„Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen jetzt in extreme Standpunkte verfallen“ Melamar_Schriftstellerin_Wien 8.10.2020

Liebe Melamar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe auf, bereite Kaffee zu, mache mich frisch, setze mich an den Schreibtisch.

Manchmal ist da die Erinnerung an einen Traum, diesen notiere ich. Dies führt gleich zu weiterem Schreiben. Anderntags starte ich den Computer, lese Nachrichten, E-Mails, beantworte, was gleich beantwortet sein will, telefoniere, bin dann sozusagen im Büro.

Nach ca drei Stunden wandere ich in die Küche, kümmere mich um Essbares und Haushalt. Anschließend fahre ich meine Patenhündin im Tierschutzhaus besuchen, eine äußerst liebe, aber sehr scheue junge Hundedame aus Kroatien. Vom Tierschutzhaus aus fahre ich in mein Text-Atelier, in meinen Arbeitsraum, um zu schreiben oder an einer Übersetzung zu arbeiten oder einen Text Korrektur zu lesen. Für gewöhnlich verweile ich dort bis spät nachts.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich Freunde treffe, Veranstaltungen besuche, auch wenn es gerade jetzt nicht sehr viele davon gibt, Einkäufe erledige, lange Spaziergänge unternehme, in der Lobau beispielsweise oder im Lainzer Tiergarten.

Es gibt Foto-Tage, an denen ich mit meiner Kamera losziehe. Zum Glück sind nicht alle Tage gleich.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde sagen: Besonnenheit. Man muss vorsichtig sein und doch darf man sich nicht von Angst beherrschen lassen. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen jetzt in extreme Standpunkte verfallen. Auf Facebook wird das für mich besonders sichtbar. Da gibt es Menschen, die sprechen von „Corona-Hysterie“ und meinen, alle Sicherheitsmaßnahmen, wie zum Beispiel Mund-Nasenschutz in der U-Bahn, wären völlig übertrieben, andere wiederum behaupten, die Regierung würde fahrlässig handeln, weil die Maßnahmen ihnen nicht weit genug reichen. Ich habe Freunde aus beiden Lagern und stehe selbst mitunter etwas ratlos in der Mitte.

Was es auch braucht, ist Kreativität und nicht nur im künstlerischen Sinne. Durch das Aushebeln des Epidemiegesetzes stehen jetzt viele Betriebe vor dem Nichts, unter ihnen auch Veranstaltungsorte, mit denen ich mich verbunden fühle, weil ich dort Lesungen und andere Kulturveranstaltungen gemacht habe. Es braucht kreative Ideen, um Überlebensstrategien zu entwickeln, alternative Konzepte, neue Einnahmequellen. Crowdfunding ist eine gute Sache, aber das alleine wird nicht reichen.

Es braucht auch Widerstandsgeist. Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen! Ich sehe die Regierung in der Verantwortung, den wirtschaftlichen Schaden, der durch die Corona-Maßnahmen entsteht, auszugleichen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst spiegeln den menschlichen Geist wider. Sie sind keine Luxusgüter, sondern essentieller Bestandteil menschlichen Seins. Jetzt gerade gibt es nur sehr wenige öffentliche Veranstaltungen und da wo Lesungen, Ausstellungen und Konzerte stattfinden, tun sie es im kleinen Rahmen. Wenn diese Krise – in hoffentlich naher Zukunft – überwunden sein wird, wird es zu einem Boom kommen. Davon bin ich überzeugt. Die Menschen werden hungrig nach Kunst und Kultur sein. Künstler*innen aller Sparten werden ihre Spielfreude wieder vor Publikum zelebrieren können und sie werden dieses Publikum mitreißen. Momentan sind die Nachrichten voller Meldungen über Krankheit und Tod, dieser Phase des Thanatos wird zwangsläufig eine Phase des Eros und der Lebensfreude folgen und die Literatur wird dies ebenso ausdrücken wie alle anderen Künste.

Was liest Du derzeit?

Bei mir gibt es immer mehrere Bücher mit Lesezeichen. Manche meiner Freunde finden dies schrecklich. Ich bin gerade dabei die „Metamorphosen“ des Ovid auszulesen und habe ein Sachbuch über „Angsthunde“, das auch so heißt, von Bettina Specht, begonnen. Und dann gibt es noch Lyrikbände, die ich in kleinen Häppchen genieße, unter ihnen die „Datenpoesie“ von Jörg Piringer.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

ich bin eine träumerin und ich gestehe, in der welt, aus der ich ich stamme,

ist dies ein schimpfwort und kein ehrentitel. noch nicht!

Vielen Dank für das Interview liebe Melamar, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke! 🙂

5 Fragen an KünstlerInnen:

Melamar: Autorin, Veranstalterin, Schreibtrainerin

http://melamarpoetry.blogspot.com/

Foto_ Walter Pobaschnig_Station bei Bachmann 8_20.

26.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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