familie und bei Besuchen in Rom.
    Mit guten Wünschen in diesen schwierigen Corona-Zeiten und herzlichen Grüßen im Gedenken an die große, zu früh von uns gegangene Dichterin, Ihr Peter Beicken (Prof. Em.)

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  2. Lieber Heinz,

    das ist eine wunderbare Erinnerung an Ihre Schwester! Man kann ja nicht umhin, ueber die dunklen Tage dieser Zeit nachzudenken, aber es gab fuer Sie mit ihr zusammen in Rom doch auch schoene Tage, die in Ihrer grossen Fotoserie verewigt sind. Daran kann man festhalten. Am schoensten vielleicht ist das Foto von Ingeborg am See. Man moechte sogar bei diesen Temperaturen ins Wasser springen!

    Sehr herzlich und mit vielen lieben Gruessen fuer Sie und Sheila

    Ihr
    Leo Lensing

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  3. Lieber Herr Bachmann,
    Ihre Worte rühren und bewegen wohl jeden, der sie liest. Vielen Dank, dass Sie die schweren und die schönen Erinnerungen an Ihre Schwester mit uns teilen.
    Herzlich grüßt Sie
    Susanne Ayoub

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  4. Lieber Heinz,
    vielen Dank für Deine Erinnerungen an Ingeborg. Mich hat alles interessiert, was ich gelesen habe. Als Germanistik Studentin, hatte ich sehr wenig Informationen über diese literarische Zeitspanne. In den Jahren1970-80 existierte in der Tschechoslowakei praktisch nur Klassizismus und Romantismus und die Literatur der DDR. BRD, Österreich und die Schweiz waren praktisch tabu.
    Vielen dank auch für Eure Familienfreundschaft. Als deine Slowakisch lehrerin gebe ich dir für den Vortrag eine 1!.
    Vielen dank Dir und Sheila!
    Ilonka

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